24 Künstler für 30 Artikel

Premiere im Eresinger KulturRathaus: Menschenrechte in Bildern

Kurator Christian Buchard vor den ersten zehn ‚Artikeln‘.
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Kurator Christian Buchard vor den ersten zehn ‚Artikeln‘.
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Eresing – Was könnte ein würdiges Thema für eine Ausstellung sein, mit der ein neues Rathaus eröffnet wird? Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage stieß Christian Burchard schnell auf die Allgemeine Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen. Die 30 darin enthaltenen Artikel künstlerisch umsetzen – diese Aufgabe gab der Vorsitzende des Eresinger Kunstfördervereins Vis-à-vis 24 Künstlern aus der Region. Die Resultate hängen seit einigen Tagen im Foyer des neuen KulturRathauses in Eresing. Kompakt, nachdenklich und eindrucksvoll reflektieren sie die Werte, die in der Menschenrechts-Charta seit 1948 festgeschrieben sind.

Eine Vernissage zur Ausstellung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ konnte es coronabedingt ebensowenig geben wie eine offizielle Eröffnung des KulturRathauses. Doch jeder, der künftig zur Bürgermeistersprechstunde ins Gebäude kommt, wird im Foyer von den Kunstwerken begrüßt. Noch bevor der Blick auf die 30 Bildtafeln an der Wand fällt, sieht man sich einer Figur von Holzbildhauer Josef Lang gegenüber.

„Der dicke Rote“ soll Schwellenängste überwinden helfen, erklärt Christian Burchard. Aber nicht nur das. „Die Figur wirkt schüchtern, steht aber mit klotzigen Beinen fest auf dem Boden.“ Für den Kunsthistoriker und Kurator ist sie ein Symbol für Bürgersinn und den Mut, einen eigenen Standpunkt zu vertreten. Die gesamte Ausstellung schlägt eine Brücke von Eresing zum Rest der Welt, vom Einzelnen zum Kollektiv. „Sie zeigt, wie unsere Gemeinde im Kleinen mit der Welt im Großen verbunden ist.“

Dem Rathaus-Eingang gegenüber hängt ein Bild, das auf den ersten Blick eine blaue Wasserfläche darzustellen scheint. Steht man aber unmittelbar davor, erkennt man jedoch, das hier in winziger blauer Schreibschrift auf Plexiglas die 30 Artikel der Menschenrechtserklärung sowie die Präambel stehen. Über zwei Monate hat der Holzhausener Künstler Wenzel Ziersch daran gearbeitet.

Die einzelnen Artikel haben 23 Künstler aus dem Landkreis Landsberg und ein Starnberger Kollege auf ganz unterschiedliche Weise umgesetzt. Der Ere­singer Zeichner und Theatermaler Karl Witti hat allein sieben Werke beigesteuert, darunter eines zum Artikel 1: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Wie diese Begriffe auf wenig mehr als Din-A-4-Format sichtbar machen? Witti hat dafür die Metapher eines Regenbogens gewählt – schlicht und schön, drückt er gleichzeitig Fragilität aus. Was wirkt erhabener, was verlischt schneller als ein Regenbogen? Darin steckt ein ebenso klarer wie unaufdringlicher Appell. Wenn die Menschenrechte Bestand haben sollen, müssen sie täglich gelebt und verteidigt werden.

Das Diskriminierungsverbot aus Artikel 2 hat ebenfalls Witti künstlerisch umgesetzt – mit Hilfe einer Textzeile von Bob Dylan („He couldn‘t get in, all because of the color of his skin“). Dieses Zitat geht Christian Burchard besonders nahe, denn er hat in seiner Jugend Diskriminierung aus nächster Nähe beobachtet. Er wuchs teilweise in Südafrika auf und wurde Zeuge der täglichen Demütigung Schwarzer durch das Apartheid-Regime. „Am Vordereingang des Postamts hing ein Schild mit der Aufschrift ‚Europeans only‘. Schwarze mussten eine schäbige Hintertür benutzen. Ich habe erlebt, was das mit Menschen macht.“

Ganz verschiedene Stile hängen in der Ausstellung Seite an Seite. Matthias Czybulkas naive Berglandschaft, durchkreuzt von einer rot-weißen Eisenbahnschranke, beschreibt das Verbot willkürlicher Festnahmen und Ausweisungen. Einen pessimistischen Blick auf das Recht auf Wohlfahrt wirft Baird Cornell in seiner Darstellung herabfallender Blätter und Bitcoins auf einem Stück Juteteppich. Das Porträt einer Person, die von außen durch eine Jalousie schaut, symbolisiert für den russisch-stämmigen Eresinger Alexander Ewgraf das Recht auf Staatsbürgerschaft. Auch Fotos, bearbeitete Zeitungsausschnitte, Drucke und Reliefs finden sich unter den Werken.

Die Ausstellung bleibt bis zum Sommer in Eresing und kann zu den Öffnungszeiten des KulturRathauses (Montag und Mittwoch 17.30 bis 19 Uhr sowie Freitag 15 bis 16.30 Uhr) besichtigt werden. Im Herbst ist sie dann noch einmal in der Rathausgalerie in Landsberg zu sehen (21. Oktober bis 14. November).

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