Arche wandert für ein neues Wohnhaus

Weil jeder Kilometer zählt

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Von Ravensburg über die Zugspitze bis nach Landsberg: Insgesamt haben bei dem Arche-Projekt „Gemeinsam Grenzen überwinden“ 110 Wanderer 7.000 Kilometer erlaufen.

Landsberg – Es schneit. 20 Zentimeter Neuschnee, Temperaturen um den Gefrierpunkt, 2.962 Meter über dem Meeresspiegel. Als Handschuhe tragen viele Socken – denn dass es mitten im Juli so kalt sein würde, damit hat niemand gerechnet. Die knapp 30-köpfige Wandergruppe besteht aus Menschen mit und ohne Behinderung, Hunden und einem Pilgerstab. Es geht darum, Grenzen zu überschreiten. Auch Staatsgrenzen: Auf der Zugspitze queren die Wanderer des Arche-Projekts „Gemeinsam Grenzen überwinden“ schließlich die Grenze Österreich-Deutschland. Es geht auch darum, Sponsoren zu finden. Denn in Landsberg soll ein weiteres Arche-Haus gebaut werden.

Von Ravensburg aus geht‘s über Lindau und Füssen zum Grenzübergang nach Österreich. Und von da über die Zugspitze und Unterammergau nach Landsberg – eine Strecke von gut 300 Kilometern in zwei Wochen. Die Etappen reichen von 18 bis 34 Kilometer. Jeder Tag beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück und einer Andacht. „Jeder Teilnehmer hat auch einen Stein dabei“, erzählt Koordinator der Wanderung und Mitarbeiter im Fundraising Jan-Thilo Klimisch aus Berlin. „Auf den Stein schreibt man dann seinen Namen. Und morgens wird immer untereinander getauscht. Man läuft also jeden Tag mit dem Stein eines anderen.“

Das Miteinander ist ausschlaggebend. Und das Überwinden der Trennung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Deshalb heißen Erstere in der Arche Bewohner, Letztere Assistenten. Und ebenso wie bei den Arche-Wohnprojekten ist die Wandergruppe bunt gemischt. Aus allen vier in Deutschland und Österreich existierenden Arche-Projekten kommen sie. Der älteste Teilnehmer ist 84. Auch der Leiter der Arche Deutschland & Österreich Claus Michel geht etappenweise mit, ebenso Thomas Maria Renz, Weihbischof aus Rottenburg. Und auf vier Etappen sind Schülerinnen eines P-Seminars des Ignaz-Kögler-Gymnasiums dabei.

Nicht zu vergessen die Hunde. Die ziehen bei starken Steigungen die Rollstühle. Und manchmal schreiben sie auch einen Blogeintrag für die Arche-Webseite. So verfasst gleich den Ersten in dem täglich die Wanderung begleitenden digitalen Tagebuch der europäische Schlittenhund Nesquick: „Bisher hab ich halt Schlitten und Scooter gezogen. Aber ab heute habe ich ein neues Hobby.“ Hunde wechseln sich mit Bewohnern und Assistenten beim Schreiben ab. Die letzte Etappe nach Landsberg verfasst der Pilgerstab. „Den haben wir am Vortag auf einem Waldweg stehenlassen“, berichtet Klimisch schmunzelnd. „Die letzte Nacht vor unserem feierlichen Einzug in Landsberg am Lech wollte ich allein sein und in stiller Meditation im Wald verbringen“, behauptet der Pilgerstab im Blog. Er war von Anfang bis Ende dabei und alle Mitwanderer haben auf ihm unterschrieben.

