Die Lage ist "brisant"

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Zwischen 20. November und 1. Dezember werden oberhalb der Tankstelle in Lengenfeld 23 Eritreer einziehen.

Pürgen – Die Mehrzweckhalle in Lengenfeld war gut gefüllt: Am Dienstagabend luden Landrat Thomas Eichinger und Pürgens erster Bürgermeister Klaus Flüß zum Informationsabend über die in der Gemeinde unterzubringenden Asylbewerber. Verstärkt wurden sie vom Team Asyl des Landratsamtes und vom Roten Kreuz. Die Fragen der gut 250 Bürger an Eichinger drehten sich vor allem um Faktenklärung und Sicherheit, aber auch darum, wie man ehrenamtlich helfen könne. „So volle Säle erleben wir nur in Gemeinden, in denen noch keine Asylbewerber untergebracht sind“, leitete Eichinger seine Ansprache ein. „Wenn sie erst mal da sind, entspannt sich die Lage.“

In Lengenfeld werden zwischen 20. November und 1. Dezember 23 Eritreer oberhalb der Tankstelle und 12 weitere in der Landsberger Straße 7 untergebracht, weiterhin ist für das Frühjahr 2016 ein Containerstellplatz in Planung. Für die Gemeinde Pürgen sind nach dem bisherigen Einwohnerschlüssel 53 Asylbewerber vorgesehen. Die Aufenthaltsdauer bezifferte Eichinger mit „bis zu zwei Jahren“, da die Bearbeitung der Asylanträge wegen Personalproblemen so lange dauere. Aber „die Unterbringung im Landkreis funktioniert gut“.

Eine Million pro Jahr

 

Die aktuelle Lage nannte der Landrat dennoch „eine Herausforderung“, vor allem, da die Zahlen ständig nach oben korrigiert werden. Im Moment müssten pro Woche 40 neue Asylbewerber im Landkreis unterkommen. Bis Jahresende sei man wohl nicht bei den bis vor Kurzem annoncierten 1500, sondern bei 1850. Deshalb gelte es, weitere Unterbringungsplätze zu finden: Das Landratsamt miete alles, was ihm angeboten werde. „Dabei halten wir uns an ortsübliche Mieten“, so Eichinger. Die Kosten für die Mieten übernimmt die Regierung Oberbayern, jedoch „bleibt der Landkreis auf den zusätzlichen Personalkosten sitzen“: Pro Jahr fielen dafür eine Million Euro an.

Auf die Frage eines Bürgers, ob die Mehrzweckhalle, die der kulturelle Mittelpunkt der Gemeinde sei, auch beschlagnahmt werde, konnte Eichinger nur wenig beruhigen: „Dieses Jahr sicher noch nicht, für nächstes Jahr kann ich keine Prognosen machen.“ Hingegen werde die Lechturnhalle in Landsberg bereits Mitte Januar 2016 wieder freigegeben, bestätigte auch Barbara Rösner vom Landratsamt. Warum man denn nicht Asylbewerber in Penzing unterbringe? „Ich habe bei der Bundeswehr bereits angefragt“, antwortete der Landrat, es sei jedoch aus Sicherheitsmaßnahmen, die für Start und Landung der Transportflugzeuge notwendig sind, nicht möglich. Und ob man denn nicht „den wohlhabenden Verein Kirche“ fordern könne, fragte ein weiterer Bürger.

Auch dort hat der Landrat schon angeklopft: „Manche Pfarrhöfe haben mich mit meiner Forderung gleich wieder weggejagt, andere unterstützen uns bereits“, wie zum Beispiel St. Ottilien oder die Dominikanerinnen in Landsberg. Die Konflikte innerhalb der Unterbringungen hielten sich in Grenzen und beschränkten sich ausschließlich auf kleine Delikte wie Ladendiebstahl, berichtete Eichinger. Ein Bürger, der sich Sorgen um die Frauen machte und fragte, „ob man die dann nach 18 Uhr wegsperren muss“, wurde ausgebuht. Eichinger betonte, dass ihm keinerlei Vorfälle mit sexuellen Übergriffen bekannt seien, „und ich lese jeden Polizeibericht“.

Die ehrenamtliche Hilfe der Bürger sei letztendlich der Schlüssel für ein gutes Gelingen. Insbesondere Vereine könnten erfolgreiche Integrationsarbeit leisten. Ebenso kleinere Handwerksbetriebe, die Asylbewerber einstellen: In den ersten drei Monaten dürfe ein Asylbewerber zwar nur gemeinnützig arbeiten. Danach ist eine Anstellung möglich, solange es keine „bevorrechtigten Arbeitnehmer“, also Deutsche, EU-Ausländer oder anerkannte Flüchtlinge gibt. Leider scheitere diese Anstellung Eichinger zufolge zudem an den mangelnden Sprachkenntnissen. Angebote von Ehrenamtlichen, Deutschkurse zu geben, seien deshalb notwendig, Interessierte sollen sich bei Heike Roletschek vom BRK melden. Ein Kurs wird mit 500 Euro gefördert. Eine weitere Frage betraf Schäden, die von Asylbewerbern verursacht werden: „Da bleiben Sie auf dem Schaden wahrscheinlich sitzen, so wie bei jedem Geringverdiener, der auch keine Haftpflichtversicherung hat“, erklärte Eichinger. Ehrenamtliche, die bei ihrer Tätigkeit einen Schaden verursachen, sind hingegen über den Landkreis versichert. Insgesamt beurteilte Eichinger die Lage als brisant.

Er sei kein Fan davon, „das alles so weiterlaufen zu lassen“, aber die Politik werde in Brüssel und Berlin gemacht, weshalb man „schon mal auf die Regierung schimpfen darf.“ Das „Balkanproblem“ habe man ja immerhin mit der Deklarierung zusätzlicher sicherer Herkunftsländer gelöst. Für die Bürger sieht Eichinger momentan nur eine Möglichkeit: „Zeigen Sie sich offen und freundlich, gehen Sie auf die Menschen zu und machen Sie das Beste aus der Situation.“

Susanne Greiner

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