Der "Übersommerer" ist zurück

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Horstbau am Ammersee: Clemens Krafft, Reinhard Grießmeyer und Dr. Horst Prahl von der Schutzgemeinschaft Ammersee errichten künstliche Horste, damit der Fischadler eine Familie gründen kann.

Dießen – Die Fischadler kehren zu ihren Brutgebieten zurück. Einen Durchzügler konnten die Vogelschützer von der Schutzgemeinschaft Ammersee bereits am Zellsee bei Weilheim beobachten. Doch was die Ornithologen noch mehr freut, ist ein junges Adlermännchen, das sich südlich des Ammersees aufhält.

Dort wurde der Fischadler bereits mehrfach beim Jagen und Kröpfen seiner Beute beobachtet. „Wir gehen davon aus, dass es sich um den Übersommerer vom letzten Jahr handelt, da der Vogel dieselben Ruhe- und Schlafplätze aufsucht, wie im vergangenen Jahr“, erklärt Reinhard Grießmeyer von der Schutzgemeinschaft. Im vergangenen Jahr blieb der junge Fischadler von Mai bis Anfang September am Ammersee. Um Fischadler zum Bleiben und Brüten zu animieren, wurden deshalb ab Mitte März auf Initiative der Schutzgemeinschaft in Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Adlerexperten Daniel Schmidt (Naturschutzbund Deutschland) und finanziert von der Regierung von Oberbayern, vier Kunsthorste errichtet – zwei auf der Wessobrunner Höhe, einer auf dem Andechser Höhenrücken sowie ein Horst im südlichen Ammersee-Gebiet.

Es war ein eisig kalter Morgen, als sich der Leiter des NABU-Vogelschutzzentrums in Mössingen, Daniel Schmidt, auf der zugigen Wessobrunner Höhe an die Arbeit machte um den ersten Horst aufzubauen. Im Gepäck hatte er einen runden Weidenkorb mit 1,10 Zentimeter Durchmesser, ein dazu passendes Metallgitter, Stahlstreben, Schrauben und seine Baumkletterausrüstung. Rund drei Stunden dauerte es, bis Schmidt aus diesen Utensilien auf der Spitze einer zirka 35 Meter hohen Föhre bei starkem Wind den stabilen Rohbau für einen Adlerhorst zusammengeschraubt hatte.

Anspruchsvolle Adler

Doch die Arbeit begann schon vor dem Aufstieg, auf dem Waldboden. Die Polsterung für den Horst wurde von den Mitgliedern der Schutzgemeinschaft Ammersee zusammengetragen, in Säcke gefüllt und später per Seilwinde auf den Baum transportiert. Fischadler sind anspruchsvoll. Sie entscheiden nach der Balz, die in bis zu 1000 Metern Höhe stattfindet, ob ihnen ein Nistangebot zusagt oder nicht. Und da in unserer Region die Nisttradition der Fischadler nach Jahrzehnten der Verfolgung verloren gegangen ist, muss ihnen nun vorgegaukelt werden, dass auch ihre Artgenossen hier nisten.

Das heißt, die Kunsthorste müssen exakt so wirken, als hätte Familie Adler sie selbst gebaut: Die untere Schicht des Horstes wird aus zirka 20 bis 30 Zentimeter langen Ästen aufgebaut. Darauf kommt eine Schicht aus Rindenstücken und schließlich weicher Graswasen, so dass die Anmutung von natürlichem Waldboden entsteht, der den Jungvögeln zugleich eine perfekte Tarnung bietet. Denn der schlimmste Feind der Fischadler ist der Habicht. Für ihn sind junge Adler eine willkommene Abwechslung auf dem Speisezettel. Außerdem liebt der Fischadler sogenannte „Überständer“, Bäume die höher sind als alle umstehenden. Sie ermöglichen ihm einen 360-Grad-Rundumblick und optimale An- und Abflugmöglichkeiten.

Seit 1990 leitet Schmidt ein Forschungs- und Artenschutzprojekt mit dem Ziel, den Fischadler wieder nach Süddeutschland zu holen. In dieser Zeit hat er rund 800 Baumbesteigungen absolviert um Horste aufzubauen oder Jungvögel zu beringen. Fischadler und auch andere Adlerarten, so der Biologe, waren früher zwischen Ammersee und Lech durchaus heimisch. Allerdings wurde ihnen nachgestellt, sie galten als Nahrungsgegner, waren beliebte Trophäen und Pestizide wie DDT, die sich schließlich in der Nahrungskette der Adler fanden, gaben den Tieren den Rest. Anderen Adlerarten erging es nicht besser: Der letzte Steinadler wurde, wie Reinhardt Grießmeyer, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft, erzählt, bereits 1904 bei Abtsried erlegt.

Sensibler Jäger

Verfolgt werden Adler bei uns heute nicht mehr. Dennoch, so Schmid, sollten die genauen Standorte der Horste nach Möglichkeit nicht bekannt gemacht werden, denn der Fischadler reagiert auf Störungen von bis zu 300 Metern im Umkreis zu seinem Horst ausgesprochen sensibel. Anders verhält es sich, wenn der elegante Vogel auf der Jagd ist, weiß Grießmeyer. „Dann gleitet er auch mal im Tiefflug zwischen Segelbooten hindurch.“

„Wenn ein Brutpaar da ist, kommen die anderen auch“, betont Schmidt und verweist auf seine Erfahrungen aus der Oberpfalz wo bereits sechs Brutpaare seine Nisthilfen angenommen haben. Was das Adlermännchen vom Ammersee nun noch braucht um eine Familie zu gründen, ist natürlich ein Weibchen. Und die Chancen für ein fruchtbares Zusammentreffen stehen nach Ansicht der Vogelschützer gar nicht so schlecht, da der Vogelzug derzeit auf vollen Touren läuft.

Sollte der junge Adler ein Weibchen finden, wird sie es sein, die sich nach der Balz das geeignete Nest im Revier ihres Partners aussucht. Vier „Penthäuser“ in exponierten Baumkronen mit grandiosem Ausblick stehen bereits zur Auswahl.

Ursula Nagl

Familienplanung beim Fischadler

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