"Wir kämpfen für den Wohnraum, den wir haben"

130 Landsberger setzen auf den Hebel "Verkehrskonzept"

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Rekordbeteiligung bei der Bürgerversammlung im Landsberger Sportzentrum.

Landsberg – Eines steht nach der Bürgerversammlung vom vergangenen Donnerstag fest: Nun bekommt Landsberg ein Verkehrskonzept, wie es im Buche steht. Nicht nur deswegen, weil rund 130 Bürger im Sportzentrum dem Stadtrat nahezu einstimmig empfohlen haben, über künftige Baugebiete erst dann zu entscheiden, wenn ein solches Konzept entwickelt ist. Sondern vor allem deswegen, weil viele Anwesende dem Stadtrat und der Verwaltung die Erstellung eines nachhaltig wirksamen Verkehrskonzepts gar nicht zutrauten. Sie spekulierten in Wirklichkeit darauf, dass es keine Lösung gibt.

Die meisten Teilnehmer der Bürgerversammlung gehörten nämlich einer der Bürgergruppen an, die sich gegründet haben, um weitere Baumaßnahmen in ihrem jeweiligen Umfeld zu verhindern. Als solche gaben sie sich auch zu erkennen. "Wir kämpfen für den Wohnraum, den wir haben", erklärte einer. "Wir brauchen keinen Flächenfraß für Fremde", betonte ein anderer. "Wir müssen Nachverdichtung im Innenbereich reduzieren", forderte ein Dritter. "Wir brauchen keinen Zuzug", sagte ein Vierter. 

Gemeinsamer Ansatzpunkt (zugleich auch größter gemeinsamer Nenner) der Initiativen war, von der Stadt zu verlangen, vor der Verabschiedung von Bebauungsplänen für weitere Wohngebiete zunächst ein Verkehrskonzept zu verwirklichen. "Wir erwarten, dass der Stadtrat sich mit dieser Forderung so beschäftigt, dass wir zufrieden sind", erklärte Dietmar Fogt-Bergmann, Sprecher der Bürgerinitiative Staufenstraße. 

Der Stadtrat muss diese Empfehlung nach der Bayerischen Gemeindeordnung innerhalb von drei Monaten behandeln. Er hat aber ohnehin bereits beschlossen, das in Auftrag gegebene Verkehrskonzept alsbald im Detail zu prüfen und zu diskutieren. Es ist Bestandteil der Flächennutzungsplanung, die zurzeit stattfindet (der KREISBOTE berichtete). Dieser wiederum ist Voraussetzung für die Ausweisung neuer Baugebiete. Daher verfolgten die zahlreich anwesenden Stadträte, die sich der Stimme enthielten, die aufgeheizte Stimmung im Saal anfangs noch gelassen. 

Eine Chance 

Tatsächlich ist das Verkehrskonzept eine Chance, schon lange bestehende Verkehrsprobleme endlich anzugehen. In Landsberg gibt es zu bestimmten Uhrzeiten zu viel Stop and Go. Der Hauptplatz ist grenzwertig mit Schadstoffen belastet. 50 Prozent der PKW-Fahrer nutzen ihre Autos für Kurzstrecken unter 1.000 Metern. Die Radwege sind eng, vielfach unterbrochen und werden im Winter nicht geräumt. Die Geschwindigkeiten sind oft zu hoch, besonders an den Ortseingängen. Die Alte Bergstraße wird als Abkürzung missbraucht, das dortige Durchfahrverbot offenbar "nur als Anregung verstanden". Das sind nur einige der Symptome, die in der Bürgerversammlung genannt wurden. Dass sie sich rund um die Schwaighofkreuzung und den Postberg nach Fertigstellung des ULP noch verschärfen werden, ist klar - man kennt ja bereits die durchschnittliche Wartezeit. 

Symptomatisch allerdings war eine Anekdote am Rande. Ein Bürger beantragte die Aufstellung weiterer "Speed-Displays" auf Landsbergs Straßen. Ein anderer merkte an: "Aber doch hoffentlich ohne Radar!" Vielen dürfte noch nicht klar sein: Das nun geforderte Verkehrskonzept wird bei häufigen PKW-Nutzern, analog formuliert, Blut, Schweiß und Tränen produzieren. Wer derart nachhaltig fordert, dass es künftig keinen stockenden PKW-Verkehr mehr gibt, muss dessen Reduzierung hinnehmen; "Straßen verbreitern", wie ein Teilnehmer forderte, geht ja nicht - da stehen Häuser. Und wer, wie viele Teilnehmer im Saal, nach der Verwirklichung der Ideen des Wiener Verkehrsexperten Professor Hermann Knoflacher ruft, muss ganz genau wissen, wo er sein Auto künftig parken wird: in der fußläufig erreichbaren Quartiersgarage, nicht mehr vor dem Haus. 

