"Trau Dich!" gegen sexuellen Missbrauch

Nein sagen

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„Trau Dich“ ist eine Initiative zum Thema sexueller Missbrauch für Kinder: Wolfgang Bartel vom Jugendamt, Margit Erades-Peterhoff und Bianca Karlstetter von der SOS-Beratungsstelle Landsberg, Schulpsychologin Britta Vogel sowie Schulamtsleiterin Monika ZIntel (hintere Reihe von links), Constanze Kastenhuber von der Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen und Felicitas Wischer von der BZgA (vorderer Reihe von links).

Landsberg – Sexueller Missbrauch. Ungefähr jedes zehnte Kind ist davon betroffen, also pro Schulklasse ein bis zwei. Diese Angaben der WHO zeigen, wie präsent das Thema ist. Bayern kooperiert als sechstes Bundesland in der bundesweiten Initiative „Trau Dich!“, die auf Basis des gleichnamigen Theaterstücks die Themen körperliche Selbstbestimmung und sexueller Missbrauch für Kinder von acht bis zwölf Jahren aufarbeitet. Angegliedert sind mehrere Institutionen des Landkreises. Das Projekt hilft Kindern, sich zu wehren, und Erwachsenen, die Signale betroffener Kinder zu erkennen. Vergangene Woche haben 300 Schüler und 30 Lehrer der Grundschulen im Landkreis das zugehörige Stück im Stadttheater erlebt.

„Leider mussten wir Klassen abweisen“, berichtet Felicitas Wischer von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). „Das Stück ist interaktiv, die Kinder müssen erreichbar sein.“ In „Trau Dich!“ geht es um Gefühle, Grenzen und Vertrauen. Die deutsch-schweizerische „Kompanie Kopfstand“ entwickelte das Stück gemeinsam mit Kindern. Projekttage ergaben den Inhalt, die in diesen Tagen entstandenen Videodokumentationen werden ins Stück einbezogen. Das Ergebnis ist authentisches und kluges Theater, das das Thema Missbrauch in verschiedenen Konstellationen betrachtet. Musik verhilft den Kindern zu Verschnaufpausen. Und ja, es darf auch gelacht werden.

Wenn zum Beispiel Vladimir immer von Oma diese „ekligen Schlabberküsse“ bekommt. Will er nicht, aber Oma hört nicht auf. Die Schauspieler bitten die Kinder um Rat. Eine Antwort: „Nein sagen“. Eine andere: „Einen Brief schreiben“. Das macht Vladimir, zusammen mit den Kindern. Es ist schwierig, Gefühle zu äußern, ohne Oma zu verletzen. Heraus kommt: „Liebe Oma, es tut mir leid, aber ich will nicht, dass du mich ab­knutschst.“ Und das funktioniert.

Eine andere Szene: Dennis und Alina sitzen im Auto. Dennis ist der Mann von Alinas älterer Schwester. Ein Traummann. „Du bist so hübsch“, sagt er zu ihr und streichelt ihren Oberschenkel. „Das fühlt sich komisch an. Ich will das nicht.“ Aber es ist doch der tolle Dennis. Diese Szene wird nicht gespielt. Die zwei Schauspieler stehen weit auseinander, erzählen. Es werden Videosequenzen mit Reaktionen der Kinder gezeigt: „Kinder haben ihre Rechte, Dennis darf das nicht“, sagt eines. „Das“ wird von den Schauspielern benannt: „Was Dennis da gemacht hat, heißt sexueller Missbrauch.“

„Die Initiative ‚Trau Dich‘ baut auf zwei weiteren Säulen auf“, erklärt Wischer: ein Online-Portal mit Informationen, zudem Fortbildungsangebote für Lehrer. Vor jeder Aufführung findet ein ein Elternabend statt, bei dem Eltern Tipps erhalten, um angemessen auf Fragen ihrer Kinder einzugehen. Als Ansprechpartner präsentieren sich am Ende des Stückes jeweils die lokalen Stellen. Für Landsberg sind das Bianca Karlstetter, Leiterin der im Oktober 2016 gegründeten Fachberatungsstelle sexueller Missbrauch (SeM) in Landsberg, und Britta Vogel, Schulpsychologin der Schulamts-Beratungsstelle im Landkreis. Auch die staatliche Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen in Landsberg ist mit ins Projekt eingebunden, ebenso das Jugendamt. So weist Kreisjugendpfleger Wolfgang Bartel auf die Jugendsozialarbeiter an den Schulen hin. „Da kann jeder jederzeit ohne Anmeldung einen geeigneten Ansprechpartner finden.“

Die Kinder reagieren positiv auf das Stück, berichtet Karl­stetter. „Ein paar waren sehr bedrückt“, schildert Constanze Kastenhuber von der Schwangeren-Beratungsstelle. Da frage man sich natürlich sofort nach dem Grund. Ein Kind sei sogar rausgegangen, erzählt Karl­stetter. Sie ist von „Trau Dich!“ begeistert, da die Initiative zur Vernetzung der einzelnen Institutionen im Landkreis führe. Dazu gehört auch das staatliche Schulamt.

„Das Projekt macht insgesamt deutlich, dass dieses Netzwerk gefehlt hat“, sagt Schulamtsleiterin Monika Zintel. Sie sei zuversichtlich, dass die Präventions- und Hilfearbeit der einzelnen Institutionen jetzt nicht einfach abbrechen werde. Auch Karlstetter hofft auf Weiterführung des Projektes: „Einmal im Jahr so ein Projekttag wäre gut.“ In Hessen habe ein Theater das Stück übernommen, berichtet Wischer. Ob so etwas auch hier möglich sein wird, ist noch unklar. Im September findet zum Abschluss des „Trau Dich!“-Projektes in Bayern eine zentrale Veranstaltung in München statt. Dort wird laut Wischer besprochen, wie das Projekt weitergeführt werden kann. „Vielleicht findet sich auch hier ein Theater, das das Stück ins Repertoire nimmt.“ Wünschenswert wäre das.

Susanne Greiner

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