Revolution in der Lechstadt

Zum konspirativen Treffen fanden sich Revolutionäre im Café Lauterbach ein. Foto: Eckstein

Etwas irritiert schauten sie schon, die Passanten, die am Mittwochabend mit Bahn oder Bus am Bahnhof ankamen: grau gewandete Bettler, Soldaten, Blaskapelle, Kinderchor und über allem ein Transparent: „Landsberg grüßt seine Heim­kehrer“, von denen zwei dem Regionalzug entstiegen.

Der szenische Streifzug „Komm, wir machen eine Revolution“ des jungen Landsberger Regisseurs Wolfgang Nägele (Kulturpreisträger von 2011) beleuchtet einen Zeitraum in Landsbergs Geschichte, der sonst eher vernachlässigt wird: den der bayerischen Räterepublik von 1919. Die Schauspieler Rasmus Wirth und Moritz von Treuenfels verkörpern die Heimkehrer aus dem 1. Weltkrieg, Anton und Hans, und damit auch die beiden Positionen des kommunistischen und bürgerlichen Lagers – aus Kameraden und Freuden werden Gegner. Um sie herum agieren die Teilnehmer des Grundkurses Dramatisches Gestalten des Ignaz- Kögler-Gymnasiums und führen die Zuschauer auf einer Zeitreise durch die Stadt. Vom Bahnhof aus formiert sich ein Revolutionszug, der, Arbeiterlieder schmetternd, zur Altstadt zieht. Die Zuschauer werden Teil des Geschehens, Publikum sind die unbeteiligten Spaziergänger, Anwohner, Cafébesucher. Kommentiert und illustriert wird die Handlung von Texten zeitgenössischer Literaten und Intellektueller wie Oskar Maria Graf, Erich Mühsam oder Ernst Toller. Zu Grabe getragen Am Lechwehr dann, inmitten des abendlichen Dolce-Vita der Straßencafés, erklingt Marschmusik der mitziehenden Bläsergruppe, die Schauspieler be­- richten von den Gräueln der Schützengräben. Im Café Lauterbach platzt der Zuschauer in ein Treffen einer revolutionären Gruppe – als aktuelle Anspielung tragen die Revolutionäre die Guy-Fawkes-Masken der Occupy-Bewegung –, wird Trauergast, wenn der ermordete Ministerpräsident Kurt Eisner feierlich zu Grabe getragen wird und schließlich als Teil des kommunistischen Widerstands verhaftet. In der Spitalplatzschule wird der Prozess gegen den Eisner-Attentäter Anton Graf Arco verhandelt, der zu Festungshaft in Landsberg verurteilt wird. Beim Show-Down im Stadttheater, in dem das blutige Ende der Räterepublik mit Hilfe einer Videoinstallation thematisiert wird, stehen sich Hans und Anton erneut gegenüber, Hans mit der Waffe in der Hand, am Ende ist offen, ob er den Freund oder sich selbst erschießt. Überraschender Perspektivwechsel: die Zuschauer, die das Theater durch den Seiteneingang betreten haben, befinden sich auf der Bühne, die Darsteller regungslos im Zuschauerraum, während sich der letzte Kampf der beiden Heimkehrer auf dem 1. Rang abspielt. Im Dunklen erklingt noch einmal der Kinderchor (Städtische Sing- und Musikschule, Leitung Isabella Hahn) als bitterer Kontrapunkt: „Grüß Gott, du schöner Maien“. Eine eindrucksvoll und mutig inszenierte Zeitreise, atmosphärisch dicht und mit guter, zum Teil brillanter darstellerischer Leistung – ein gelungener Beitrag zum Stadtjubiläum.

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