Geschichten von Unordnung und Stille

Säulenhalle Landsberg: die 32. Jahresausstellung des RBK

Säulenhalle Landsberg Arbeit von Lore Kienzl mit Menschen
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Lore Kienzls „Gratwanderung“ – hier im Vordergrund zu sehen – ist eine der 42 Arbeiten, die in der Jahresausstellung des RBK in der Säulenhalle zu sehen sind.

Landsberg – Wer die Säulenhalle betritt, sieht sich der Sinnlichkeit gegenüber. Ganz konkret ist es das Triptychon L.U.S.T von Eva Mähl, dessen nahezu hörbar stöhnende Lippen Körperlichkeit 1:1 vermitteln. Sinnlichkeit in Form von Kunst-Wahrnehmung bietet aber die gesamte 32. Jahresausstellung des Regionalverbands Bildender Künstler Oberbayern West (RBK). 42 Künstler präsentieren hier aktuelle Arbeiten: von Skulptur über Fotografie und Bild bis zur Collage. Die Ausstellung ist noch bis zum 11. Oktober zu bewundern.

„Kunst und Kultur dürfen im Vergleich zu anderen Bereichen des öffentlichen Lebens nicht als weniger relevant vernachlässigt werden.“ Deutliche Worte, die Vereinsvorsitzende Silvia Großkopf in ihrem Vorwort zum Katalog schreibt. Noch bei dessen Zusammenstellung sei nicht klar gewesen, ob die Ausstellung stattfinden könne. Aber trotz allem: Sie findet statt.

Einige Arbeiten der 42 Künstler wirken unruhig – vielleicht als Spiegel der vor allem für Kulturschaffende schwierigen Zeiten in der Pandemie. Deutlich bei „PAX“ von Margarete Bartsch, ein Gemälde, das wie eine brennende Landkarte anmutet, die Buchstaben des Friedens dabei zerstreut. Klaus Strahlendorf setzt auf Kontrast: „Abwärts Down Aufwärts Up“ spielt mit schwarzen und weißen Linien, die einerseits verlaufen, andererseits wie mit dem Lineal voneinander getrennt Raum erschaffen. Deutlich ist Unruhe bei Christiane Tuma-Schillingers „Summerfeeling“: ‚krakelige‘ Linien, die eine dünn lasierte Holzplatte zerteilen, wobei zahlreiche Schichten übereinander eine große Tiefe erzeugen.

Andere zeigen das Zurückziehen auf die unmittelbare Umgebung. „Wir haben beim Hängen so etwas wie ein florales Kabinett entstehen lassen“, beschreibt Großkopf. In dem hängt Christoph Frankes „Mein Garten 10“, eine Cyanotypie – Objekte werden direkt auf dem Träger per Sonnenlicht belichtet –, deren weiße Blumen auf Preußischblau wie ein Negativ wirken. „Mein Gartenkosmos wurde zum Studio, von dem ich in die Welt blicke“, schreibt Franke im Katalog. Eine Welt, die er auch in den kleinen Blüten sieht.

Eva Mähls L.U.S.T. in der Säulenhalle Landsberg

Ruhe strahlt Elke Jordans „Eine Zeit Stille“ nicht nur im Titel aus. Helle Erdtöne vorwiegend in Beige bringen eine Landschaft im Nebel hervor, lassen Auge und Kopf zur Ruhe kommen in einer Natur, die ohne Mensch und Tier besteht. Ruhe trotz Aktion zeigt Leila Morgenstern mit „Bewegung“, ein ‚Linien-Porträt‘ eines tanzenden Paares, gemalt ohne abzusetzen.

Auch die Skulpturen bergen Ruhe. Otto Scherers „Ring“, mit Platin beschichtet, schlicht, spiegelnd, zeigt dem Betrachter eine verzerrte Realität. Lore Kienzl verwandelt Holz mit Pigmenten zu zwei zerklüfteten, wie aus Stein wirkenden Gipfeln, die ein dünner Draht – die „Gratwanderung“ – verbindet. Ruhe, die bedroht ist. Schon eine kleine Erschütterung könnte den Grat zerstören: ein monumentales Werk, das gerade mal knapp 20 Zentimeter hoch ist. Bert Praxenthaler hat einen „Herrscher, erstaunt“ geschaffen. Inspiriert von Reliquiaren, die zur Aufbewahrung der heiligen-Knochen dienen, ist sein Herrscher, aus einer Schondorfer Linde gearbeitet, entstanden. Der Kopf ist aufklappbar, in der Brust eine mit Glas bedeckte Mulde. Beides dient in Reliquaren als Aufbewahrungsort der Knochen: „Der Mensch hängt eben am Dinglichen“, sagt Praxenthaler. Die Knochen sind bei ihm jedoch bunte Holzstäbe, ein Wirrwarr in Kopf und Brust, in Denken und Fühlen. Sie erinnern an Mikado. Und das spielt wieder auf das Werfen von Knochen als Orakel an. Kann ich mein Schicksal in die Hand nehmen? Nein, meint Praxenthaler. Der Mensch sei dem Zufall ausgesetzt, machtlos.

Mooreiche und Granit

Im Widerspruch von Beständigkeit und Unruhe steht Ulrike Schroeters „Hommage an Fritz Koenig“. Schroeter stellt Ewigkeit – ein gut 2.000 Jahre altes, versteinertes Stück Mooreiche in Verbindung mit einem bearbeiteten Granit – gegen Veränderung – die ausgesägten Zacken des Granits sowie ein Riffelblech, das vormals als Stufe im Olympiazentrum diente. Eine Skulptur, die Geschichte darstellt. Oder besser gesagt das, was Geschichte ist. Fritz Koenig dient ihr hierbei als eine Art Metapher. Koenig erarbeitete „The Spere“, die größte Bronzeplastik der Neuzeit, aufgestellt Anfang der 1970er zwischen den Türmen des World Trade Centers. Die Türme, die Schroeters Holz- und Granit-Stücke darstellen mögen. Beim Anschlag im September 2001 blieb die Kugel im Ganzen erhalten, allerdings stark beschädigt. In diesem Zustand steht sie heute im Liberty Park, direkt neben Ground Zero. Koenig sah darin eine Transformation von der Skulptur (der Kunst) zum Denkmal (der Geschichte). Sie habe jetzt „eine andere Schönheit, eine, die ich mir nie vorstellen konnte. Sie hat nun ihr eigenes Leben – ein anderes als das, das ich ihr gegeben habe.“

Zeit verändert das Bestehende. Und Zeiten prägen das Entstehende. In diesem Sinne ist Kunst immer auch das Erzählen von Geschichte aus einem ganz persönlichen Blickwinkel, die RBK-Jahresausstellung eine Übersetzung der momentanen Situation ins Visuelle, Sinnliche. Wer sich dem nähern mag, hat dazu noch bis zum 11. Oktober Dienstag bis Freitag 16 bis 20 Uhr, am Wochenende 14 bis 20 Uhr; am letzten Tag noch bis 18 Uhr) die Chance.

ks

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