Wolfsgasse wird ausgebaut

Der Bürgermeister muss nicht blechen!

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Mit provokanten Schildern protestieren Anwohner gegen den Ausbau der Wolfsgasse und die Tatsache, dass Bürgermeister Herbert Kirsch (kleines Foto) sich daran nicht beteiligen muss.

Dießen – Das Fernsehen musste draußen bleiben. Bevor der Marktgemeinderat auf seiner jüngsten Sitzung das heiße Thema „Wolfsgasse“ abhandelte, stimmten die Ratsmitglieder mit 14:7 für das Drehverbot im Sitzungssaal. Der bekannte Stern-TV-Reporter Hinrich Lührssen nahm es gelassen und interviewte den Sprecher der Interessengemeinschaft, Dr. Andreas Hendrich, einfach vor dem Dießener Rathaus. Sendetermin ist am morgigen Mittwoch, 24. Februar, um 22.15 Uhr auf RTL.

So viel Medienaufmerksamkeit hatten sich die Wolfsgassler gewünscht, als sie sich für die umstrittene Plakataktion in ihrer Straße entschlossen. Die Mühe war trotzdem vergebens. Der Gemeinderat zementierte auf seiner Sitzung nochmals den Beschluss vom Dezember vergangenen Jahres für den Ausbau.

Auch Stern-TV berichtet über den Fall Wolfsgasse. Hier interviewt Reporter Hinrich Lührssen IG-Sprecher Dr. Andreas Hendrich (rechts).

Der Sitzungssaal im Rathaus war so voll wie noch nie in seiner Geschichte. Fast alle Anwohner der Wolfsgasse und viele Sympathisanten waren gekommen und lauschten ruhig und diszipliniert den Ausführungen des zweiten Bürgermeisters, obwohl viele innerlich kochten. „Wir wollen kein Remmidemmi veranstalten, sondern eine nochmalige sachliche Diskussion mit den Beteiligten erreichen“, so eine Teilnehmerin.

Bürgermeister Herbert Kirsch, dem die Protestaktion gilt, ist derzeit in Urlaub und kann nur übers Internet „die noch nie dagewesene Schlammschlacht“ verfolgen. So nannte sein Stellvertreter Peter Fastl (Freie Wähler) die vielfältigen Bemühungen der Anlieger, den für sie teuren Ausbau der Wolfsgasse zu verhindern. Denn zahlen müssen nur sie, nicht aber der Bürgermeister, der am unteren Ende der Straße „Am Winkelsteg“ wohnt, also knapp im Außenbereich. Pro Grundstück beträgt die Kostenbeteiligung immerhin zwischen 8.000 und 66.000 Euro.

Fast alle Anwohner der Wolfsgasse haben sich zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, anwaltlich vertreten von Robert W. Kutzner, Fachanwalt für Baurecht. Sie sind gegen die sogenannte „erstmalige Erschließung“ der Wolfsgasse und treten für die Erhaltung des gewachsenen Zustandes dieser historischen Straße ein.

Ein Märchen?

Obwohl sie laut 2. Bürgermeister Peter Fastl mit Schlaglöchern, Ausspülungen und Aufbrüchen marode ist. Zudem sei sie nicht frostsicher und die Wasserleitungen seien 60 Jahre alt. Was die Anwohner nicht stört. Denn die Wolfsgasse ist eine Anliegerstraße ohne Durchgangsverkehr und stellt bislang keine Hindernisse für Müllabfuhr, Lkw-Anlieferungen oder Feuerwehr dar. Die von der Gemeinde angeblich gezählten 70 Autos pro Stunde seien ein „Märchen“.

Was den Anwohnern am meisten stinkt, ist die Tatsache, dass sich Bürgermeister Kirsch nicht am Ausbau der Zufahrt zu seinem Haus beteiligen muss. So heißt es auf einem der Protestplakate: „Nach der Ersterschließungsbeitragssatzung muss er nicht bezahlen, da er angeblich im Außenbereich liegt. Würde er dagegen die Ausbaubeitragssatzung der Marktgemeinde anwenden, müsste er im Außenbereich auch zahlen.“

Auf einem anderen Plakat heißt es: „Will er jetzt eine repräsentative Zufahrt bauen lassen? Kann dieses Vorgehen als Vorteilsnahme im Amt gewertet werden?“ Diese suggestive Frage lässt sich Bürgermeister Kirsch nicht gefallen, nachdem er per E-Mail Fotos der Plakate an seinen Urlaubsort geschickt bekam. Er ließ die Plakate von der Dießener Polizei nochmals fotografieren und der Staatsanwaltschaft Augsburg zur juristischen Prüfung vorlegen. Entfernen kann man die provozierenden Plakate nicht, da sie hinter Zäunen und Hecken in den Vorgärten der Anwohner aufgestellt sind.

Und noch ein weiterer Sachverhalt ärgert die Anwohner der Wolfsgasse. Angeblich sei die kürzlich erfolgte Gebäude-Erweiterung des 1986 erworbenen Kirsch-Anwesens nicht rechtens gewesen und habe das Naturschutzgesetz verletzt. Dem widersprach aber bereits das Landratsamt Landsberg. Es sei alles ordnungsgemäß beantragt und genehmigt worden. Für eine bauaufsichtliche Prüfung der privaten Wohnbaumaßnahme der Familie Kirsch würden „Anknüpfungspunkte“ fehlen.

Dörflicher Charakter

Nachdem der Gemeinderat an seiner „sachgerechten“ Entscheidung zum Ausbau der Wolfsgasse festhielt, müssen sich die Anwohner wohl mit dem Gedanken anfreunden, dass im Frühjahr die Bagger anrücken. Da nützt das „Zuckerl“ der Straßenplaner wenig: Die Straße wird statt 4,50 Meter nur 3,80 Meter breit, „um den dörflichen Charakter“ zu wahren. Und wenn die Zahlungsbescheide ankommen, wird garantiert das Widerspruchsrecht wahrgenommen und das Verwaltungsgericht bemüht.

Damit steht fest: Das Thema Wolfsgasse wird auch nach dem Ausbau noch lange nicht beendet sein.

Dieter Roettig

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