Der Sarg wartet schon – Landsberger Bühne inszeniert Dürrenmatts "Besuch der alten Dame"

Grauen ist etwas Abstraktes, schwer Messbares. In Dürrenmatts Tragischer Komödie „Der Besuch der alten Dame“ kommt das Grauen in gelben Schuhen daher, schleicht sich über die Bühne und in den Zuschauerraum, in dessen Ecke ein goldener Sarg wartet. Mit starken Bildern und beeindruckender schauspielerischer Leistung feierte die Winterinszenierung der Landsberger Bühne am Freitag Premiere im Stadttheater.

Am Anfang scheint alles eitel Hoffnung: die heruntergekommene Stadt Güllen und seine verarmten Einwohner erwarten den Besuch der als wohltätig bekannten Milliardärin Claire Zachanassian, die Güllen einst als junges Mädchen verließ. Große Erwartungen setzen die Menschen daher in Alfred Ill als ehemaligen Liebhaber der Dame. Er soll seine „Kläri“ wieder umgarnen, um so möglichst viel Geld für seine Stadt herauszuschlagen. Dafür winkt der Bürgermeisterposten. Geld möchte die Milliardärin tatsächlich spenden; sie macht den Güllenern ein unmoralisches Angebot: eine Milliarde für die Stadt, als Gegenleistung verlangt sie den Tod des ehemaligen Geliebten Ill. Der hatte vor 45 Jahren in einem Vaterschaftsprozess Claire als Hure verleumdet, die daraufhin mit Schimpf und Schande aus der Stadt vertrieben wurde – heute will sie sich Gerechtigkeit kaufen. Die konsternierten Bürger lehnen das Angebot entrüstet ab, doch der Leichtsinn verleitet sie, sich zu verschulden. Langsam wird das graue Bühnen- und Kostümbild aufgehellt: gelbe Schuhe und andere gelbe Accessoires als Zeichen der Korruption und Indikator des Grauens, das in Güllen herrscht und in Alfred Ill eine Panik auslöst. Lange bevor sich die Bürger dessen bewusst sind, ist er sicher, dass sie ihn zum Tode verurteilt haben. Gutes Gespür Claudia Dlugosch und Dietke Lichtenstern haben in ihrer ersten Regiearbeit ein gutes Gespür für die Besetzung bewiesen. Franziska Dietrich als Claire bewältigt die Gratwanderung zwischen liebevoll-neckender Erinnerung und eisiger Gnadenlosigkeit mit einer Nonchalance, die im Publikum für Gänsehaut sorgt. Sepp Wörsching spielt den Alfred Ill: seine Wandlung vom selbstzufriedenen und geachteten Bürger zum verzweifelten Geächteten ist intensiv und packend. Schauriges Highlight ist die Abschiedsszene zwischen Claire und Alfred, in dem er sie nochmals um Gnade bittet und sie ihm von seiner zukünftigen Grabstelle auf Capri vorschwärmt. Überzeugend auch die Nebenrolle: Alfred Krauß als Bürgermeister, der versucht, den Schein einer anständigen Stadt aufrechtzuerhalten; der Pfarrer (Ralph Wilbert), der seine Tröstungen für den panischen Ill mechanisch abspult, um dann mit einer verzweifelten Warnung zusammenzubrechen. Der Lehrer (Harald Dollinger), der sich auf seinen Ruf als Humanist beruft und sein Gewissen mit Alkohol betäubt. Für Komik kurz vor dem dramatischen Finale sorgt Juri Olbrich als Reporter, der das Tribunal filmt und sich in seiner Ahnungslosigkeit um gute Aufnahmen sorgt. Schlichtes Bühnenbild Als „böses Stück“ bezeichnete Friedrich Dürrenmatt seine 1956 entstandene Tragische Komödie, das „aufs humanste wiedergegeben werden muss“. Diesem Anspruch ist die Landsberger Bühne nachgekommen. Die Menschen in ihrer Inszenierung sind nicht böse, nur schwach, selbst Claire und Ill haben das Recht auf Verständnis und Mitleid. Durch den Verzicht auf ein aufwändiges Bühnenbild – Szenen werden nur durch einzelne große „Bauklötze“ und wechselndes Licht markiert – legen die Regisseurinnen den Fokus auf die Menschen, die innere Wandlung der Charaktere. Unaufdringlich, eher nebenbei, durch kleine Requisiten und Randbemerkungen weisen sie auf die ungebrochene Aktualität des Stoffes hin. Güllen ist überall – heute.

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