BRK-Sozialpädagogin sorgt für Unmut

Wenn die Zeugin vor Gericht Details verschweigt

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Ein 35-Jähriger aus Landsberg muss sich vor dem Amtsgericht wegen "häuslicher Gewalt" verantworten.

Landsberg – Bei Fällen von häuslicher Gewalt steht oft Aussage gegen Aussage. Dann ist jedes Gericht froh, wenn vertrauenswürdige Außenstehende etwas zu der Sache sagen können. Ihre Angaben helfen bei der Wahrheitsfindung. Für umso größeres Befremden vor dem Amtsgericht Landsberg sorgte nun eine Sozialpädagogin. Sie hatte in ihrer Stellungnahme zu einem Fall von Körperverletzung eine wichtige Info für sich behalten.

Es ging um ein in Landsberg lebendes Ehepaar mit vier Kindern. Der Mann habe seine Frau in zwei Fällen tätlich ange­griffen, hieß es in der Anklageschrift. Dem 35-Jährigen wird vorgeworfen, der Frau im November 2019 ein blaues Auge geschlagen zu haben. Bei einer weiteren Auseinandersetzung im Januar 2020 soll er ihr mit beiden Händen auf die Ohren geschlagen haben, so dass ihr schwarz vor Augen wurde. Außerdem soll er sie mit Faustschlägen traktiert und in den Arm gebissen haben.

Der aus Sierra Leone stammende Angeklagte räumte ein, dass es Streitigkeiten gegeben habe, da seine Frau öfter die Kinder allein gelassen habe, nachdem er zur Arbeit gegangen war. Er habe dann abends noch kochen und die 15, zehn, sechs und vier Jahre alten Kinder versorgen müssen. Außerdem sei sie nie mit dem Geld aus­gekommen, das er als Haushelfer in einem Krankenhaus verdient. Dabei habe er stets seinen gesamten Verdienst bei ihr abgeliefert. Ein weiterer Grund für Streitereien war offenbar die Tatsache, dass der Mann in der Schweiz noch ein weiteres zehnjähriges Kind hat. Dessen Mutter sei aber inzwischen mit einem anderen Mann verheiratet.

Die Auseinandersetzungen aus der Anklageschrift stellte der 35-Jährige anders dar als Staatsanwältin Julia Ehlert. Bei dem einen Vorfall habe er seine Frau lediglich gepackt, um sie zu beruhigen. Es sei zu einem Gerangel gekommen, bei dem er sie versehentlich am Auge getroffen habe.

Beim zweiten Vorfall habe das Ehepaar schon morgens angefangen zu streiten. Die Frau sei zuvor drei Tage am Stück nicht nach Hause gekommen. Er habe sie daraufhin für eine halbe Stunde eingeschlossen, um sie am Fortgehen zu hindern. Abends sei sie mit einer Eisenstange auf ihn losgegangen und habe ihn in den Rücken gebissen. Wieder habe er sich nur verteidigt.

Eine Sozialpädagogin vom BRK, die die Familie seit fünf Jahren betreut, wollte bis zu dem Vorfall im Herbst nie etwas von Streitigkeiten mitbekommen haben. „Es war die harmonischste Familie, die es überhaupt gibt“, sagte die Frau im Zeugenstand. Dann jedoch erhielt sie eines Morgens einen Anruf von der Ehefrau des Angeklagten. „Sie war völlig aufgelöst, weil ihr Mann sie eingeschlossen hatte und sie nicht zur Arbeit gehen ließ.“ Weil es „dramatisch“ geklungen habe, sei sie sofort zu der Familie gefahren.

In der weiteren Schilderung entlastete die Sozialpädagogin den Mann eher. In der Wohnung habe sie ihn auf dem Sofa sitzend angetroffen. Er habe seine Frau lediglich „gebeten“, an diesem Tag nicht zur Arbeit zu gehen und ihm zu sagen, wo sie gewesen war. „Er war ruhig. Sie war aufgebracht und hysterisch.“

Weder an diesem Tag noch je zuvor habe die Frau ihr gegenüber geäußert, dass ihr Mann sie geschlagen hätte. Das schrieb die Sozialpädagogin im Juni 2020 in einer Stellungnahme für das Gericht. Was sie darin nicht erwähnte: Im Januar war die Frau mit einem blauen Auge zu ihr ins Büro gekommen und hatte erzählt, dass ihr Mann sie geschlagen hatte. Bei dem Streit sei es um das Kind in der Schweiz gegangen.

Richter Michael Eberle war einigermaßen fassungslos. „Die schlimmste Lüge ist das Unterlassen von Information.“ Er warf der Zeugin vor, eine „Gefälligkeitsbescheinigung“ ausgestellt zu haben. Tatsächlich hatte der Verteidiger sie um die Stellungnahme gebeten, räumte die Frau ein. Eberle erklärte daraufhin: „Ich weiß nicht, was ich Sie noch fragen soll, weil ich nicht weiß, was ich Ihnen glauben kann.“

Auch der Angeklagte sei zu ihr ins Büro gekommen, berichtete die Zeugin weiter. Er habe ihr Bisswunden gezeigt und von der Attacke mit der Eisenstange berichtet. Dies deckte sich mit den Angaben des 35-Jährigen. Aller­dings saß die Zeugin im Zuschauerraum, als der Angeklagte diese Angaben machte. Üblich ist das nicht – Zeugen müssen eigentlich vor ihrer Vernehmung draußen warten.

Die – inzwischen vom Angeklagten getrennt lebende – Ehefrau war ebenfalls zu der Verhandlung geladen. Sie befindet sich aber derzeit in Corona-Quarantäne. Deshalb wird die Verhandlung Mitte Juli fortgesetzt. Dann sollen auch die beiden ältesten der vier Kinder befragt werden.
Ulrike Osman

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