Rosskur für einen Grantler

Der Menschenfeind Herr von Rappelkopf (Klaus Wildermuth, vorne) macht seiner Frau Sophie (Dany Mayland, links), seiner Tochter Malchen (Amelie Koch) und deren Verehrer August (Ferdinand Ascher) das Leben schwer. Foto: Nagl

Der Freitag war ein Abend wie geschaffen für eine Premiere auf der Seebühne: das romantisch-komische Zauberspiel „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ von Ferdinand Raimund begann in der milden Abendsonne mit einer bezaubernden Liebesszene zwischen Malchen (Amelie Koch) und ihrem Kunstmaler August (Ferdinand Ascher) und endete nach zahlreichen Verwicklungen glücklich, als sich der Mond groß und rund im Ammersee spiegelte. Kein Zweifel: Mit der aktuellen Inszenierung kann die Seebühne an die ganz großen Erfolge der vergangenen Jahre anknüpfen.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Herr von Rappelkopf, für den Regisseur Florian Münzer mit Klaus Wildermuth, Kabarettist und Schauspieler aus Köln, eine geniale Besetzung ge­funden hat. Der 56-jährige, geborene Oberbayer gibt den reichen Gutsbesitzer, der sich verspekuliert und viel Geld verloren hat und nun seinen Grant in schnodrigem Wiener Akzent ungehindert an all seinen Mitmenschen auslässt, mit so viel Witz und Kraft, dass einem das alte Ekel eigentlich nicht wirklich unsympathisch sein kann, steckt doch in jedem von uns von Zeit zu Zeit ein Misanthrop: „Ich war zu gut, das ist mein größter Fehler. Ich habe Aufrichtigkeit angebaut und es ist Falschheit herausgewachsen“, mit diesen Worten begründet der Menschenfeind seinen abgrundtiefen Hass. Seiner Familie und seiner Dienerschaft unterstellt er sogar, ihm nach dem Leben zu trachten, womit er insbesondere seiner treu sorgenden Frau (Dany Mayland) und seiner Tochter Malchen großes Unrecht antut. Doch Rettung naht in Gestalt des Alpenkönigs (Gerhard Deininger), der den Grantler mit Unterstützung seiner urbayrischen Geister einer höchst amüsanten psychotherapeutischen Rosskur unterzieht, bei der die Akteure und das Bühnenbild nicht geschont werden. Und so landet der Herr von Rappelkopf auf seinem Weg zur Besserung auch mal im Ammersee. Viel Witz liegt im Detail: Das Bühnenbild (Florian Münzer) kommt zu Beginn der Vorstellung wie von Geisterhand geleitet zu Fuß auf die Bühne. Ein Augen- und Ohrenschmaus ist auch der Auftritt der neunköpfigen, mit Russ verschmierten Köhlerfamilie, die ihren Wanderkarren für ein Heidengeld an den Zivilisationsflüchtling von Rappelkopf verkauft, um sich dann mit dem herzerweichenden Volkslied „So leb denn wohl, du stilles Haus“, mehrstimmig davon zu verabschieden. Überhaupt spielt Musik und Gesang (Lothar Ringmayer) in der neuen Inszenierung eine große und wohlklingend schöne Rolle. Ob Laiendarsteller oder Profi, beeindruckend ist, wie souverän die Schauspieler mit ihren Doppelrollen umgehen: Ein Kabinettstück der Schauspielkunst zeigt Klaus Wildermuth, wenn er in den zentralen Szenen die Rolle des von Rappelkopf und dessen Doppelgänger gleichzeitig spricht. Amelie Koch gibt mit viel Charme die singende Köhlertochter Salchen und die verliebte Rappelkopf-Tochter Malchen und die wunderbare Julia Rahneberg begeistert einmal mehr als drolliges Kammermädchen Lischen und als bucklige Großmutter. Und so hat die Inszenierung alles zu bieten, was eine Komödie ausmacht. Großartige Darsteller, eine bewegende Liebesgeschichte, Musik, Klamauk und Zauberei, beinahe tödliche Duelle und eine gute Portion Lebensweisheit und Menschenkenntnis, die der Autor Rai­- mund, der lebenslang Tragödien schreiben wollte und dabei hervorragende Komödien produzierte, in sein Stück hineinkomponiert hat. Auch die Rolle des Misanthropen war Raimund vertraut: Bei der Uraufführung 1828 in Wien spielte er selbst den Rappelkopf und wenige Jahre später starb der „pensonierte Menschenfeind“ an den Folgen eines Selbstmordversuchs: Ein tollwütiger Hund hatte ihn an der Hand geritzt. Darauf schoss er sich eine Kugel in den Kopf und erlag sechs Tage später seiner Verletzung. Weitere Vorstellungen von „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ gibt es bis 6. August täglich außer montags. www.seebuehne-utting.de

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