Die Truppe trotzt Hitze, Gewitterschauern und Dauerregen. Der macht vor allem auf der Strecke nach Unterammergau Probleme. „Beim Aufstieg nach Ettal hat es geschüttet“, erinnert sich Klimisch. „Wir waren alle patschnass. Aber dankbarerweise hat das Kloster uns die Pforten für eine Pause geöffnet.“ Auch Kälte müssen die Wanderer meistern. Denn als es in der zehnten Etappe auf die Zugspitze geht, begrüßen die Teilnehmer dort Schneegestöber und Temperaturen um null Grad. Gibt es eben eine Schneeballschlacht zum Warmwerden. Die Fahrt in der Seilbahn von Tirol aus haben Kardinal Reinhard Marx und die Kirchenstiftung Garmisch-Partenkirchen finanziert. Denn die Arche wurde in den 60er Jahren im katholischen Umfeld gegründet. Interkonfessionelle Religiosität ist den inzwischen 150 Standpunkten weltweit wichtig. In der Zugspitzkapelle hält Dekan Andreas Lackermeier aus Garmisch-Partenkirchen eine Andacht. Die hat Klimisch sehr bewegt. Und für noch etwas ist er Lackermeier dankbar: „Weil das Wetter so schlecht war, durften wir für die Brotzeit in der Kapelle bleiben.“

Übernachtet wird in unterschiedlichen Lokalitäten. „In Lindau konnten wir in der VHS übernachten. Die ist direkt am See, Freilichtpool direkt vor der Haustür“, lacht Klimisch. Der Leiter der VHS läuft begeistert am nächsten Tag gleich ein paar Kilometer mit. Ebenso Weihbischof Renz, der am Morgen in Lindau die Andacht hält und die Gruppe auf der gesamten Etappe nach Scheidegg begleitet. Einmal finden die Wanderer im Seniorenheim Unterschlupf. Als Belohnung gibt es für die Bewohner am folgenden Morgen ein Ständchen. „In Garmisch durften wir sogar in der Kinderklinik übernachten.“ Natürlich sei es eine sichere Nummer, wegen Übernachtungsmöglichkeiten die Gemeinde zu bitten, sagt Klimisch. „Aber es geht ja auch um die Bekanntheit der Arche. Und deshalb haben wir dieses Mal eben auch bei anderen Institutionen nachgefragt.“

Die Wanderung ist bereits die dritte ihrer Art. 2013 startete die Arche das Projekt. Mit der ersten Wanderung wurde die Erweiterung eines Hauses in Ravensburg unterstützt. „Der Bau ist gerade am Fertigwerden“, berichtet der Koordinator. Im Jahr darauf ging es um einen Neubau des Arche-Projektes in Österreich am Brennerpass, der im März eingeweiht werden konnte. Für jeden erlaufenen Kilometer kann gespendet werden. Auch für die der Hunde. 2017 haben die Teilnehmer insgesamt 7.000 Kilometer erlaufen. „Im Moment haben wir 11.000 Euro zugesagte Spenden“, freut sich Klimisch bei der Abschlussfeier in Landsberg. „Wir hoffen, dass wir auch dieses Jahr auf gut 50.000 Euro kommen.“ Die Erfahrung habe gezeigt, dass sich Sponsoren vor allem nach Ende der Wanderung melden. Tatsächlich: Am Abend des Abschlussfestes spendet corpuls aus Kaufering: einen Euro für jeden der 7.000 Kilometer.

Auf dem Abschlussfest ist zu spüren, was alle Teilnehmer hervorheben: die ungemeine Herzlichkeit und Lebensfreude einer Gemeinschaft, die Inklusion lebt. Elisabeth, eine Bewohnerin aus Tecklenburg, ist begeistert: „Ich bin alle Etappen mitgelaufen. Es war anstrengend, manchmal auch kalt und nass, aber schön.“ In Landsberg sind acht Bewohner und fünf Assistenten in der Erpftinger Straße untergebracht. „Aber es gibt natürlich noch weitaus mehr, die gerne so leben würden“, berichtet Christoph Gewinner, Leiter der Arche Landsberg. Deshalb ein Neubau, für den die Wanderung als Anschubfinanzierung dienen soll. Sponsern kann jeder: Einfach einen der 110 Teilnehmer aussuchen und für jeden Kilometer spenden. 

Susanne Greiner

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