Vom Osterei bis zum Tagebuch

Sammlungsaufruf Landsberger Stadtmuseum: Was von Corona übrigbleibt

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Auch das ist in der Corona-Sammlung des Stadtmuseums zu sehen: das Corona-Tagebuchs von Ann-Kathrin Häupl – hier zum Thema Seifenvorrat.

Landsberg – Ein Stadtmuseum dokumentiert Zeitgeschichte: wie sich Ereignisse seit dem Zweiten Weltkrieg auf den Alltag, das Leben in dieser Stadt oder Region ausgewirkt haben oder immer noch auswirken. Die Corona-Pandemie ist eines dieser Ereignisse. Deshalb hat auch das Stadtmuseum Landsberg im April die Bürger aufgerufen, Objekte und Dokumente einzureichen, die genau das dokumentieren: Wie ändert sich der Alltag durch die Restriktionen? Inzwischen sind einige Objekte und zahlreiche Fotos angekommen. Aber es ist noch Luft nach oben.

Masken auf der Wäscheleine

Masken, die auf der Wäscheleine trocknen, leere Straßen und viele, viele Fotos der Steinschlangen, die während der Corona-Pandemie entstanden sind. Stadtmuseumsmitarbeiter Anna Leiter, Initiatorin der Sammelaktion, hat zahlreiche Fotos bekommen. „Vieles war brauchbar für uns, manches aber nicht.“ Wenn zum Beispiel noch andere Personen auf den Fotos zu sehen sind, für die man erst die Rechte klären müsste. Oder WhatsApp-Chats mit Videos aus dem Netz, auf denen jemand Klopapier einpflanzt – auch dafür hat das Stadtmuseum natürlich keine Rechte. Dennoch, Fotos sind da. Auch ein paar Texte und Geschichten. Aber an Objekten mangelt es noch.

Ein Highlight für Leiter ist so ein Objekt: ein 60-seitiges Quarantäne-Tagebuch, „Queens of Quarantine“ betitelt. Es stammt von einer Studentin, die gemeinsam mit ihrer Vierer-WG vom 11. März bis zum 1. April in Quarantäne bleiben musste. Entstanden ist eine Dokumentation dieser 21 Tage mit vielen Zeichnungen, Collagen und natürlich Texten. Es gibt Plan A und Plan B – falls die Tests positiv oder eben negativ ausfallen. Auf einer Seite klebt ein Post-It: „Uni – Vorlesung, geht grad nicht ;)“. Daneben die Seite mit der Überschrift: „Die Dezimierung des Seifenvorrats“. Viele Zwischenstandsberichte, eine Seite mit den „beerdigten Plänen“, eine mit all dem, wofür man plötzlich Zeit hat.

„Das ist ein Rundumpaket“, freut sich Leiter. „Es ist auf der einen Seite sehr persönlich: In welchem Grad von Wahnsinn befindet sich die Autorin?“ Auf der anderen Seite bilde es aber auch das ab, was draußen passiert ist. Wann es welche Lockerungen gab, wie die Leute darauf reagiert, was sie getan haben. Noch ist das Tagebuch nur virtuell im Museum, aber Leiter hofft, dass die Autorin auch das reale Buch schickt.

Gefreut hat Leiter auch das handbemalte Corona-Osterei beim Hamsterkauf, das Klopapier, Nudeln und natürlich eine Maske trägt. Oder die Klopapier­ohrringe aus Perlen und Goldkreole. Es gibt Anstecker, auch Aufkleber wie den von Carmen Celewitz, den sie für die Landsberger Geschäfte gegen eine Spende an die Landsberger Tafel machte. Ansonsten sieht es bei den Objekten, die auch eine mögliche Ausstellung bestücken könnten, mager aus.

Eines wurde Leiter sogar im letzten Moment unter der Nase weggeschnappt: Ein Künstler aus dem Landkreis fertigte ein Virusmodell namens „Corona versteinert“. Eigentlich sollte es nach Landsberg kommen, aber der Künstler konnte sich lange nicht von ihm trennen. Bis es letztendlich in der Süddeutschen abgebildet wurde – und jetzt ins Münchener Stadtmuseum abgewandert ist.

„Uns geht es bei der Sammlung darum zu zeigen, wie sich der Alltag für die Bürger geändert hat oder noch immer ändert.“ Gemeinsame Ausflüge mit der Familie, was vorher vielleicht zu kurz gekommen ist, zusammen kochen. Ein Problem sei, das nicht direkt Sichtbare zu dokumentieren. Die ausgefallenen Konzerte, Versammlungen, Treffen, oder eben auch die Nöte und Ängste der Menschen, die unter den strikten Einschränkungen gelitten haben. Not wie auch die einer Zahnärztin, die ein Foto ihrer FFP-2_Maske aus dem Backofen geschickt hat. Weil es die einzige war, die sie hatte, und die sie deshalb immer wieder im Backofen aufbereiten musste.

Eine Frau, die ein Foto einer Maske mit Feuerwehrauto eingesandt hat, kann vom Gegenteil berichten: Sie hat in zwei Wochen 200 Masken genäht und an zahlreiche Organisationen (wie die Feuerwehr) verschenkt – und hatte somit viele Begegnungen, freute sich über Freundlichkeit und Dankbarkeit der Leute.

Sagenhaft niedrige Benzinpreise: Auch das war prägend in der Anfangszeit der Pandemie.

Es sei normalerweise nicht einfach, aktuelles Geschehen zu dokumentieren, sagt Leiter. Was prägend für eine Zeit ist, könne man meist erst im Rückblick beurteilen: „Woher wissen wir, was jetzt tatsächlich bedeutend ist?“ Im Falle von Corona sei das anders: Es ist eine extreme Situation, die Auswirkungen hat jeder von uns direkt vor Augen. Deshalb sei für das Stadtmuseum alles interessant, was für die Leute interessant ist. „Wir dokumentieren, wir bewerten nicht. Und was uns jemand schickt, hat ja zumindest für diesen einen eine Bedeutung.“

Ausschlaggebend für die Idee war für Leiter ein Instagram-Post der Stadt Regensburg: ein Corona-Foto der leeren Stadt. Da habe sie sich gefragt, wer denn jetzt in Landsberg die Gegenwart dokumentiere – und den Aufruf gestartet, „damit nicht alles verlorengeht“. Am Anfang habe sie sehr viele Zusendungen bekommen. „Aber jetzt hat sich auch diese Kurve abgeflacht.“ Die Leute wollten zur Normalität zurück, „viele winken bei dem Thema Corona ab“. Dennoch würde sich Anna Leiter über weitere Zusendungen freuen.

Letztendlich könnte daraus in fernerer Zukunft – erst muss ja das Stadtmuseum wieder öffnen – eine Sonderausstellung entstehen. Vielleicht ist dann ja die Pandemie vorüber. Und wäre es dann nicht spannend, die eigene Erinnerung an diese Zeit als Teil einer Ausstellung über diese Zeit zu wissen?

Wer mitmachen mag: per E-Mail an museumssammlung@landsberg.de, Dateien gerne gleich anhängen. Objekte können nach Terminvereinbarung überreicht werden. Die bisherigen Objekte und weitere Infos gibt es unter www.museum-landsberg.de/de/corona.
Susanne Greiner

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