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Bildhauer Egbert Broerken: „Alles ist ausgesprochen hübsch bei Ihnen!“

Landsberg – Der Rotary Club Landsberg stiftet in seinem 40. Jubiläumsjahr ein bronzenes Stadtmodell des Bildhauers Egbert Broerken. Der Künstler hat bereits dreidimensionale Abbildungen historischer Gebäude und Städte in ganz Europa erschaffen. Der KREISBOTE unterhielt sich mit dem Künstler über das Projekt.

Geplant ist, die gesamte Altstadt Landsbergs für Blinde und Sehende im Maßstab 1:650 darzustellen. In der vergangenen Woche war Broerken in der Lechstadt, um Fotoserien für eine detailgetreue Ausarbeitung der Altstadt sowie des Gelände­profils anzulegen. Der KREISBOTE unterhielt sich mit dem Künstler über das Projekt.

Wie kommt man auf die Idee solcher Blindenstadtmodelle

Broerken: „In der Nähe meiner Heimatstadt ist die westfälische Blindenschule und daher sieht man dort im Alltag sehr viele blinde Kinder, was ja sonst eher selten ist. Eines Tages ging ich an einer Gruppe Blinder vorbei, die gerade mit einer Stadtführung unterwegs war. Dabei fiel mir auf: Mit der Information, dass der Dom 67 Meter hoch ist, konnten die natür­lich wenig anfangen.“

Die Idee war damit wohl geboren… 

Broerken: „Das könnte man so sagen. Die Dimension aller Größenverhältnisse nehmen wir Sehende ganz selbstverständlich nebenbei wahr beim Erkunden der Stadtgeschichte. Ich hatte vorher schon oft mit blinden Schülern künstlerische Projekte durchgeführt und aus dieser Erfahrung heraus hatte ich den Wunsch ganze Städte ,begreifbar’ machen zu wollen.“

Wie können Sie sicher sein, dass das Erleben der fehlenden Dimension funktioniert?

Broerken: „Wer die Modelle ertastet, der spürt zum Beispiel: Um eine große Kirche zu umfassen braucht er eine Hand ­– oder auch zwei – und ein Bürgerhaus ist meist nur ein Finger breit. Als ich vor über 20 Jahren die ersten Modelle anfertigte, unterstützten mich die Lehrer und Schüler der Blindenschule sehr und testeten alle Ideen immer begeistert. Ganz wichtig war natürlich auch, wie sich die Informationen in Brailleschrift noch nach Jahren gut lesen lassen würden: Auch daher das aufwändige Wachsausschmelzverfahren.“

Wie kann sich der Laie dieses Verfahren vorstellen?

Broerken: „Es ist eine faszinierende und ganz alte Handwerkskunst für Bronzereliefs. Man fertigt ein Modell aus Wachs – heute ein spezieller Kunststoff – und dieses wird dann später in hochwertiger sogenannter Goldbronze gegossen. Durch das Ausschmelzver­fahren ist, anders als beim üblichen Sandguss, das Modell relativ leicht, weil nur wenige Millimeter dick und trotzdem sehr stabil. Das Landsberger Modell wird bei 1,15 mal 1,55 Meter nur etwa 120 Kilogramm wiegen.“

Nach fast 30 Jahren gibt es fast 100 Modell von Ihnen. Ist der Auftrag aus Landsberg schon Routine für Sie?

Broerken: „Keinesfalls. Routine gibt es in meinem Beruf zum Glück nicht. Die Erfahrung im Umgang mit den Materialien ist natürlich hilfreich. Aber es bleibt immer Handarbeit und die Anfertigung gerade einer Stadt wie Landsberg ist handwerklich sehr anspruchsvoll. Die vielen verschiedenen Dachgiebel sind ebenso eine Besonderheit wie die extremen Höhen­unterschiede innerhalb des Altstadtkerns. Aber es ist alles wirklich ausgesprochen hübsch bei Ihnen – ich freu mich sehr darauf.“

In Landsberg gab es bekanntlich heftige Diskussionen um den von der Stadtspitze gewählten Standort am Marienbrunnen. Wo werden denn solche Blindenstadtmodelle normalerweise aufgestellt?

Broerken: „Einzelobjekte natürlich direkt vor den Gebäuden. Altstadtmodelle üblicher­weise dort wo die Stadtführungen starten, denn da ist ,das nützliche Kunstwerk‘, wie es mal genannt wurde, am sinnvollsten. Sowohl für Bewohner wie Gäste als auch für Blinde wie Sehende ist es einfach ein Attraktion. Die Kinder können sich meist gar nicht losreißen und wollen immer wieder alles entdecken.“

In Landsberg kommen Blinde derzeit eher selten vor…

Broerken: „Das ist ein ganz interessanter Erfahrungswert aus anderen Städten. Es wurde mir jetzt schon öfter berichtet, dass Familien mit Blinden oder auch Reisegruppen gezielt Städte mit Stadtmodellen besuchen.“

Das Modell wurde der Stadt als Geschenk versprochen. Mit welchen Folgekosten ist zu rechnen?

Broerken: „Prinzipiell mit keinen. Bronze ist für die Ewigkeit, weil unverwüstlich. Im Laufe der Jahre entwickelt sich die übliche Patina, während meist die Beschriftungen und die Sehenswürdigkeiten vom vielen Betasten glänzen. Dadurch ist es so­- zusagen selbstreinigend. Jedoch hat die Erfahrung gezeigt, dass es dazu möglichst nicht unter Bäumen stehen sollte, so romantisch es auf den ersten Blick erscheinen mag.“

Laut Rotary Club Landsberg soll ein Modell vom Stadtmodell am 24. November vorgestellt werden. Sie fangen also an?

Broerken: „So schnell ginge das alles gar nicht. Ich arbeite schon seit Sommer an dem Projekt mit Hilfe der Katasterpläne und Informationen vom Stadtbauamt, Luftbildern sowie Informationsmaterial vom Frem­denverkehrsamt. Am 24. November veranstaltet der Rotary Club ein Benefizkonzert zugunsten des Modells und Präsidentin Silke Anderie hat mich gebeten, an diesem Tag das Modell beziehungsweise Teile davon öffentlich in Landsberg zu zeigen.“

Irene Metzger

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