"Mut ist, die eigene Schwäche zu kennen"

Kreiskulturtage: Reiseschriftstellerin Carmen Rohrbach und ihre Sehnsucht nach Ferne

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Die Reiseschriftstellerin vor der winzigen Propellermaschine in Kanada beim Aufbruch in die Wildnis. Der Pilot und sie gerieten in einen heftigen Schneesturm.

Schondorf – Sie reist alleine durch entlegenste Gegenden. Und ist dabei oft länger als ein Jahr unterwegs. Die Biologin und Reiseschriftstellerin Carmen Rohrbach erforschte Echsen auf den Galapagos-Inseln, wanderte mit einem Dromedar durch den Jemen oder kletterte auf den Burchan Chaldun, den heiligen Berg der Mongolei. Dennoch sagt sie von sich: „Eigentlich bin ich gar nicht so mutig.“ Auch wenn sie einen Fluchtversuch aus der DDR gewagt hat – von Nienhagen nach Dänemark. Schwimmend.

Dass sie sich eine so riskante Flucht zutraut, liegt an ihrer Sehnsucht nach der Ferne, der ganzen Welt. Und diese Sehnsucht verspürt sie schon als kleines Mädchen. Mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern lebt Rohrbach in Freyburg in Sachsen-Anhalt, später auch bei Dresden – im „Tal der Ahnungslosen, wo das West-Fernsehen nicht mehr durchdringt.

Schon früh liest Carmen Rohrbach die großen Entdecker: Alexander von Humboldt, Gustav Nachtigal oder Sven Hedin. Und trainiert als kleines Kind, um extreme Situationen zu meistern. „Ich habe versucht, so lange wie möglich ohne Trinken auszukommen. Oder ich habe im Winter auf dem Balkon geschlafen.“ Bei ihren Touren allein durch den Wald imaginiert sie den Urwald. Und Eichhörnchen werden zu Orang Utans.

Doch als sie mit zwölf Jahren im Kino Heinz Sielmanns Film „Galapagos – Trauminseln m Pazifik“ sieht, weiß sie: „Da will ich hin.“ Dass das in der DDR nicht möglich war, realisiert Rohrbach, als sie sich nach ihrem Biologie-Studium für die wissenschaftliche Arbeit auf Cuba bewirbt. Doch selbst ins sozialistische Ausland darf sie nicht. Zu sehr befürchtet der Staat, sie werde sich zu ihren zahlreichen westdeutschen Verwandten durchschlagen. „Aber ich wollte in den Himalaja! Nicht nach Westdeutschland!“

Die Flucht

An der DDR selber habe sie nie gezweifelt. „Es war ja der Weg zur paradiesischen Gesellschaft.“ Vielmehr habe sie sich selbst infrage gestellt: „Ich bin es, die mit ihrem Fernweh nicht hierher passt.“ Dass sie ihre Sehnsucht, ihre „Herzenssache“, wie sie sagt, nicht stillen darf, macht sie wütend. So wütend, dass sie 1976 mit ihrem Freund, den sie beim Tauchsport kennengelernt hat, beschließt, die Flucht über die Ostsee mit einem aufblasbaren Kajak zu wagen: Von Nienhagen nach Dänemark, im Neoprenanzug, rund 50 Kilometer sind das. Doch schon nach einem Kilometer ertappt sie ein Suchscheinwerfer, weshalb sie das Boot kurzerhand ‚abstechen‘. Und Glück haben: Es kommt kein Suchtrupp hinter ihnen her. Aufgeben will Rohrbach nicht. Und so beschließen die beiden, ihren Weg fortzusetzen. „Ich war euphorisch, wollte aus eigener Kraft in die Freiheit schwimmen.“

Angst habe sie keine gehabt. Selbst, als 36 Stunden später alle Kraftreserven aufgebraucht sind und Carmen Rohrbach denkt, sie müsse nun sterben, verspürt sie keine Angst: „Dazu war ich viel zu erschöpft.“ Eine Begrenzungsboje rettet die beiden Schwimmer schließlich vor dem Ertrinken. Und lässt ihre Flucht zugleich scheitern, denn ein Kriegsschiff der Nationalen Volksarmee gabelt sie dort auf. Carmen Rohrbach wird wegen Republikflucht zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt.

