Mobilitätsforum in Dießen

Aktenzeichen Mobilität ungelöst

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Temperament- und humorvoll sprach der Berliner Professor Dr. Andreas Knie über die Zukunft der Mobilität. Unter den aufmerksamen Zuhörern Tobias Schürer, Bettina Hölzle, Thomas Eichinger, Silke Hohagen und Sabine Pittroff (von links).

Dießen – Tobias Schürer, Gastgeber des Mobilitätsforums der Frauen-Union Ammersee-West, erlebt den Verkehrsgau tagtäglich. Vor seinem Autohaus in der Johan­nisstraße herrscht speziell zur Rush Hour abends zäh fließender bis stehender Berufsverkehr. „Wann kommt der Quantensprung und wie sieht die Zukunft der Mobilität im ländlichen Raum aus?“ Zu diesem Thema gab es eine interessante Diskussionsrunde, die natürlich keine Lösung, allenfalls Ideen und Vorschläge brachte.

Als Hauptreferenten hatte die FU-Vorsitzende Silke Hohagen den Mobilitätsforscher Prof. Dr. Andreas Knie (58) vom Wissenschaftszentrum Berlin eingeladen. Er befasst sich seit vielen Jahren mit möglichen Zukunftskonzepten der Mobilität auf dem Lande, bei der sich alternative Antriebsformen, Sharing-Modelle und digitale Plattformen verbinden. Eine Lösung sei angesichts von 47 Millionen PKWs in Deutschland dringend nötig, wobei allein in Bayern 7,97 Millionen Autos zugelassen sind. Die Straßen und Parkkapazitäten reichen nicht mehr aus und die Umwelt wird immer mehr belastet. „So, wie es bisher funktioniert hat, geht es nicht mehr weiter. Wir müssen uns Gedanken machen, wie der Verkehr in Zukunft aussieht“, so Professor Knie in seinem lebhaften Vortrag.

Vor allem auf dem Lande müsse man Lösungen für den Individualverkehr finden, der leider notwendig sei, weil der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) unzureichend ist. „Meist fehlt die berühmte letzte Meile“, so Knie. Also nehme man doch lieber das Auto.

Knie plädierte für eine Abkehr von der autonahen Verkehrspolitik und hin zu einer Verkehrswende mit mehr Flexibilität öffentlicher und privater Angebote. Dazu müssten politische und rechtliche Rahmenbedingungen geändert werden. Die digitalen Plattformen würden es möglich machen, Mobilitätsangebote wie Carsharing oder „Call a bike“ zu kombinieren. „Wir brauchen mehr Beweglichkeit mit weniger Autos“, so die einfache Zukunftsregel.

Als nachahmenswertes Beispiel nannte Knie das bei uns umstrittene US-Unternehmen Uber, das Online-Vermittlungsdienste zur Personenbeförderung an private Fahrer mit eigenem Auto anbietet. Dazu müsste bei uns das Personenbeförderungsgesetz geändert werden, aber, so Knie, „unsere Gesetze sind einer Wende im Wege“. Als Verfechter von Elektroautos gab es von Knie auch einen Seitenhieb auf die deutsche Automobilindustrie. „Wir bauen die besten Dieselmotoren der Welt, aber den Elektrotrend haben wir verschlafen.“ Ein Thema übrigens in Professor Knies neuem Buch „Taumelnde Giganten – Gelingt der Autoindustrie die Neuerfindung?“

Unrentabler ÖPNV

Das Problem mit dem ÖPNV sprach auch Landrat Thomas Eichinger an. 31 Gemeinden im Landkreis seien angeschlossen und oftmals sei die Auslastung unrentabel unter 20 Prozent. 1,5 Millionen Euro betrage hier das Defizit für den Landkreis und man müsse sich de Frage stellen, ob das im Haushalt noch vertretbar sei. „Das eigene Auto hat bei uns heute und auch in Zukunft noch Priorität, weil es einfach bequemer ist“. Eichinger bemühe sich seit vielen Jahren um eine Teillösung mit dem Anschluss an den MVV. Wobei die Bahnlinie am Ammersee-Westufer entlang wegen fehlender Elektrifizierung ausgeklammert werden muss.

Eine Lösung ganz ohne Autos stellte Sabine Pittroff mit den Mitfahrerbänken vor. Den Weg von A nach B für Menschen ohne Auto gebe es bereits in Asch, Leeder, Schondorf und Seestall. Und bald auch in Greifenberg, Finning, Türkenfeld und der Marktgemeinde Dießen.

Gastgeber Tobias Schürer stellte die Frage, ob der klassische Autohandel angesichts der Veränderungen noch eine Zukunft hat. Werde man sein Auto künftig im Internet bestellen, ein Auto-Abo mit Flatrate buchen oder auf Carsharing zurückgreifen? Alles sei möglich, sogar die digitale Zubuchung von mehr PS bei Elektroautos und eine Probefahrt auf der heimischen Couch mittels einer Spezialbrille.

Professor Knie konnte Schürer beruhigen. Der stationäre Autohandel habe schon viele Krisen überlebt und die persönliche Beratung werde auch in Zukunft gefragt sein. Dass das eigene Auto kein Statussymbol mehr sei, bestätigte Bettina Hölzle von Audi. Die Menschen seien genervt, weil 25 Prozent ihrer Zeit im Auto bei der Parkplatzsuche drauf gingen. Bundestags­abgeordneter Michael Kießling brachte einen weiteren Aspekt in die Diskussion um die Eindämmung der Verkehrsflut vor allem im Berufsverkehr mit meist nur einer Person im Auto: Die Arbeit im Home-Office zumindest an ein bis zwei Tagen in der Woche solle soziale Praxis werden.

Dieter Roettig

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