Ein Zeichen gegen Nationalismus und Antisemitismus

Schulprojekt am Ammersee: das vergessene KZ-Außenlager Utting

+
Viele an Uttings KZ-Vergangenheit interessierte Besucher kamen in den B 1-Kulturraum am Bahnhof. Künstler Harry Sternberg (2. von links) stellte hier die Projektarbeit des aktuellen Abitur-Jahrgangs vom Ammersee-Gymnasium aus.

Utting – Von wegen mangelndes Interesse! Wer gedacht hatte, den Uttingern fehle es an Anteilnahme für ein dunkles Kapitel in der Gemeindegeschichte, wurde jetzt eines Besseren belehrt. Über 400 Interessierte besuchten die Ausstellung „Lager X – Die vergessene Geschichte Uttings“ im „raumB1“ am Bahnhofsplatz, dem früheren Sitz des Fremdenverkehrsbüros. Harry Sternberg, Künstler und Fotograf, hatte seinen Kulturraum für dieses einzigartige Projekt zur Verfügung gestellt.

Initiiert haben die Ausstellung Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrgangs 2019/2020 vom Ammersee-Gymnasium Dießen. Im Rahmen eines geschichtlichen Projekt-Seminars gingen sie auf Spurensuche nach dem von der Allgemeinheit vergessenen KZ-Außenlager Utting, das sich von August 1944 bis Mai 1945 auf dem Gelände des heutigen Wertstoffhofes befand.

Das Lager trug die zunächst irreführende Bezeichnung „Kaufering X“ und war eines von elf Außenlagern des Konzentrationslagers Dachau im Landkreis Landsberg. Denn alle trugen den Namen Kaufering, nummeriert von 1 bis 11. Verantwortlich für den Bau der Lager war die „Organisation Todt“, die mit dem Unternehmen „Ringeltaube“ ein unterirdisches Rüstungsbauvorhaben in der Umgebung von Landsberg und Kaufering plante. Firmen aus der Region, wie die Zweigstelle Utting von Dyckerhoff & Wittmann, dienten als Zulieferer. Die Außenlager hatten zum Ziel, Häftlinge flexibel vor Ort einzusetzen und so einen effektiven Arbeitseinsatz mit möglichst geringen Ausgaben zu gestalten.

Rund 650 Inhaftierte, vornehmlich aus dem östlichen Europa stammend und von anderen KZ-Lagern nach Utting deportiert, mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen Schwerstarbeit leisten. Nachts schliefen sie in Erdhütten, die sie selbst errichten mussten. Die vom zuständigen Dachauer Kommandanten verordneten, meist tödlich endenden „Sparmaßnahmen“ betrafen nicht nur die Unterkünfte, sondern auch die Verpflegung und die medizinische Versorgung.

Zeitzeugen erzählen

Bei ihrer Spurensuche griffen die Ammersee-Gymnasiasten nicht nur auf Geschichtsbücher und das Internet zurück. Sie interviewten auch betagte Uttinger, die das Geschehen damals als Zaungäste miterleben mussten. Und mit dem Holocaust-Überlebenden Abba Naor konnten sie sogar einen ehemaligen Häftling vom Uttinger Lager X kennenlernen und Geschichte von Zeitzeugen lernen.

Aus all den Recherchen und Gesprächen entstanden zahlreiche informative Schautafeln und ein Modell der Uttinger Erdhütten. Die Exponate wurden zunächst nur im Ammersee-Gymnasium gezeigt. Wegen des großen Interesses griff man dann aber gerne beim Angebot von Harry Sternberg zu, die Ausstellung in seinem Kulturraum einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Denn außer dem jüdischen Friedhof mit 30 Opfern im Ortsteil Holzhausen und zwei Mahnmalen zum Gedenken an die durch Zwangsarbeit und Hunger gestorbenen Häftlinge erinnert sonst nichts mehr an das dunkle Kapitel Uttings, das dem idyllischen Ammersee-Ort vom Dritten Reich beschert wurde.

Die künftigen Abiturienten sahen es als ihre Aufgabe und Pflicht, über diese Vergangenheit Uttings zu berichten, damit der Nationalsozialismus und der Holocaust niemals in Vergessenheit geraten. Und sie wollten ein Zeichen setzen gegen den gerade heute wieder aufkeimenden Nationalismus und Antisemitismus. Das ist ihnen mit ihrer Projektarbeit hervorragend gelungen.
Dieter Roettig

Auch interessant

Meistgelesen

Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Endlich: Die Lechrain-Zündler sind gefasst!
Endlich: Die Lechrain-Zündler sind gefasst!
Die Stromrebellen aus dem Fuchstal
Die Stromrebellen aus dem Fuchstal
Bauvoranfrage für Fuchs-und-Has-Gelände in Dettenhofen vorerst abgelehnt
Bauvoranfrage für Fuchs-und-Has-Gelände in Dettenhofen vorerst abgelehnt

Kommentare