Auf der Suche nach dem Dialog

Eine "Individualzeitung": der Schondorf.Blog von Leopold Ploner

+
Erste Konzeptionsideen für einen Beitrag in seinem Schondorf.Blog fasst Leopold Ploner gerne beim Spazierengehen mit Labradorhündin Fräulein Rosa.

Schondorf – Eigentlich ist ein Blog ein Tagebuch. Denn Blog ist die Kurzform von ‚Weblog‘ und ‚log‘ die von Logbuch, in dem Tagesereignisse und Kurs zu finden sind. Täglich schreibt der Schondorfer Leopold Ploner zwar nicht in seinem Schondorf.Blog. Sein Kurs ist aber gut zu verfolgen: in Form von Artikeln zu Themen der Ammersee-Gemeinde. Seien es Hintergründe zu möglichen Straßen-Namensgebern, differenzierte Überlegungen zu Mücken, fundierte Ansichten zu 5G oder auch persönliche Bekenntnisse über die eigene Kunstsucht: Ploners Horizont ist weit. Reizt ein Thema, folgt ausgiebige Recherche und das Feilen der Worte, bis am Ende der Artikel steht. Eine immer runde Sache.

Gerade erst hat Ploner wieder mal ein heißes Eisen beackert. In „Schall und Wahn“ – übrigens ein Romantitel von William Faulkner – geht es um Silvester-Böllerei, pro und kontra. Neben den Fakten schiebt der in Innsbruck geborene und dort auch studierte Nachrichtentechniker oft Persönliches ein. Dass er jetzt zwar keine Raketen mehr in den Himmel schicke, sich aber bis vor 25 Jahren „das neue Jahr richtig ins Hirn geballert“ habe – damals noch mit den Kindern. Und dass zum Menschen eben auch die Unvernunft gehöre. Wie schon Shakespeare wusste, dass das Leben von einem Narren erzählt wird, „voller Schall und Wahn“.

Nach seinem Studium kam Ploner nach München zu einer Laserfirma. „Und da bin ich in den Bereich Marketing reingerutscht.“ Inzwischen betreibt er gemeinsam mit seiner Frau hauptberuflich eine Verlagsvertretung. Dass er nicht nur in Technik und Marketing, sondern auch in den schönen Künsten zuhause ist, ist auch in dem Haus zu sehen, in dem Ploner mit Frau Adela und Fräulein Rosa – einem schwarzen Labrador – lebt: Keine Wand ist weiß, jede ziert ein Bild, fast alles sind Originale. Bücher liegen und stehen auf Tischen und Regalen. Und der Espresso kommt in farbenfrohen Tässchen. Ästhetik in Großbuchstaben. Fast eine heile Welt.

In seinen Artikeln greift Ploner aber gerne streitbare Themen auf. Siehe Mücken, siehe 5G. Die Reaktionen? „Irgendjemand spricht mich immer an, auf der Straße, im Wirtshaus“, erzählt der 60-Jährige. Und daraus entwickelten sich oft gute Gespräche, die wiederum das eigene Wissen vervollständigten und die eigenen Ansichten abrunden könnten. Das sei eben auch der Hauptgrund für seinen Blog: die Suche nach dem Dialog.

Leopold Ploner beim Bloggen im hausinternen Büro.

Sein allererster Beitrag ging über die konstituierende Gemeinderatssitzung Schondorfs. Das war am 15. Mai. 2014. „Vorher hatte ich schon ein paar Beiträge verfasst, die ich aber nicht veröffentlicht habe“, sagt Ploner. Und zwar zum „emotionalen Thema Güterhalle“, die trotz Denkmalschutz abgerissen wurde, um einem Busparkplatz Platz zu machen, der dann aber nicht gebaut werden durfte. In seinen Entwürfen fabulierte Ploner mögliche Alternativnutzungen der Halle. Zum Beispiel als „Hall of Fame des Schachboxens“. Eine tatsächlich existierende Sportart, deren Ruhmeshalle Schondorf ein „weltweites Alleinstellungsmerkmal“ beschert hätte. Veröffentlicht hat er die rund zehn satirischen Ideen nie. Aber aus ihnen entstand die Idee zum Schondorf.Blog.

Ein Vorbild war Hans-Peter Sander, der „moosblogger“ aus Dießen. „So was sollte es in Schondorf auch geben, dachte ich. Warum macht das keiner? So schwer kann das nicht sein.“ Sprach‘s und setzte es in die Tat um. Ein Aspekt für die Themenauswahl sei immer der lokale Bezug. Erste Überlegungen zu einer Themenidee betreibe er dann gerne morgens, beim Spazierengehen mit Fräulein Rosa, erzählt der Schondorfer. Die Bandbreite ist weit – und macht nur um Sport einen Bogen.

Gedanken strukturieren

Für die Beiträge setzt Ploner pro Woche vier bis fünf Stunden an – manchmal auch weitaus mehr. Aber da er die Themen ja auch ohne Blogbeitrag in seinem Hirn wälze, sei es nicht wirklich viel Mehrarbeit. Neben der Dialogsuche sei es für ihn wichtig, durch die Suche nach der richtigen Formulierung die eigenen Gedanken zu strukturieren: „Gemäß Kleists ‚Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden‘“. Im Schreiben merke er dann auch, was er alles über ein Thema noch nicht wisse.

Das Medium Blog weiß Ploner zu schätzen. seine „Geschichtensammlung“, exakter: seine Individualzeitung. „Es ist für mich eine Art demokratische Publikationsplattform“, umreißt er das Format. „Vielleicht bin ich da ein Internetromantiker.“ Aber es erstaune ihn, dass dieses seit 1990 existierende Format nicht revolutionärer wirke. Denn immerhin könne so jeder seine Gedanken abseits der klassischen Medien publizieren. Und das in weitaus extrovertierterer Art als im Self-Publishing von Büchern, die meistens doch niemand liest.

Bei Twitter störe ihn die „rasende Hektik“, Snapchat, Instagram und Co. liegen ihm nicht. „Das ist sicher eine Generationenfrage.“ Dennoch sei er ein großer Optimist, was die Zukunft des Prints angehe. „Die Internetangebote kannibalisieren sich gegenseitig.“ Seine Blog-Beiträge wolle er dennoch nicht gedruckt haben, da fehle ihm die Möglichkeit zum direkten Dialog. „Vielleicht leiste ich mir zum Ende meines Blogs 2034 eine ledergebundene Sonderausgabe mit Goldschnitt“, schmunzelt Ploner.

Ob er tatsächlich noch 14 Jahre weiterschreiben wird, weiß Ploner noch nicht. Bisher stehe beim Bloggen der Spaß im Vordergrund, beteuert er. Aber irgendwann komme sicher der Tag, wo es zur lästigen Routine werde. „Und dann geht der Schondorf.Blog zuende.“ Der letzte Beitrag ist schon geschrieben und abgespeichert.
Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesen

Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Endlich: Die Lechrain-Zündler sind gefasst!
Endlich: Die Lechrain-Zündler sind gefasst!
Die Stromrebellen aus dem Fuchstal
Die Stromrebellen aus dem Fuchstal
Neues Zuhause gesucht: Helfen Sie diesen liebenswerten Vierbeinern!
Neues Zuhause gesucht: Helfen Sie diesen liebenswerten Vierbeinern!

Kommentare