Schaurig-schöne Parodien

Brechts frühe Einakter haben fast alle ein Motiv: die erotische Lust des Menschen. Sie entlarvt die mühsam angestrebte Sittlichkeit als kleinbürgerliche Scheinmoral und sorgt auch heuer auf der Uttinger Seebühne für jede Menge Theaterspaß. In gewisser Weise sind Brechts kleine Stücke „Er treibt den Teufel aus“, „Die Kleinbürgerhochzeit“ und „Der Fischzug“ eine Farce auf das Alltagsleben, die das Premierenpublikum in der Inszenierung von Florian Münzer begeisterte.

Trotz des grundsätzlich burles­ken Charakters der Stücke zaubern Amelie Koch als „Mäd­chen“ und Ferdinand Ascher als „Bursche“ in „Er treibt den Teufel aus“ eine unglaublich schöne, zarte und wahrhaftige Liebesgeschichte auf die roman­tische Seebühne, gegen die das volkstümliche Gebaren der üb­rigen Protagonisten sich bedrohlich abzeichnet. „Warum darf man das denn nicht, dieses Beisammensein“, fragt sich der Bursche, während er seinem Mädchen zart übers Haar streicht und die nächste Bedrohung in Gestalt von Mutter, Vater, Nachtwächter oder Pfarrer auch schon daherpoltert. „Weil die anderen es vor Neid nicht ertragen können“, wäre wohl Brechts Antwort gewesen. Die zweite Geschichte auf der Seebühne, „Die Kleinbürgerhochzeit“, ist ein Geniestreich des jungen Brecht – ein Mischung aus Valentinade und Slapstick in der buchstäblich alles zu Bruch geht. Eine komödiantische Herausforderung für das Seebühnen-Ensemble, die bravourös bewältigt wurde. Kompliment auch an Bühne und Requisite: Die selbstgezimmerten Stühle des geltungsbedürftigen Bräutigams (Peter von Mende), der gemeinsam mit seiner Braut (Cristine Vincan), einer „unberührte Knospe“, die offenbar schon Monate zuvor „gepflückt“ worden war, ver­geblich auf Anständigkeit und Repräsentation bedacht ist, brechen immer genau im richtigen Moment laut krachend zusammen. Der Brautvater (Gerhard Deininger) trägt zum Gelingen der Feier hartnäckig vergilbte Geschichten vor, und die „Freundin“ der Braut (Julia Rahneberg) verrät genüsslich deren Schwangerschaft, während sich der Freund des Bräutigams (Werner Högl) als Casanova aufspielt. Der Alkoholpegel steigt, das Niveau sinkt und nachdem die nervtötenden Brauteltern und die notgeilen Gäste sich endlich verabschiedet haben, steht das junge Brautpaar buchstäblich vor den Trümmern seiner gemeinsamen Zukunft, die mit lautem Krachen fast im See versinkt. Doch ein letztes Stück zum Thema Ehekatastrophe, genannt „Der Fischzug“, hält die mittels Seilwinde ins Wanken geratene schräge Bühne im See dann wider Erwarten doch noch aus – was den Darstellern allerdings ein beachtliches Maß an kontrollierten Bewegungen und Körperbeherrschung abverlangt. Nicht allein darin machen Dany Mayland, als energische Fischerin und ihre betrun­- kenen Fischerfreunde (Werner Högl und Fritz Hirschvogel), die sich filmreif choreographiert vor dem Fenster des Fischerhauses prügeln, eine hervorragende Figur. Dreimal Brecht auf der Uttinger Seebühne, einmal mehr sehenswert! Weitere Vorstellungen gibt es noch bis 7. August, täglich außer montags, um 20 Uhr. Infos im Internet unter: www.seebuehne-utting.de.

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