Mehr Geld für Radwege, schmalere Straßen, ein effizienteres, PKW-Fahrten ersetzende Nahverkehrssystem, teurere Parkmöglichkeiten im Zentrum, mehr Fußgängerbereiche, das Ende des Parksuchverkehrs im Vorderanger und der Schlossergasse, mehr umweltfreundliche Mobilität, Vorrang für Elektromobilität - das alles wird Bestandteil des Konzepts sein, nach dem die Bürgerversammlung verlangte. Mancher wird sich fragen, wie er die gerufenen Geister bloß wieder los wird. 

Sie werden handeln 

Eines jedenfalls ist klar: Der Stadtrat und der Oberbürgermeister lassen sich nicht ein zweites Mal in einer Bürgerversammlung von 130 Bürgern vorwerfen, gute Ideen zur Verkehrsreduzierung würden nicht umgesetzt, hervorragende Konzepte der Verkehrsexperten würden in der Versenkung verschwinden und die Stadt nehme willkürlich hohe Umweltbelastungen für Altstadtbewohner hin. Sie werden handeln. 

Natürlich auch deswegen, weil weiterer Wohnraum benötigt wird. Bayern bemüht sich um sozialen Wohnungsbau; der Wohnungspakt sieht eigene Tätigkeit des Freistaats vor (die in Landsberg an der Ahornallee und der Pfettenstraße stattfinden könnte), aber auch die Förderung kommunaler Aktivitäten (deswegen baut die Stadt am Wiesengrund). Sozialwohnungen werden in großer Zahl auch für die anerkannten Asylbewerber und Flüchtlinge nach der Genfer Konvention gebraucht. Hinzu kommt die Notwendigkeit, ein weiteres Obdachlosenheim zu bauen. 

Zusätzlicher Wohnungsbedarf ergibt sich aber auch aus nachrückenden Generationen, veränderten Wohnbedürfnissen (zum Beispiel älterer Mitbürger), weiteren Unternehmensansiedlungen und nicht zuletzt auch durch Personen, die in München arbeiten und weit außerhalb wohnen müssen, weil sie sich Unterkünfte in der Landeshauptstadt nicht mehr leisten können. In all diesen Fällen kann man durch Einheimischenmodelle und die Richtlinie zur Sozialen Bodennutzung (SoBoN) zwar Regulierungen vornehmen. An der Einreise nach Landsberg hindern kann man aber niemanden; stattdessen führt ein nicht ausreichendes Wohnungsangebot zu Preiserhöhungen, die Alteingesessene und erfolgreich Zugezogene belasten. Wer Fremde aussperrt, verdrängt Landsberger. 

Für beide Seiten verbindlich 

Die Stimmung verschlechterte sich im weiteren Verlauf der Versammlung erneut. Es war sicher nicht geschickt, seitens der Verwaltung schon wieder über eine intensivere Nutzung der Obdachlosenunterkünfte in der Jahnstraße zu phantasieren. Das Thema ist nun wirklich durch: Mehr Entgegenkommen kann man von den dortigen Anwohnern, denen vom Bauträger aufgrund des Bebauungsplans ein Grüngürtel versprochen worden war, nicht verlangen. Anwohner und die Stadt haben sich auf eine Lösung verständigt. Sie ist für beide Seiten verbindlich, auch für die Stadt. 

Die Bürgerversammlung stimmte im Übrigen nach Plädoyers von Dr. Rainer Gottwald und Lars Labryga mit 38 gegen 7 Stimmen dafür, dem Stadtrat zu empfehlen, gegen die Zusammenlegung der Sparkassen Landsberg, Fürstenfeldbruck und Dachau zu votieren. Zu diesem Zeitpunkt war der Großteil der Mitwirkenden aber bereits auf dem Nachhauseweg und nur noch ein "harter Kern" im Saal. 

Trotzdem: Wären noch mehr dabei gewesen, hätten sie vielleicht ähnlich abgestimmt. An diesem Donnerstag hatten die meisten Anwesenden nur eines im Sinn: Ihrer Verärgerung über die Stadt Landsberg Ausdruck zu verleihen. Das haben sie auf eine verletzende Weise geschafft. Welche Nachwirkungen dieser Abend haben wird, ist zurzeit noch unabsehbar. 

Werner Lauff

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