Projekttheater

Gott ist ein Hippie

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Ein Fest feiert der Landsberger Jedermann (Andreas Popp, stehend) kurz bevor der Tod ihn holt. Mit dabei sein Schwager (Andreas Bahmann), seine Schwester (Viola Griesinger-Hopf), der beste Freund (Robert Steer), die Buhlschaft (Carola Schuppert) sowie Presse und Politik (Heike Böhling, Sabine Mross und Constanze Günther, von links).

Landsberg – „Hätt ich die bloß nicht erschaffen!“ Gott ist enttäuscht. Zutiefst enttäuscht. Dieses Ding Mensch, das er da erschaffen hat, ist gierig und dumm. Das Hirn unbenutzt, „quasi noch originalverpackt“. Da könnte er doch eigentlich gleich mit dem Jüngsten Gericht beginnen, dann hat das Elend ein Ende. Doch eine letzte Chance bekommt die Menschheit. Und Gott schickt seinen treuen Diener Tod, um den einen zu holen, der die Welt retten könnte: den Jedermann.

Hugo von Hofmannsthals Salzburg-Klassiker „Jedermann. Vom Sterben des reichen Mannes“ setzt auf die Macht Gottes. In Christina Tobischs ansprechender Bearbeitung für das Projekttheater Landsberg ist Gott (Sabine Mross) weniger mächtig. In buntem Regenbogen-Gewand gleicht er einem Hippie. Dementsprechend steht die Liebe, zumindest die Güte im Vordergrund. Und so ist es letztendlich nicht der Glaube, der den Jedermann (Andreas Popp) vor dem Teufel rettet. Es ist das Gewissen.

Tobisch hat den „Jedermann“ entstaubt, vieles modernisiert (der KREISBOTE berichtete). Es geht um scheinheilige Spenden für Masernimpfungen in Bangladesch, während Billiglöhne den großen Reibach versprechen. Um Gier, die Menschlichkeit vernichtet. Um Landsberger Stadtteilprojekte und um „alternative Fakten“. Doch letztendlich gönnt auch hier der Tod (Monika Kiechle) dem Jedermann nur eine letzte Stunde. Und nachdem sich der beste Freund (Robert Steer), die Buhlschaft und sogar Mammon vom Jedermann abgewendet haben, tritt der mit seinem erst gebrechlichen, aber letztlich wieder freudig umherspringenden Gewissen vor Gottes Richtstuhl.

Die erste Hälfte der Aufführung lässt etwas Tempo vermissen. Auch scheinen die Schauspieler nicht so ganz mit der Größe der Stadttheaterbühne zurechtzukommen. Bewegungen wirken teilweise unbegründet, stören eher. Das liegt auch an dem nicht vorhandenen Bühnenbild: kein Tisch, kein Stuhl, der den Mimen einen Anhaltspunkt bieten könnte. Ein Spielen im leeren Raum. Für Schauspielprofis kein Problem, für Laien trotz großartiger Kostüme (Greta Neff, Samira Naouar und Michelle Greiner) schwierig. Doch sobald sich nach der Pause der Vorhang öffnet, ist das Vorherige vergessen: Eine lange Tafel, Musik, Jedermann feiert ein rauschendes Fest mit falschen Freunden, Politiker und Presse zeigen ihre scheinheiligen Gesichter.

Es kommt Leben ins Spiel der Darsteller. Ein leichter Schauer läuft einem über den Rücken, wenn Jedermann den Ruf des Todes vernimmt. Ist Popp in der ersten Hälfte einseitig dramatisch, moduliert er jetzt seine Sprechweise, wird lebendiger, „echter“. Andreas Bahmann als Schwager und Teufel bringt die Figur des Narren ins Spiel – auch ein Teufel kann erstaunlich menschlich sein. Carola Schuppert als Buhlschaft wirkt ansprechend hinterhältig, Viola Griesinger-Hopf als Mammon überzeugt durch kalte Macht und „Mammon first!“ Herausragend Constanze Günther, die als gebrechliches, aber verspieltes Gewissen den Jedermann zur Reue führt.

Mit dem „Jedermann“ hat das Projekttheater Landsberg hoch gegriffen – ein Stück, das so mit Erwartungen aufgeladen ist, macht es einer Laiengruppe nicht gerade leicht. Das Publikum im an beiden Tagen ausverkauften Stadttheater belohnte den Auftritt des knapp 20-köpfigen Projekttheaters mit herzlichem und langem Applaus.

Susanne Greiner

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