Autobiographie vom Lech

Der Landsberger Alt-Landrat Walter Eichner und sein „Rückspiegel“

Walter Eichner - Buch Rückspiegel
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Rückspiegel: Walter Eichner als Geschäftsführer des Klinikums, als Bub auf dem Buchcover, als Landrat und als VdK-Kreisvorsitzender.

Landkreis – Dass Walter Eichner (70) ein respektierter und geschätzter Landrat war, ist Allgemeingut. 2014 wäre er sicher mühelos wiedergewählt worden; wahrscheinlich wieder im ersten Wahlgang und erneut mit Zwei-Drittel-Mehrheit. Aber Eichner entschied sich, aus heutiger Sicht wohl zurecht, fürs Private und für seine Familie. Jetzt komplettiert sich das Bild, das man von ihm hat – durch eine bescheidene, aber eindrucksvolle Autobiographie, die uns bis ins Landsberg der 50er Jahre zurückführt. 

Als Autor knüpft Eichner, der den Ehrentitel „Altlandrat“ führte und Ehrenringträger des Landkreises war, nahtlos an seine Amtszeit an, die durch Entschlossenheit und Ausgleich geprägt war. Über 99 Prozent aller Entscheidungen im Kreistag fielen in seiner Amtszeit einstimmig. „Es gibt keine CSU-Schule und keine SPD-Turnhalle“, war sein Credo, was heißen sollte: Mit mir als Landrat geht es nicht um Meriten oder Siege, sondern allein um die Sache. Ähnlich zurückhaltend schrieb Eichner auch sein Buch – dieses Understatement war und blieb sein Stil.

Zum Selbstlob gäbe es ja durchaus Anlass: Eichner hat sich aus normalen, also armen Verhältnissen der Nachkriegszeit, ohne Anschub und ohne Gunst, allein aus eigener Kraft, bis zum Spitzenamt auf Landkreisebene hochgearbeitet. Keine Berufung und keine Beförderung ist ihm in den Schoß gefallen. Immer wieder gab es Menschen, die ihn spüren ließen, dass sie andere für geeigneter hielten als ihn. Und schließlich waren da auch noch selbstherrliche Partei­freunde, die monierten, er sei ja „nur der Sohn einer Putzfrau“.

Das ist wohl der Grund, warum auf dem Umschlag seiner Biographie der Satz steht: „Man muss nicht von Beruf Sohn sein, um in der Gesellschaft seinen Platz zu finden. Aber von allein kommt auch nichts.“ Vielleicht gibt es für diese Wendung auch noch einen zweiten Grund. Doch dazu später mehr.

Ein Mutmacher

„Dieses Buch ist ein Mutmacher“, steht zuvorderst auf dem Umschlag, und das ist auch für den Rezensenten der entscheidende Aspekt. Walter Leonhard Eichner kommt am 6. Mai 1950 auf dem Bartlbauer-Hof in Entraching auf die Welt. Zwei Monate später zieht die Familie nach Landsberg, in die Einliegerwohnung der städtische Turnhalle an der Lechstraße. Eichners Vater arbeitet dort als Hausmeister. Der damals bereits 50-Jährige ist sieben Tage die Woche bis zu 16 Stunden eingespannt. Einen großen Teil seiner wenigen Freizeit verbringt er bei den Wildschützen, die im Bachwirt gleich gegenüber zu Hause sind. Ein Familiengefühl entwickelt sich selten. 

Unter anderem beim KREISBOTEN Landsberg erhältlich: Walter Eichners Rückspiegel.

Als Walter Eichner elf Jahre alt ist, stirbt der Vater. Jetzt ist auch Geldnot mit im Spiel. Seine Mutter arbeitet als Reinigungskraft bei der Stadt Landsberg. Eichner verdient mit 13 selbst dazu. Büsche pflanzen für die Gärtnerei Schindler, Kornkammern fegen bei der BayWa, Hilfsarbeiter bei der Baufirma Maurer, Sägemehl holen bei der Sägerei Kink, Kastanien sammeln, die man ans Forstamt verkauft. Der Kleingarten an der Frieseneggerstraße bringt Salat, Gemüse und Obst ein. „Meine erste Banane habe ich auf dem Volksfest an der Kühlmannstraße gegessen. Mit Schale, weil es mir niemand vorher gesagt hat.“

Wer jetzt denkt, das könne nur in Selbstmitleid münden, der täuscht sich. „Meine Kindheit war einfach, aber auch schön“, schreibt Eichner. „Dass wir nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens geschwommen sind, hat man nicht so gespürt, weil es vielen Menschen so wie uns in der Nachkriegszeit und im Wiederaufbau ging“. Das spiegelt sich in seinen Schilderungen auch wieder. Eichner teilt viele Erinnerungen mit uns. Gluckern gleich Schussern auf dem Paradeplatz. Baden im alten Inselbad. Balancieren auf der Wehrkrone. Sprünge von der Lechbrücke. Baumhausbau auf dem Krachenberg. Ritterspiele am Leitenberg. Als Ruethenbub, später Fahnenschwinger, beim Ruethenfest. Als Mitfahrer im Müllauto durch die Schwaighofsiedlung: Aus erhöhter Sicht sehen die Gartenzwerge noch lustiger aus.

