Rüstzeug für ein neues Leben

Maren Frowein und Bernward Jopen (stehend) brachten im Zuge eines Modellprojektes sechs Strafgefangenen der JVA Landsberg das Einmaleins der Selbständigkeit bei – und wollen damit fortfahren. Foto: Kruse

Strafgefangene auf den Weg zum selbstständigen Unternehmertum führen? Mit „großer Skepsis“ begegnete man in der Justizvoll­- zugsanstalt Landsberg zum Start diesem bislang deutschlandweit einmaligen Versuch. Nach 20 Wochen „und einigen Höhen und Tiefen“ hat das Projekt Anstaltsleiterin Monika Groß „hohen Respekt abgenötigt“, wie sie jüngst bei der Präsentation der Ergebnisse sagte.

„Das hier ist sozusagen der Ritterschlag für uns“, freut sich Maren Frowein, die mit ihrem Vater Bernward Jopen für die Leonhard gemeinnützige GmbH steht, die den Versuch ins Leben gerufen hat. Auch wenn sie lieber über die Gefangenen spricht, deren Motivation und Begeisterung, so ist es auch bemerkenswert, mit welchem Engagement Frowein und Jopen das Modellprojekt geleitet haben. Die Tochter gab ihren gut dotierten Job auf, der Vater, selbst lange erfolgreicher Unternehmer und dann im Gründerzentrum der TU München tätig, brachte nicht nur seine Erfahrung, sondern auch eine Menge privates Geld und nicht zuletzt sein Netzwerk aus einem langen Berufsleben mit ein. „Jeder hat eine zweite Chance verdient. Für manche Gefangenen ist das die erste“, ist einer der Leitgedanken der Leonhard GmbH. Statt Studenten sollte nun also Strafgefangenen das Einmaleins der Selbstständigkeit beigebracht werden. Gegeben hat es so etwas bislang nur in Texas (wo das Projekt die Rückfallquote drastisch senkte), in Bayern ist es Neuland. Die anfänglichen Bedenken einiger Beobachter schienen sich zunächst zu bestätigen. „Nach sechs Wochen haben sechs Teilnehmer aus individuellen Gründen gesagt, das ist nicht das Richtige für mich“, erzählt Jopen, „da drohte das an Auszehrung zu sterben.“ Dann allerdings wurden weitere Gefangene „rekrutiert“, sieben haben das Projekt bis zum Schluss durchgezogen und präsentierten den Juroren nun ihre Businesspläne und erhielten ein Zertifikat für die erfolgreiche Teilnah­- me. Am besten gefiel der Jury der Plan von Peter F. (alle Namen geändert), eine Ernährungsberatung in Verbindung mit Kochkursen unter physiotherapeutischer Betreuung aufzuziehen. Auch die geplante Fertigung von Zahnschienen für Praxen und Dentallabors (Patrick S.) wurde ausgezeichnet, zudem die Idee von Marian H., unter Mithilfe von qualifizierten „Ex-Pats“ einen Verein zu gründen, mit dem die nachhaltige Entwicklung in seinem afrikanischen Heimatland angekurbelt wird. Ob diese und die anderen Pläne alle zur Umsetzung kommen, sei nicht entscheidend, so Jopen. „Nicht alle werden gründen. Aber bei allen hat sich das Denken verändert. Auch wenn sie sich für eine Stelle als Arbeitnehmer bewerben, werden sie bessere Chancen haben, weil sie ganz anders anschieben.“ Dafür haben sich alle Beteiligten in den letzten fünf Monaten viel Arbeit gemacht. Jopen und Frowein fuhren das gesamte intellektuelle und technische Arsenal auf, das bei potenziellen Gründern sonst nur an der Uni oder in teuren Privatseminaren zum Einsatz kommt. Die Teilnehmer erhielten so „eine betriebswirtschaftliche und unternehmerische Gesamtausbil­- dung.“ Leicht war es für die meisten nach eigenem Bekunden nicht, sich erstmals mit Dingen wie Buchführung, „Return on Investment“, Kosten-Nutzen-Rechnung und der Erstellung – und dann auch der Präsentation – eines Businessplans auseinanderzusetzen. Erschwerend kam hinzu, dass Selbstverständlichkeiten wie Internetrecherchen in der JVA selbstredend nicht möglich sind – diese Aufgabe übernahmen als freiwillige Mentoren Studenten, die dann ihre Ergebnisse zur Verfügung stellten. Aus den Tagebüchern der Gefangenen, die sie im Laufe des Kurses erstellten, spricht allerdings eine große Begeisterung – diese bestätigt auch Bernward Jopen. „Ich kann sie nur loben. Sie sind sehr motiviert. Sie können es mit den Studenten der TU München glänzend aufnehmen.“ Ihre Pläne direkt umsetzen können die Teilnehmer aber nicht. Erst im November wird der erste von ihnen entlassen, 2013 der letzte. „Damit das alles nicht versickert, wollen wir uns etwas überlegen, um noch während der Haft das Wissen der Teilnehmer des ersten Kurses mit neuen Inhalten und Wiederholungen aufzufrischen“, so Maren Frowein, deren Fazit positiv ausfällt: „Ich bin begeistert. Es lief besser als erwartet, wir haben erfolgreich Hürden abgebaut und zum Schluss hatten wir überwiegend nur noch Fürsprecher.“ Wie es generell mit dem Modellprojekt weitergeht, hängt vor allem von drei Gutachten ab, die nun erstellt werden: Eines kommt von der wissenschaftlichen Begleitung der TU München, eines vom kriminologischen Dienst der bayerischen Justiz und eines von der Anstaltsleitung. Danach entscheidet das Ministerium. Wenn es nach Maren Frowein geht, ist das Ziel klar: „Wir würden das sehr gerne weitermachen und es gerne wieder in Landsberg machen.“ Die nächste Runde könnte im Oktober starten.

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