Schweigen hilft nur den Tätern

An ein heikles Thema haben sich in der vergangenen Woche die Jusos und die Landsberger SPD gewagt: Im Rahmen einer Po­di­umsdis­kus­sion im Bürgerstift der Arbeiterwohlfahrt sprachen sie mit Experten von Polizei, Jugendamt und Beratungsstellen über „Miss­- brauch in unserer Gesellschaft“. Abseits aller Sensationsgier und Schuldzuweisungen gelang den Genossen an diesem Abend eine angenehm sachliche Diskussion über das Erkennen sexuellen Missbrauchs, den Umgang mit den Opfern und die Möglichkeiten zur Prävention.

Dass sexueller Missbrauch nach wie vor als Tabuthema gilt, musste Juso-Chef Bernd Haugg schon feststellen, als er bei der Suche nach einem Veranstaltungsort gleich mehrere Absagen erhielt. Dabei sei es ausgesprochen wichtig, betonten die Experten, dass die Gesellschaft stärker für dieses Thema sensibilisiert werde. „Missbrauchte Kinder senden Botschaften“, erklärte die Psychologin Cornelia Gstettenbaur und schilderte den Fall einer Schülerin, die bei einem Schultheater nicht unter eine Bettdecke schlüpfen wollte. Da sexueller Missbrauch meist im familiären Umfeld stattfinde, sei es umso wichtiger, dass andere Bezugspersonen wie Erzieherinnen oder Lehrer solche Botschaften mög­- lichst frühzeitig erken­nen. Besteht der Verdacht auf sexuellen Missbrauch, empfehlen die Experten den Weg zum Jugendamt oder zu einer Beratungsstelle wie „kibs“ in München. Dort versuche man, so Günther Hartl vom Landsberger Jugendamt, die Wahrheit hinter vagen Verdachtsschilderungen und Verhaltensauffälligkeiten zu finden. Hürden geben es viele: Kleine Kinder verstünden oft nicht, was passiert sei, ältere blendeten das Geschehene aus oder gäben sich selbst die Schuld. Tragisch werde es, wenn das Umfeld des Kindes den Täter decke und das Miss­brauchsopfer so allein lasse. „Da werden die Kinder dann doppelt Opfer“, so Gstettenbaur. Kein Zurück mehr Die Polizei muss, wenn sie von einem Missbrauchsfall erfährt, auf alle Fälle tätig werden. „Sexueller Missbrauch ist ein Offizialdelikt“, erläuterte Charlotte Hofmann, Beauftragte der Polizei Oberbayern-Nord für Frauen und Kinder. „Das heißt auch, dass eine Anzeige nicht mehr zurückgezogen werden kann. Deshalb sollte man sich gut überlegen, ob das Kind dem Druck eines Ermittlungsverfahrens auch gewachsen ist.“ So sei es leider immer noch üblich, dass Opfer die Vorfälle mehrmals – beim Jugendamt, bei der Polizei und vor Gericht – schildern müssten. Unterstützung gebe es hier vom Weißen Ring, der Missbrauchsopfer zu Behörden und Gerichten begleitet und auch Finanzhilfen, etwa für Therapien, geben kann. Edgar Gingelmaier vom Weißen Ring Landsberg: „Wir helfen schnell und unbürokratisch, und vor allem haben wir viel Zeit für die Opfer.“ Was kann nun aber getan werden, um sexuellen Missbrauch zu verhindern? Charlotte Hofmann von der Polizei empfahl, von allen Beschäftigten in sensiblen Bereichen erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse ein­zufordern. Für Stefan Port von der Beratungsstelle „kibs“ in München sollte dies auch bei ehrenamtlichen Tätigkeiten, vor allem im Sport- und Freizeitbereich, gelten. Mehr in die Schulen? Das Thema müsse aber auch in den Schulen stärker behandelt werden. „Das Erkennen von sexuellem Missbrauch und der Umgang damit gehören bereits in die Lehrerausbildung“, forderte Stefan Port auch mit Blick auf Vorfälle mit Handy-Pornos oder Übergriffen unter Gleichaltrigen. Für Präventions­theater, die das Thema kindgerecht an die Schüler heranbringen konnten, seien zuletzt aber die öffentlichen Mittel gestrichen worden. Psychologin Gstettenbaur riet schließlich zu Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskursen für Mädchen, aber auch für Buben. Das unterstützte auch die stellvertretende Landrätin Ruth Sobotta (SPD): „Es muss dem Kind erlaubt sein, den Onkel nicht zu küssen, wenn es das nicht will.“ Letzten Endes, herrschte Einigkeit unter den Experten, sei die Verhinderung und Aufdeckung von sexuellem Missbrauch eine Aufgabe der gesamten Gesell­- schaft. So rief auch der Landsberger SPD-Vorsitzende Steven Kalus im Schlusswort dazu auf, mehr Aufmerksamkeit und Courage zu zeigen: „Schwei­gen hilft nur den Tätern.“

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