Liebe am Ende des Lebens

Puppentheater Halle bezaubert mit "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" im Stadttheater

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Am Ende finden sie sich: Fermina und Florentino in „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“

Landsberg – Seit 51 Jahren, neun Monaten und vier Tagen hat Florentino Arizo gewartet. Auf seine große Liebe, Fermina Daza. Am Ende von Gabriel García Márquez‘ Jahrhundertroman „Liebe in den Zeiten der Cholera“ kommen sie zusammen. Auch wenn sie zur ewigen Reise auf einem Boot verdammt sind. Theaterleiter Florian Werner nennt es „die geduldigste Liebesgeschichte der Welt“, die das Puppentheater Halle als Uraufführung auf die Bühne gebracht hat. Ein optischer Genuss, ein Zauberstück – und streckenweise von der Lethargie flimmernder Hitze geprägt.

Es beginnt fast am Ende. Ferminas Mann, der Arzt Urbino, stirbt. Und sie ist schuld. Denn sie umgeht das Verbot ihres Mannes – „Mir kommt nichts ins Haus, das nicht sprechen kann!“ – mit einem sprachbegabten Papagei. Der reißt aus, beim Einfangen stürzt Urbino von der Leiter. Dass Fermina Urbino überhaupt geheiratet hat, liegt an ihrem Vater. Der billigte ihre Liebe zu „diesem Schuljungen“ Florentino nicht. Schickte sie auf eine Reise. Und nach eineinhalb Jahren sieht Fermina in Florentino „das größte Hirngespinst ihres Lebens“.

Die Erzählerin des Anfangs ist eine Puppe: die der gealterten Fermina. Ab und zu springt ein Schauspieler ein, übernimmt Szenen aus Ferminas Leben. Nach und nach werden Puppe und Figur eins. Wozu auch die fein ausgearbeiteten Gesichter der Puppen beitragen: Trotz starrer Mimik scheinen sie zu leben. Menschen im Kleinformat.

Ein weiteres Hilfsmittel, zu dem das Puppentheater greift, sind Videoprojektionen. Der Sarg zu Beginn des Stücks – samt Papagei. Ein Escher-ähnlicher Büroflur, der kein Anfang und kein Ende zu haben scheint. Oder weiße Rosen samt hin und her fliegenden Briefen bei der ersten Begegnung Florentinos und Ferminas. Das erzeugt genau den Zauber, der südamerikanischen Autoren oft eigen ist. Unterstützt wird der durch das Bühnenbild. Da beobachtet die Puppe Florentinos in einer ovalen Aussparung stehend seine Angebetete im Fenster gegenüber – Assoziationen an alte Fotoalben werden wach.

Während Fermina versucht, mit Urbino glücklich zu werden, entdeckt Florentino den Sex: Vielleicht ließe sich die himmlische Liebe zu Fermina ja durch irdische ersetzen? Dass ihm dabei das Image des „einsamen, liebesbedürftigen Mann“ hilft, kommt ihm sehr gelegen. Auch beruflich geht es voran: Florentino wird Vorsitzender der Flussschifffahrtsgesellschaft.

Die Schilderungen von Ferminas Versuch, in einer unglücklichen Ehe glücklich zu werden, und die Florentinos, Fermina zu vergessen, sind ausgiebig. Da kommt viel Humor ins Stück, zynisch gewürzte Ansichten über das Altern, das Leben im Allgemeinen. Auch optisch ist jede Szene ein Genuss. Aber vielleicht wären ein paar kleine Streichungen denkbar. Dauert das Stück doch insgesamt knapp zweieinhalb Stunden. Fast meint man, im Flirren der südamerikanischen Hitze gefangen zu sein. Ganz besonders, wenn nach der Pause wieder die erste Szene erscheint. Vielleicht ist diese Dehnung der Zeit aber Absicht? Geht es doch im Stück um die Zeit. Und um die Liebe.

Nach Urbinos Tod hat Florentino kein leichtes Spiel. „Hau ab!“ ruft seine Angebetete, „du mottenzerfressener alter Mann“. Aber der Galan lässt sich nicht entmutigen. Schreibt Briefe im Überfluss, überschüttet seine Angebetete mit Worten. Nach einem Jahr unentwegten Schreibens, Fermina ist 72 Jahre alt, spricht Florentino sie an. Smalltalk über Schiffe weicht dem Entschluss, zusammenzubleiben. „Ohne zu wissen, ob es die Liebe ist oder nicht.“ Sie gehen auf eine letzte Schiffsreise. Um allein reisen zu können, setzen sie die Choleraflagge. Sind fortan der Welt verloren gegangen. Denn diese letzte Reise dauert „ein Leben lang.“ Susanne Greiner

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