Aus Schwierigem Positives herausgehört

Karl Michael Ranftl war 27 Jahre lang Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Landsberg. Foto: Gattner

27 Jahre lang arbeitete er mit Menschen, die körperlich gesund und doch gelähmt, seelisch blockiert, hilflos und doch der Hilfe oft nicht zugänglich sind. Endete der Arbeitstag, beschäftigten ihn die Gespräche oft noch über Stunden und Tage. Karl Michael Ranftl, über 27 Jahre Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Landsberg, scheinen diese Belastungen jedenfalls nicht aus der Ruhe gebracht zu haben. Im Gegenteil. Er strahlt bei jeder Begegnung eine innere Ruhe aus, im Zuhören, auch in der Rede bis hin zur Wortwahl. Mit knapp 62 Jahren tritt er nun in die passive Phase der Altersteilzeit ein.

1984 fing der Diplom-Sozialpädagoge bei der Caritas in Landsberg an. Obwohl die Psychiatrieenquête der Bundesregierung und der Bayerische Psychiatrieplan in den Großstädten und in den überdimensionierten Psychiatriekrankenhäusern erste Reformen zur Folge hatten, war es damals auf dem Land alles andere als eine Selbstverständlichkeit, sich um psychisch kranke und behinderte Menschen kümmern zu können. „Damals mussten wir die Notwendigkeit und den Bedarf erst nachweisen und Lobbyarbeit betreiben.“ Erst nur Standard Zwei Jahre lang kämpfte Ranftl zusammen mit seinen Vorgesetzten um die Anerkennung und Bewilligung seiner Pionierstelle als Sozialpsychiatrischer Dienst. Nach den damaligen Richtlinien des bayerischen Sozialministeriums war nur ein einziger Sozialpsychiatrischer Dienst mit Sitz in Weilheim für das sogenannte „Standardversorgungsgebiet“ der Landkreise Weilheim, Schongau, Bad Tölz, Landsberg und Garmisch-Partenkirchen vorgesehen. Das reichte bei weitem nicht aus. „Doch es ging nichts, es fehlte an Verständnis.“ Als sich dann aber Dr. Thomas Goppel, damals wie heute Landtagsabgeordneter für den Landkreis Landsberg, Zeit für ein ausführliches Gespräch mit Ranftl nahm und sich danach dem Anliegen widmete, änderte sich die Situation „sehr schnell“, erinnert sich Ranftl dankbar. 1986 erfolgte die Bewilligung und staatliche Anerkennung seiner Dienststelle als Sozialpsychiatrischer Dienst. Heute spricht man offener und ehrlicher über psychische Erkrankungen. Das Problem ist nicht nur medizinisch, sondern auch im öffentlichen Bewusstsein anerkannt. Keineswegs unkritisch blickt Ranftl auf die Anfänge seiner Arbeit zurück. „Damals schauten wir Sozialarbeiter der 1968er Generation auf Mängel und Missstände und sahen deshalb auch beim Klienten vorwiegend das, was er nicht konnte. Wir meinten, es reiche aus, die Defizite zu beheben, damit der Betreffende wieder in sein ‚normales’ Leben zurückkehren könne. Davon sind wir fachlich deutlich abgekommen.“ Ganzheitlicher Ansatz Es kam auch dem Menschen und Caritas-Mitarbeiter Ranftl entgegen, dass man bald anfing auf Fähigkeiten der psychisch kranken Menschen zu schauen und diese zu nutzen, damit sie in ihrer Gesamtheit als Mensch wieder gestärkt wurden. Heute spricht er mit Bewunderung von „der Kreativität, der Duldsamkeit und der Fähigkeit zur Lebens- und Konfliktbewältigung“, die er bei nicht wenigen psychisch kranken Menschen kennen- und schätzen gelernt hat. „Dieser ganzheitliche und ressourcenorientierte Ansatz macht unsere Caritasarbeit doch eigentlich aus: Wenn die Ratsuchenden spüren können, dass es nicht erstrangig um ihre Unzulänglichkeiten geht, sondern dass sie als Mensch mit all ihren Fähigkeiten wahrgenommen werden.“ Dann könnten nämlich Entwicklungen in Gang kommen, die der defizitäre Blick niemals für möglich hielt. Geduld sei allerdings nötig. Nur fordern oder darüber zu klagen, dass so manches Gespräch so wenig Früchte hervorbringe, nütze nichts. „Über die Jahre hinweg kann man nämlich wahrnehmen, wie viel sich über die Jahre auch bei einem Einzelnen positiv entwickelt hat.“ Sein Rat für die Zukunft lautet deshalb heute, „Zutrauen in die gemeinsame Bewältigung von schwierigen Lebenssituationen und mit Optimismus miteinander neue Perspektiven und Lösungen zu erarbeiten“. Seine Ruhe und Geduld, aber auch seine Fähigkeit, aus offensichtlich schwierigen Situationen, etwas Positives herauszuhören und zum Klingen zu bringen, führte den ausgebildeten Musiktherapeuten zu einer ungewöhnlichen Entdeckung. Aus Gestein, gleichsam hingeworfen in der Natur und abgeschliffen durch den Lech, versteht er es mit seinen Händen Bach’sche Musik hervorzulocken und gibt diese Kunst durch Kieselkonzerten und Workshops weiter. Dieses „Hobby“ gibt er nicht auf, auch der Caritas in Landsberg bleibt er als ehrenamtlicher Mitarbeiter erhalten. Zudem behält er die Kassenzulassung für die ambulante Soziotherapie.

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Landrat klärt Mordfall
Landrat klärt Mordfall
80 Schafe verenden bei Stallbrand
80 Schafe verenden bei Stallbrand
Eine Leiche muss her!
Eine Leiche muss her!

Kommentare