»Ich bin ganz Ohr«

Sabine Skudlik, die Zuhörerin im Klostereck

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Sabine Skudlik (rechts) hört im Klostereck den Geschichten der Menschen zu. Als Ghostwriterin hat sie bereits Biografien geschrieben. Im KREISBOTEN empfiehlt sie regelmäßig in „Lust auf Lesen“ Lesenswertes.

Landsberg – „Wirklich, Sie hören einfach nur zu?“ Diese Frage wird Sabine Skudlik öfters gestellt. Seit Anfang Juni ist sie zwei- bis dreimal pro Woche im Projektraum im Klostereck. Und hört unter dem Motto „Erzählen Sie!“ den Geschichten der zufälligen Besucher zu. Reales oder Erfundenes, aus dem eigenen Leben oder Gedanken über irgendetwas: Was ihre Besucher erzählen, ist durch keinen Rahmen begrenzt. Ein Vorbild hat sie: der Autor Christoph Busch, der in Hamburg in einem umfunktionierten U-Bahnhofs-Kiosk an den Lippen seiner Gäste hängt.

„Bisher bin ich noch nie alleine dagesessen“, sagt Skudlik. Wenn sie da ist, hängt sie „Jetzt“-Schilder auf. So wie Christoph Busch seine Anwesenheit im Kiosk mit einer Fahne anzeigt. Oft steht sie auch vor der Tür des Klosterecks. Viele Passanten kommen in die ehemalige Kapelle, um sich die aktuelle Ausstellung anzusehen. Und sprechen Skudlik an. Manche bleiben und fangen an zu erzählen. Denn dass jemand einfach nur zuhört, scheint inzwischen selten zu sein. „Es ist etwas ganz anderes, ob man etwas Freunden oder jemand Fremden erzählt“, weiß Zuhörerin Skudlik. In so einer anderen Situation erzähle man eben auch anderes.

Zum Zuhören im Klostereck kam Skudlik, als sie von Christoph Buschs Projekt in Hamburg hörte. Und sofort dachte: „Professionelle Zuhörerin, genau das will ich machen.“ Busch sei inzwischen zum „guten Menschen von Hamburg“ avanciert, erzählt Skudlik, die den Autor im April in Hamburg besucht hat. Es war ein schöner Frühlingstag, als sie zu ihm in die Tiefen hinabstieg. Ob er denn nicht trübselig werde, so unter der Erde, wenn oben die Sonne strahlt, fragte sie ihn. Busch bemerke das inzwischen schon gar nicht mehr. So spannend seien die Leute, die zu ihm kommen.

Busch hat Skudlik erste Tipps gegeben. Was gut funktioniert, was nicht. Zurück in Landsberg war sie dann bei der Dozentenvorstellung der lechART zum ersten Mal im Klostereck – das Parallelen zum Kiosk aufweist: eine Art „Aquarium“, an dem Passanten vorbeikommen. Und fand Gefallen an dem lichten Raum mit Einsicht. Leiterin des Projektraums Catherine Koletzko war von dem Zuhören-Projekt ebenfalls gleich angetan. Das Landsberger offene Ohr war geboren. Ihr Coach ist Skudlik geblieben: Busch erkundigt sich immer mal wieder, wie Skudliks Projekt läuft. Professionelle Zuhörer unter sich. Austausch unter Kollegen eben.

„Dass Zuhören an sich so einen Wert hat, damit hat Busch nicht gerechnet.“ Skudlik selbst weiß das. Sie hat mehrere Biografien geschrieben. Als Ghostwriterin, was aufmerksames Zuhören voraussetzt. Notwendig sei natürlich eine vertrauensvolle Situation. Zwar hat sie im Klostereck keinen Ort, der von außen vollkommen uneinsichtig wäre – den hat Busch in seinem Kiosk mit Vorhängen abgetrennt –, aber sie überlässt ihren Gästen die Entscheidung, wo sie sich hinsetzen möchten. Viele nehmen gerne die Ecke schräg gegenüber der Eingangstür. Die durch das große Schaufenster von außen nicht ganz so einsichtig ist wie der Rest des Raumes.

Zuhörerin und Erzähler setzen sich. Und Skudlik lauscht. Die Leute berichten ihr, warum sie nach Landsberg gekommen sind, was sie machen, viele sprechen von schwierigen Situationen, in denen sie gerade stecken. Andere reden einfach drauf los, belanglos, aber nie unwichtig. „Manche kommen auch und sagen: ‚Ich weiß nichts, aber fragen Sie doch einfach mal‘“, erzählt Skudlik. Kein Problem für die Zuhörerin. Mit ein oder zwei Fragen kurbelt sie den Gesprächsmotor an. Und schon ist man mittendrin. Auch einige alteingesessene Landsberger waren schon da. Von denen hätte Skudlik gerne noch mehr. Sie lebt zwar schon seit 35 Jahren in Landsberg, aber natürlich gebe es noch viel mehr Maupin‘sche Stadtgeschichten.

Was sie aus dem Gehörten macht, weiß Sabine Skudlik noch nicht. Die konkreten Landsberger Stadtgeschichten könne sie eventuell mal veröffentlichen. Die privaten Geschichten sind natürlich tabu. In ihrem Kopf verwebe sich aber das Gehörte mit Eigenem zu einem ganz neuen Geschichtenteppich. „Dinge zu verknüpfen, darauf bin ich aus.“ Ihre Fantasie werde durch die Geschichten angekurbelt. Sollte sie also jemals das Gehörte weiterverwerten, dann niemals das Original, sondern immer nur Elemente, Teile, Bruchstücke.

Zum Arbeiten hat Skudlik immer etwas dabei. Bisher ist sie jedoch noch nie dazu gekommen. Hat sie Zeit, schaut sie sich gerne die Passanten an. Und denkt sich dann selbst Geschichten zu deren Leben aus. „So Manchen habe ich auch schon von draußen reingefischt“, lacht sie. Etwas, das sie sich zurvor eigentlich gar nicht zugetraut hat. „Ich bin hier ein anderer Mensch.“ Aber wahrscheinlich ist es genau das, was einen professionellen Zuhörer ausmacht: Eine immense Neugier am Leben der Mitmenschen. Und natürlich die große Freude, wenn man dem Rauschen der Welt lauschen darf.

Susanne Greiner

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