Die Zeit im Frauengefängnis Hoheneck sei furchtbar gewesen. Kalt, wenig Essen, 35 Frauen in einen Raum gepfercht. Hier endlich habe sie realisiert, dass das zu errichtende Paradies ganz sicher nicht in der DDR realisiert werden würde. Nach zwei Jahren wird sie von der BRD freigekauft. Ihre erste Station in der BRD ist Gießen, von da geht es ins schwäbische Sindelfingen und dann nach Bayern. Denn Rohrbach bewirbt sich beim Max-Planck-Institut in Seewiesen, dort, wo schon Konrad Lorenz mit seinen Graugänsen forschte. 1980 promoviert sie. Und im selben Jahr wird ihr Kindheitstraum wahr: Das Institut schickt sie zur Forschung auf die Galapagos-Inseln. „So viel Glück kann ein Mensch eigentlich nicht haben“, lacht Rohrbach. Über ihre Zeit auf den Inseln schreibt sie Jahre später das erste Buch. Und seither lebt sie davon, ihre Erlebnisse in Büchern der Welt zu präsentieren.

Was ist Mut?

„Mut und Angst gehören zusammen“, ist Rohrbach überzeugt. Nur mutig zu sein, da lebe man nicht lang. Mut sei für sie letztendlich die Überwindung der Angst. „Ich selbst rede sogar manchmal mit ihr.“ Wann war denn der Moment, an dem sie die größte Angst verspürte? „Nicht die Flucht“, sagt sie sofort. Auf der habe Angst keinen Raum gehabt. Auch bei ihrer Tour in einer Zwei-Mann-Propellermaschine in Kanada habe sie trotz Schneesturm keine Furcht verspürt. Ihr Körper habe einfach alles ausgeschaltet. Angst kenne sie von Momenten beim Klettern, wenn eine Wand doch steiler sei als erwartet. Alleine in der Natur fürchte sie sich nie. „Ich überlege immer vorher, was das Schlimmste ist, was mir passieren könnte. Und was ich machen kann, dass genau das nicht eintritt.“ Die einzige Ausnahme sei ihre Flucht über die Ostsee gewesen, „ohne einen Plan oder ein Sicherungsseil. Aber ist das Mut?“

Mutig sei für sie, die eigenen Schwächen zu erkennen, sich einzugestehen: „Das kann ich nicht, das ist zu groß für mich.“ Und dann umzukehren. Generell seien Entscheidungen immer mit Mut verbunden. Auch zu Ehrlichkeit gegenüber Freunden gehöre viel Mut. „Wie kritisiert man jemandem, den man mag?“ Letzteres sei etwas, worin sie selbst beispielsweise nicht gut sei.

Carmen Rohrbachs Sehnsucht nach der Ferne wird wohl nie der Angst zum Opfer fallen. Und auch, wenn ihre Mutter, weit über 90, sie ermahnt, mal etwas langsamer zu machen, weiß sie, dass mit dem Reisen noch lange nicht Schluss ist. Weshalb es im August schon wieder losgeht. Nach Kasachstan, zu den sibirischen Steinböcken. „Aber das wird nur eine kurze Reise“, beschwichtigt Rohrbach. „Vielleicht so drei, vier Monate.“

Ihren Bildvortrag „Sehnsucht nach Ferne“ hält Carmen Rohrbach bei den Kreiskulturtagen am 26. Mai beim „Schondorfer Kreis“, Bahnhofstraße 35, von 18 bis 20 Uhr.

Susanne Greiner

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