Zweimal abserviert

Nach der Knabenschule an der Schlossergasse besucht Eichner die Realschule in Schongau. 5 Uhr aufstehen, 6.15 Uhr Abfahrt mit der Dampflok-betriebenen Fuchstalbahn. In der 10. Klasse besteht Eichner die Aufnahmeprüfungen für den mittleren und gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst. 1966 fängt er bei der Stadt Landsberg an. 1971 wird er Stadtinspektor zur Anstellung. Gabriele Seyrer aus Oberbergen tritt in sein Leben und gehört bis heute als seine Frau und Mutter der drei gemeinsamen Kinder Birgit, Stefanie und Christian dazu. 1977 und 1980 folgen weitere Aufgaben bei der Stadt. 1983 beruft ihn Oberbürgermeister Hanns Hamberger (CSU) zum Verwaltungsleiter des damals noch städtischen Krankenhauses. Es ist defizitär; nach einem Jahr ist das Problem gelöst.

1988 gewinnt Franz-Xaver Rössle (UBV) die Oberbürgermeister-Wahl. Er war ein Freund von Chefarzt Dr. Rudolf Perl, schreibt Eichner. Der teilt dem jüngsten Verwaltungschef Bayerns am Tag nach der Stichwahl mit, er, der Mediziner, habe jetzt auch in Verwaltungsangelegenheiten das Sagen. Der abservierte Eichner zieht sich zurück, wird später Leiter des Personal- und Hauptamts des Landratsamts. Fünf Jahre danach aber kehrt er zum Klinikum zurück. Es ist wieder defizitär. Inzwischen gehört es als Eigenbetrieb zum Landkreis. Eichner wird Geschäftsführer. Und schafft den Turn­around erneut.

Eigentlich wäre er im Jahr 2000 der geeignete Kandidat der CSU für das Amt des Landsberger Oberbürgermeisters. Aber da fällt der Satz mit der Putzfrau. Nun ist es die CSU, die ihn abserviert, mit fatalen Folgen: Das Amt geht an den Widersacher Ingo Lehmann (SPD). Aber wenige Monate darauf folgt Eichners Rache. Wie zum Trotz wirft er seinen Hut für die Wahl des Landrats in den Ring: „Jetzt zeig ich es denen, dachte ich mir, weil der Landrat mehr ist als der Oberbürgermeister“.

Eigentlich ist Josef Loy für dieses Amt vorgesehen, jedenfalls vom Partei-Establishment. Dazu gehört auch der CSU-Kreisvor­sitzende Thomas Goppel, Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Alfons Goppel. Er versucht, dem Buch zufolge, Eichner noch ersatzweise in den Bundestag zu hieven. Als er das ablehnt, kommt es zur Kampfabstimmung im Zederbräusaal. Eichner gewinnt mit 89 zu 65 Stimmen. Bei der anschließenden Landratswahl gewinnt er auf Anhieb 63 Prozent der Wähler für sich.

Körperlicher Raubbau

Das war ein langer, aufregender Weg und mancher hätte nun Lust, in der ein oder anderen Richtung nachzuarbeiten. Das war Eichners Sache nicht; er war einfach nur angekommen. Sein Amt als Landrat übte er überparteilich und konsensorientiert aus. Er galt als „Energiebündel“, bis hin zum „körperlichen Raubbau“, wie er selbst einmal sagte.

Dazu trug auch bei, dass er immer wieder bei den Vereinen präsent war, Sitzungen moderierte oder einfach nur ein launiges Grußwort vor 3.000 Zuhörern hielt. Anders als bei manchem Politiker in vergleichbarer Rolle steckte da kein Kalkül hinter, kein vorsorglicher Stimmenfang, sondern die Verbundenheit mit dem Landkreis und seinen Bewohnern.

Eichner lässt die Fortschritte, die der Landkreis in seiner Amtszeit gemacht hat, im Buch nicht unerwähnt, verzichtet aber auf jede Wertung. Bis auf eine Ausnahme: Er druckt zwei Kommentare ab, die zu seinem Ausscheiden erschienen. Fleiß, Entscheidungsfreude und Belastbarkeit seien seine hervorstechenden Eigenschaften gewesen, heißt es in dem einen. Walter Eichner war diskret und unprätentiös im staatlichen, präsent und effizient im kommunalen Landratsamt, steht im anderen. Auch aus heutiger Sicht ist daran nichts zu korrigieren.

Die im Eigenverlag erschienene Biographie ist im Buchhandel oder in der Geschäftsstelle des KREISBOTEN für 14,90 Euro erhältlich. Interessant ist das Werk wohl für drei Zielgruppen: Für alle, die in Landsberg groß geworden sind; sie dürften auf den 160 Seiten manches Bekannte, vielleicht sogar Vergessene, wiederfinden, auch in den 50 Fotos. Die zweite Zielgruppe sind diejenigen, die sich für die Entwicklung von Stadt und Kreis seit 1950 interessieren – anschaulicher als mit den insgesamt 40 Erzählungen und Anekdoten kann man gar nicht in die jüngere Vergangenheit eintauchen. Und die dritte Zielgruppe dürfte Walter Eichner besonders am Herzen gelegen haben. Es sind diejenigen, die er ermutigen wollte, auch dann unvermindert engagiert, ehrgeizig und kämpferisch zu bleiben, wenn die Umstände eigentlich dagegen sprechen. Diese Leser dürfte das Buch besonders bereichern.

Ab 2018 führte Eichner den VdK Kreisverband Landsberg. Er konnte das nur mit halber Kraft tun, weil er an Krebs erkrankt war. Er wurde im Landsberger Klinikum behandelt, wo er am vergangenen Freitagvormittag starb. In „seinem“ Krankenhaus.
Werner Lauff

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