Rutschpartie ins Klinikum

In der Nacht ein gefährliches Spielgerät: Die Free-Fall-Rutsche im Inselbad. Foto: Peters

Das Internet ist bekannt für seine Schätze und Abstrusitäten, aber auch für allerhand Geschmacklosigkeiten. Eine oft besuchte Seite etwa widmet sich mit Vorliebe detaillierten Bildern und Videos schrecklicher Unfälle, die selbst hartgesottene Zeitgenossen beim Betrachten an den Rand der Belastbarkeit treibt. Ähnlich muss es jenen Angestellten der Landsberger Stadtwerke ergangen sein, die im August die Videobänder der Überwachungskameras im Inselbad auswerteten.

Es beginnt alles ganz harmlos: Es ist Samstagnacht, das Bad ist menschenleer. Vier Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren steigen über den Zaun. Damit unterscheiden sie sich nicht von ihren vielen Vorgängern, die im Laufe der vergangenen Jahre im Schutz der Dunkelheit den Kick eines erfrischenden Bades in den stillen Pools suchten. Doch diesmal endet es nicht mit harmlosem Planschen. Die Jugendlichen gehen weiter. Die Free-Fall-Rutsche, welche sich rund zehn Meter in den schwarzen Himmel erhebt, hat es ihnen angetan. Dass dort nachts kein Wasser fließt, stört sie nicht. Auch die Ketten, die den Aufgang zur Rutsche versperren, schrecken sie nicht ab. Dann schwingt sich der Erste in die grüne Röhre. Er donnert mit hoher Geschwindigkeit hinunter. Bis hierhin ist es nicht viel mehr als ein dummer Jungenstreich. Doch das ändert sich, als der Jugendliche das Ende der Rutsche erreicht. Dort, wo normalerweise der Gegenstrom die Rutschenden bremst, ist nichts, was die Geschwindigkeit verlangsamen könnte. Mit voller Wucht kracht er mit den Füßen voraus in die Wand, die das Auslaufbecken abschließt. Beide Fersenbeine halten dem Aufprall nicht stand und brechen, die Wirbelsäule wird gestaucht. Auf dem Überwachungsvideo ist kein Ton. Zum Glück. Denn es müssen markzerreißende Schmerzensschreie sein, die dem Verletzten über die Lippen kommen. Vor Panik schleifen ihn seine Begleiter zum nebenan liegenden Springerbecken. Sie tauchen ihn dort ins Wasser, um seine Schmerzen zu lindern. Aus Angst, auf dem Gelände des Inselbades erwischt zu werden, ziehen die drei Jugendlichen dem Schwerverletzten anschließend seine Kleidung wieder an und bringen ihn durchs Drehkreuz vor das Gebäude. Passanten, die die Schmerzensschreie gehört hatten, haben jedoch mittlerweile die Polizei alarmiert, die die Jugendlichen in Empfang nimmt. Die Eltern des Verunglückten erfahren noch in der Nacht vom Unfall ihres Sohnes. „Das war natürlich ein Schock“, erinnert sich der Vater. Bei der anschließenden Untersuchung im Landsberger Klinikum stellt sich heraus, dass der Jugendliche aus einem Landsberger Stadtteil noch Glück im Unglück hatte. Das Rückenmark blieb unverletzt, die Operation der gebrochenen Fersenbeine verläuft ohne Komplikationen. Demnächst soll der Jugendliche nach vier Wochen Aufenthalt aus dem Krankenhaus entlassen werden, vier weitere Wochen wird er dann noch im Rollstuhl sitzen müssen. Das Unglück ist kein Einzelfall. Bereits kurz nach der Eröffnung der Rutsche vor sechs Jahren habe sich ein Jugendlicher bei einer ähnlichen Aktion das Fersenbein gebrochen, sagt Stadtwerke-Vorstand Norbert Köhler. Er sieht das Problem nicht bei der Rutsche, sondern bei den meist angetrunkenen Jugendlichen. „Die denken in ihrem Zustand einfach nicht mehr rational.“ Die Dunkelziffer scheint noch deutlich höher zu liegen. Die Mutter des jüngsten Opfers spricht von weiteren ihr bekannten Fällen, bei denen sich Jugendliche beim nächtlichen Rutschen verletzt haben. Zu viele, als das man darüber hinwegsehen könne, findet sie. „Ich hoffe, dass an der Rutsche noch nachgerüstet wird.“ Bei den Stadtwerken nimmt man den jüngsten Vorfall ernst. „Wir überlegen, ob man da was basteln kann“, sagt Köhler. Denn auf Videos dieser Art möchte man auch dort in Zukunft am liebsten verzichten.

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