Die Stimme des Großvaters

Fagottist Matthias Rácz begeistert beim Rathauskonzert

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Matthias Racz zeigte mit Anne Hinrichsen die Soloqualitäten des Fagotts.

Man kann es zerlegen und wie ein Bündel, französisch „fagot“, transportieren. Deshalb, so vermuten gelehrte Wissenschaftler, heißt das Fagott Fagott. Sicher ist das nicht. Denn es gibt noch ganz andere abstruse Theorien, woher das Holzblasinstrument mit dem tiefnäselnden Klang seinen Namen hat. Dass es wahre Klangwunder vollbringen kann, hat Fagottist Matthias Rácz beim Rathauskonzert mit Anne Hinrichsen am Flügel vergangenen Sonntag bewiesen. Mit Werken aus der Romantik. Und vielen modernen Kompositionen.

Eine davon war eine Uraufführung: die Sonate für Fagott und Klavier des japanischen Komponisten Kenichi Nishizawa. Der auch schon für Oboist Christoph Hartmann komponierte, eine Sonate, für die Nishizawa auf die romantischen Töne von Camille Saint Saëns Oboensonate hörte. Und als Rácz letztes Jahr den Komponisten in Japan besuchte, entsprang auch noch die Fagottsonate aus dessen Fingern.

Das Rathauskonzert beginnt Rácz mit Saint Saëns. Und spielt im Anschluss Nishizawas Werk: ein erster Satz, der noch sehr der Romantik verhaftet ist, weicht der Moderne im Allegretto, greift Mussorgskis Gnome im Adagietto auf und endet lebhaft, „con brio“, im punktierten Rhythmus eines gediegenen Hüpfens.

Nach der Pause dann ganz anderes: Die ungarische Pastoral-Fantasie Franz Dopplers, Wahl-Ungar und Zeitgenosse des Walzerkönigs Johann Strauß. Ein Werk geprägt von Wien und ungarischer Musik, das Flötist Doppler für sein Instrument komponierte. Das aber erst mit dem Fagott seinen ganz besonderen, weil „tieferen“ Reiz bekommt.

Ebenfalls Ungarn und Österreich verbindet Ivan Eröd, dessen Sonata Milanese Rácz als nächstes interpretiert. Als der 1936 in Budapest geborene Komponist nach Österreich emigriert, kommt er in ein Flüchtlingslager – reißt aus und flieht per Autostopp nach Wien. Eröds Sonate beginnt mit rhythmisch komplexen Takten, im zweiten Satz erklingen romantische Melodien, sofort gebrochen, verfremdet. Mit Rácz weichem Ansatz und Tönen, die in der Luft zu verschwinden scheinen, sicher eines der schönsten Musikstücke, die es gibt.

Mit Daniel Schnyders Sonate setzt Rácz abschließend noch Jazz aufs Programm. Fast meint man, im Blue Note New Yorks zu sitzen, wo Schnyder zuhause ist. Insbesondere der letzte Satz zitiert den Jazz in seiner musikalischen Freiheit. In dem sich, wie bereits im ganzen Konzert, acuh das gute Zusammenspiel Ráczs mit Hinrichsen beweist.

Entstanden ist das Fagott in der Renaissance als Dulzian, gespielt als basso continuo: zur Verstärkung der Basslinie. Im Barock teilten die Instrumentenbauer das Instrument in Stücke – wodurch es perfekt zu transportieren war. Und welch anderes Bassinstrument kann das schon von sich behaupten? Erst noch ohne Klappen, wuchs das Fagott im Lauf der Zeit vom Begleit- zum Soloinstrument. Denn mit Klappen konnten die Fagottisten auch einfacher die hohen Töne intonieren.

Fagotttöne sind Balsam für Herz und Ohren. Der Stimmumfang reicht vom Kontra-B bis hin zum zweigestrichenen as. Oder noch höher, das hängt vom Spieler ab. Die sonore Tiefe bietet mehr Raum als die Klänge der Oboe, deren Näseln auch weitaus prominenter ist. Nicht umsonst setzte Prokofjew bei der Ente in „Peter und der Wolf“ auf die Oboe. Während das Fagott eben die Rolle des gutmütigen Großvaters intoniert.

Susanne Greiner

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