Sarah Lesch im Café Mondial

Leichtsinn und ein wenig Mut

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Die preisgekrönte Liedermacherin Sarah Lesch begeisterte im ausverkauften Café Mondial.

Landsberg – Sarah Lesch ist viel unterwegs im Moment: Deutschland, Italien, Schweiz. Aber Kreativität kommt nicht auf Bestellung, sie überfällt. Und so entsteht ein Song schon mal an einem ungewöhnlichen Ort wie der Autobahntoilette. Aber die Liedermacherin ist ja auch nicht gewöhnlich. Eine Mischung aus vermeintlicher Naivität und Weisheit, gepaart mit einer lieblich durchdringenden Stimme, manchmal klingt die sogar nach Whiskey. Wenn sie dann mit Benni Benson ihre Lieder über Liebe, Politik oder Fischbrötchen im Café Mondial singt und das Publikum am Boden sitzend vor der Bühne lauscht, fühlt man sich fast wie in den 80ern. Als Liedermacher und kalte Steinböden noch Hochkonjunktur hatten und Songtexte so richtig zu Herzen gingen. Aber es funktioniert immer noch.

„Ich will nur wahre Geschichten erzählen.“ Davon hat die 31-Jährige Sarah Lesch offensichtlich schon eine Menge erlebt. Zum Beispiel kann sie ein Lied über ihren Schwiegervater Stefan singen, der mit Cap Anamur 37 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer rettete. „Über Funk bekamen die Ansagen wie ‚Da schwimmt eine Nussschale, fahrt mal drum rum‘“, erzählt die Liedermacherin. Stefan kam wegen „bandenmäßiger Schlepperei“ in den Knast und danach wurde er zum Held, obwohl ihm das gar nicht gefiel. Denn „helfen ist etwas Selbstverständliches“. Stefan habe ihr Mut gemacht. Zusammen mit ihm hat sie das Lied „Kapitän“ geschrieben.

Ihre Texte reichen von rosarot bis zorniggelb, von Weltfremdheit bis zu Worten, die wie für einen selbst geschrieben scheinen. Sie rät dem Publikum zu „weniger Luxus und mehr Leben“, singt von absoluter Frischverliebtheit und von unartigen Kindern, aber „kein Kind ist ein Problem. Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd.“ Eigene Erfahrung ist vorhanden: Mit 18 bekam sie selbst ein Kind. Die Poetin meckert über die Pseudobewussten, die „vor dem Flachbildschirm sitzend den Konsum kritisieren“, klagt Rattenfänger, Heuchler und Lügner an. Solche Aussagen kennt man, aber meistens ist zumindest ein kleines Augenzwinkern mit dabei, wenn nicht gar der Zynismus schöpfkellenweise heruntertropft. Sarah Lesch meint das ganz ernst.

Bis 2013 arbeitete die Sängerin mit den feuerroten Rastalocken als Kindergärtnerin in Tübingen, bevor sie ihren Job kündigte und nach Leipzig zog. Dass sie aus der Ecke kommt, hört man, wenn sie leicht sächselnd von ihrem reiselustigen Großvater erzählt. Im Sommer soll schon ihr drittes Album herauskommen. Und nebenbei hat sie etliche Preise eingeheimst, erst kürzlich den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg. „Ich kann jetzt so wunderbare Musiker wie Benni Benson mit auf Tour nehmen und ich kann sie sogar bezahlen!“ Benni grinst. Er kommt aus Augsburg und ist selber Songwriter. Sarah Lesch hat Erfolg und den zurecht. Denn hinter der scheinbar rosaroten Brille und dem unschuldigen Blick steckt viel Ernsthaftigkeit, gekonntes Jonglieren mit Worten und auch ein Funken Sarkasmus.

Wenn sie über die sich trotz menschlicher Dramatik immer weiterdrehende Erde singt, über den Menschen, der ein Drama aus Banalitäten baut und über den Schmerz, der „Soldaten aus Handwerkern und Poeten macht“, trifft das wie die Faust aufs Auge. Sie erzählt von ihrer Reise in die Uckermark, weil sie dort in einen Bestatter verliebt war. Und da sie ihn rumkriegen wollte, übersetzte sie ihm ein Lied aus dem Englischen, „Lieblingsbeatle“: „John ist ein Arschloch, George zu spirituell, Paul ist irgendwie seltsam, Ringo ist cool aber zu speziell“ trällert sie mit Grinsen im Gesicht. Sie deklamiert „Schweinkram von Brecht“, setzt akustische Auslassungspunkte in einem Song über einen Flachpfeifen-Mann – „Platz für eigene Gedanken“. Und sie schließt die Augen, wenn sie lieblich singend behauptet, nichts außer „ein bisschen Leichtsinn und Mut“ zu brauchen. Denn „der Rest kommt von alleine“. Einen Moment glaubt man das sogar selbst.

Susanne Greiner

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