"Ich muss – nein, ich kann!"

Konstantin und Hannah Moreth überzeugen mit Schnitzler-Collage

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Konstantin Moreth spielt in seiner Stückcollage „Am Rande der Welt“ Schnitzlers „Leutnant Gustl“. Hannah Moreth verkörpert Schnitzlers „Fräulein Else“.

Landsberg – Zwei Schicksale, eingeschlossen in die Regularien einer Gesellschaft. Beide Protagonisten versuchen, aus ihren Rollen auszubrechen – und scheitern. „Am Rande der Welt“ von Konstantin Moreth ist eine Collage der Arthur-Schnitzler-Novellen „Fräulein Else“ und „Leutnant Gustl“: zwei Protagonisten, die vor einem vermeintlich selbstgewählten Selbstmord stehen. Zwei Innenleben, die nur in wenigen Sätzen Parallelen zeigen – und deshalb umso deutlicher werden.

Da ist Else. Ihr Vater hat sich an der Börse verschuldet. Jetzt soll Else dafür herhalten: Indem sie ihren Körper an die Augen eines Geschäftsmannes verkauft, der dem Vater die nötigen Gulden zuschieben will. Else steckt im Zwiespalt: Sie will dem Vater helfen, seinen Ruf erhalten, ihm die brave Tochter sein. Aber sich selbst verkaufen? Nein. „Ich verschenke mich! Ein Luder, keine Dirne!“, ruft sie.. „Alles hab ich in meiner Hand. Ich muss überhaupt gar nichts!“

Und da ist Leutnant Gustl. Militärischer Jungspund, Frauenheld. Doch dann beleidigt ihn dieser Bäckermeister. Und verhindert, dass sich Gustl mit dem Säbel wehren kann. Welch Demütigung! Denn zum Duell herausfordern kann er den Bäcker nicht – als Nichtadliger und Nicht-Militär ist er nicht satisfaktionsfähig. Bleibt Gustl nur noch der Abgang aus dem Leben. Das, was ein Militär tun muss, um seine Ehre zu retten.

Was Hannah und ihr Vater Konstantin Moreth in ihrem textsicheren Spiel zeigen, überzeugt. Hannah ist eine Else im Aufbruch zur Eigenständigkeit. Übermütig, getrieben, im inneren Zwist gefangen. Der Zuschauer nimmt ihr das Dilemma ab: wenn sie versucht, einen Mittelweg zwischen Eigenem und Gesellschaft zu gehen – und sich dabei selbst belügt. Denn bezahlen muss sie mit ihrem Leben. Hannah spielt intensiv und ausdrucksstark. Nur manchmal wünscht man sich in ihren Bewegungen eine Spur mehr Leichtigkeit, mehr Selbstverständlichkeit.

Konstantin schlüpft bis zum letzten Millimeter in die Rolle des obrigkeitstreuen Herdentiers Gustl. Einer, der das Militär in höchste Höhen hebt: „Die Leute sind zu dumm, unsereins zu verstehen.“ Weshalb er so entsetzt ist, wenn ihn der gesellschaftlich niedrigstehende Bäckermeister „dummer Bub“ nennt. Selbst, wenn’s niemand gehört hat: „Ich weiß es“, und das reicht, um den Heldentod im Selbstmord zu suchen. Ein Fanatismus, den Gustl zu genießen scheint. Redet er sich doch in einen wahren „Selbstmordrausch“. Dass sein Ehr-Gehabe letztlich nur Tand ist, zeigt sich, wenn Gustl dank seiner morgendlichen Lust auf Frühstück – vor dem Tod noch einen Kaffee – erfährt, dass der Bäcker just verstorben ist. Ja, er wurde beleidigt, richtig. Aber es weiß ja niemand! Selbstmord entfällt.

„Leutnant Gustl“ war Schnitzlers Angriff auf den Ehrenkodex des Militärs. Und führte dazu, dass dem österreichischen Autor der Offiziersrang aberkannt wurde.

Beide, Gustl und Else, glauben, selbstbestimmt zu handeln. „Was gehen mich die anderen an?“ und „Ich muss, nein ich will, ich kann!“ sprechen sie unisono. Dennoch fallen sie dem Reigen der Umstände zum Opfer – ein Umstand, den die Gegenüberstellung beider Novellen noch verdeutlicht. Dass schließlich der tumbe Gustl vom Zufall gerettet wird, während Else, durch Gehorsam gedemütigt, nur noch den Tod als Ausweg sieht, zeigt die Tragik in der Beliebigkeit des Lebens.

Susanne Greiner

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