Das Ding muss in den See!

Schondorf: "Der Prolog" des Elle Kollektiv entführt in traumhafte Welten

Erleuchthund Theater
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Die drei letzten Zeugen des Urknalls – Blondierte Stierin, Erleuhthund und Meditier – treffen sich im „Prolog“ des Elle Kollektivs, um ‚Etwas‘ im Ammersee zu versenken.

Schondorf – Ungeheuer ... kommen die, wenn die Vernunft nicht über die Fantasie wacht? Oder wenn Vernunft frei ist – und sich ihre Ungeheuer erträumen darf? Eine Frage, die sich das Schondorfer Elle Kollektiv in der Theatertrilogie „die schlafende Vernunft“ stellt. Wobei den Ungeheuern das Monströse abhanden kommt, sie vielmehr ein ‚Sich-Wundern‘ erzeugen. Das vielleicht sogar zu einem Wunder wird. Nach den beiden ersten Teilen „Der Erleuchthund“ 2017 und „Die Blondierte Stierin“ im letzten Jahr stoppte Corona den dritten Teil „Das Meditier“ im vollen Lauf. Als Überbrückung zeigt das Theater-Kollektiv seit gestern und noch dreimal „Der Prolog: Wie alles dazu kam, dass es geschehen wird.“

Schon die Kulisse ist ein Traum: der weite See, die Nacht, mit etwas Glück wirft der Mond seinen ‚Moonriver‘ auf die Wasseroberfläche. Auf einem Holzpodest am Ufer stehen die Zuschauerstühle, links das Pult für Noel Riedel, der das Theaterspiel mit Live-Musik begleitet. Im Vorfeld tummelt sich das Theatervolk im lampenbehangenen Garten der Villa bei Wein und Worten. Als es losgeht – passiert erst einmal lange nichts. Doch niemand wagt, etwas zu sagen. Das Elle Kollektiv ist bekannt für immersives Theater: nicht mehr Geschichtenerzählen im Guckkasten, sondern Immersion, ein Eintauchen des Zuschauers ins Geschehen. Nichts mehr mit Brecht‘scher Distanz, mittenrein ins Spiel der Larven.

Vielleicht ist dieses Warten ohne Ereignis also auch Teil des Stücks? Zum Eintauchen in den Raum, zum Spüren, zum Lauschen auf eigene Ungeheuer? Nach zehn Minuten dann die Info von Riedel: eine technische Panne. Aber vielleicht gehört auch die dazu.

Vernunft und Rationalität sollte der Zuschauer im „Prolog“ nicht an vorderste Stelle setzen. Wichtig sind Assoziationen, ein Aufnehmen des Gesehenen, ohne es gleich in Schubladen zu stecken. Leichter gesagt als getan, könnte man meinen, ist doch Sehen an sich nur in Schubladen möglich. Dem Elle Kollektiv gelingt es dennoch: Fantastische Bilder besetzen Netzhaut und Hirn, machen den Kopf frei von der Gewohnheit und offen für bisher nicht ‚Gedachtes‘ – wie auch immer das funktionieren mag.

Zeugen des Urknalls

Drei Gestalten im besten Sinne, das Meditier, die Blondierte Stierin und der Erleuchthund, treffen sich: laut Programmheft „die letzten Zeugen des Urknalls“. Der Zweck des Treffens: Das „Etwas“ – ein Ding aus Plastik, groß und grau, mit roten Pusteln und einem Schwanz ... oder Rüssel? – muss in den Ammersee. Warum, ist Nebensache, wichtig ist der Akt an sich. „Das Etwas birgt seine Wahrheit in sich“, informiert das Kollektiv. Eine Wahrheit, die jeder selbst finden darf, Spekulationen herzlich willkommen. Was diese Wahrheit sein mag, will der dritte Teil der Trilogie enthüllen. Ob Kants ‚Ding an sich‘ da rumgeistert? Irgendein Schriftsteller verortete es ja als Grau in einer Ecke liegend. Das letztendlich ‚Enthüllte‘ wird eher nicht ins Korsett der Begrifflichkeiten passen. So viel bringen einem die Texte von Elle Kollektiv nahe.

Energie!

Das, was die Schauspieler Elisabeth-Marie Leistikow, Luis Lüps – beide auch für die Regie verantwortlich – und Louis Panizza ans Ammerseeufer und schließlich auf den See zaubern, ist im beidseitigem Wortsinn fantastisch: fantastisch gut und fantastisch irreal. Allein die Kostüme (Panizza) lassen die Mundwinkel zucken, während im Hirn Verwunderung tobt. Teilweise erinnern sie in ihrer Tolpatschigkeit an die Comedia d‘ell arte, werden aber nie zu Witzfiguren.

Immersiv wird das ganze Umfeld bespielt: Ein Pickup mit dem ‚Etwas‘ auf einer Art Odysseus-Floß fährt von hinter der Bühne ans Ufer, die Drei starten mit dem Floß auf den See und verschwinden hinter einer Leinwand – auf der ein Film über die Reise der Urknallzeugen abgespielt wird. Filmemacher André Döbert stemmt damit fast die Hälfte des Abends. Zu sehen: Die Reise der Drei zum "perfekten Ort", um das 'etwas' zu versenken. Ein Aerobic-Tanz versorgt es mit Energie, bevor das 'Etwas' in die Tiefen des Sees sinkt. Shakespeares unheimliche Schwestern werden zitiert. Allerdings sprechen die All-Wesen nur dröhnendes Kauderwelsch, das in Untertiteln übersetzt wird: „Wann kommen wir drei uns wieder entgegen?“ Letztendlich fällt die Leinwand, der Pickup verschwindet. Und die Menschheit steht am Ufer, mit Blick auf das, was da kommen mag. Eine ergreifende Szene (die an die Schlussszene eines ‚langen‘ Projekts der Münchner Kammerspiele denken lässt).

Die Gedanken hinter dem Gezeigten mögen obskur, teilweise nicht nachvollziehbar sein. Und warum, zum Teufel, spaziert ‚Grau Lieschen‘ „am im Mondlicht glitzernden“ See entlang? Nicht entscheidend. Letztendlich geht es um das, was sich jedem einzelnen im Gesehenen eröffnet. Dafür darf man die Stimmung erfahren, die durch Riedels hervorragende Live-Musik und Tobias Leitners Film-Musik erzeugt wird. Die verfremdete Ästhetik des Ammersees, die schlicht ‚schönen Bilder‘ in vollen Zügen aufnehmen. Das Gesamtbild genießen, was trotz einer kleinen Länge im Film hervorragend gelingt. Das Ergebnis sind Sinneseindrücke, die bleiben. Und Vorfreude auf nächste Jahr und auf das „Meditier“ erzeugen.

Zu sehen noch heute, am Freitag und Samstag, jeweils 21 Uhr. Mehr Infos unter www.ellekollektiv.de/der-prolog.
Susanne Greiner

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