Satiriker Henning Venske im Landsberger Stadttheater

Söder im Nachthemd

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Henning Venske wird bald 80, aber seiner bissigen Satire tut das keinen Abbruch. Die Kleinkunstbühne s’Maximilianeum lud am Tag der Deutschen Einheit zum traditionellen politischen Kabarett.

Landsberg – Ein Hocker, ein Pult, eine Lichteinstellung. Mehr nicht. Nicht mal ein Mikro. Henning Venske ist ein Urgestein der Satire. Als ehemaliges Mitglied der Münchner Lach- und Schießgesellschaft steht er für Widerstand, Anarchie und Satire in Reinform. Sein Gruß „Willkommen im Ohrfeigenseminar“ im Landsberger Stadttheater lässt zurecht vermuten, dass nicht nur der Staat, sondern auch die Bürger Zielscheibe seiner präzise formulierten Schmähungen werden. Der Satiriker ist direkt. Schaut bei allem und jedem hinter den schönen Schein. Oder wie er das formuliert: „Satire entburkt.“

Traditionell zum Tag der Deutschen Einheit lädt die Kleinkunstbühne s’Maximilianeum zu politischem Kabarett ins Stadttheater. Mit Venske haben sie einen der Radikalsten geholt. Auf Landsberg hat sich der 78-Jährige eingestellt: „Adolf und Uli saßen hier und jetzt ich, am 29. Todestag von Strauß. Das macht Hoffnung auf einen entspannten Abend.“ Entspannt ist der Abend nicht. Venskes Formulierungen bedürfen des permanenten Mitdenkens. Da raucht das Hirn. Der Titel des Programms ist Legende: „Satire – gemein aber nicht unhöflich.“ Statt grellem Lachen erschrecken die Zuhörer fast bei so viel freundlicher Bosheit. Das entlädt sich in Raunen, Kichern, Keckern. Schenkelklopfen? Fehlanzeige.

Unberechenbar

Was darf Satire, fragt Venske sich. Tucholsky habe darauf geantwortet: „Alles!“ Aber „Alles“ und „Dürfen“ schließt sich aus. Da stellt sich die Frage nach der Grenze. Ist es arrogant, wenn Venske sagt: „Ich versuche, die Satire in die Nähe Ihrer Denkmittel zu rücken“? Sicher. Stellt das Venskes Qualität in Abrede? Sicher nicht. Der Satiriker lädt zum Mitdenken ein, regt zum Widerspruch an. „Nur wer denkt, pfeift auf Bioernährung. Wer denkt, ist unberechenbar.“

Es geht gegen den Kapitalismus, Lobbyismus, natürlich gegen Parteien. Die habe schon Jonathan Swift als eine Horde unselbstständiger, opportunistischer Leute bezeichnet, die von einem demagogischen Gehirn geleitet werden. Venske vereint alle Parteien zu einer „neoliberalen Einheitspartei, die die Macht des Volkes auf ein wirtschaftlich unschädliches Maß eindämmt“. Wahlkampf sei nichts anderes als Bandenwerbung („Mir war, als hörte ich die Asche von Adolf Hitler leise kichern.“), ein Gesundheitsminister werde wie WC-Reiniger vermarktet und „Lindner wie ein Zäpfchen gegen Blasenentzündung“.

Der Satiriker nimmt politische Rhetorik auseinander: die Mitte der Gesellschaft als mythischer Ort. Wenn Politiker eine neue Mitte für sich proklamieren, was passiert mit der alten? Hat die neue Mitte Flügel? Wer ist der Punkt in der Mitte der Mitte: „Ist das der Parteivorsitzende?“ Alle Parteien hielten die Mitte für eine Richtung. Merkel stelle sie rechts von links. „Aber sie ist eben auch links von rechts. Mitte ist irre gemütlich, zwischen ­Helene Fischer und Hundescheiße auf dem Bürgersteig. In dieser Mitte verreckt die Demokratie.“

Auch die persönlichen Beleidigungen, das „name dropping“ beherrscht Venske. Söder unterstellt er den Wunsch, im weißen Nachthemd mit spitzer Kapuze durch die Lande vagabundieren zu wollen. Oppermann habe die Ausstrahlung eines „noch nicht missbrauchten Ministranten“, Özdemir sei Großhändler verbalen Leerguts und Merkel die „knuddelige Elfenparodie aus der Uckermark“. Überhaupt die Grünen: nicht mehr wiederzuerkennen – Kretschmann „dürfte im Macbeth nicht mal ein Gebüsch spielen.“ Zur AfD zitiert Venske den Europäer Schiller: „Das vaterländische Interesse ist nur für unreife Nationen wichtig.“ Parteien seien für Demokratie nicht notwendig. Ob Demokratie in einem kapitalistischen System möglich ist? „Ich weiß es nicht, man müsste es probieren.“

Venske enthüllt faule Stellen und bohrt den Finger rein. Eine Abrissbirne der heilen Welt. Ständig, unermüdlich, vielleicht zu verbittert. Auf eine Lösung wartet der Zuschauer vergeblich. Anstrengend ist das. Aber immer wieder notwendig.

Susanne Greiner

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