KREISBOTEN-Serie "Inklusion, aber wie?"

Sebastian sucht eine Ausbildungsstelle – seit eineinhalb Jahren

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Sebastian sucht seit eineinhalb Jahren nach einer Ausbildungsstelle. Bisher ohne Erfolg.

Schwifting – Auf dem Tisch liegt die Absage auf Sebastian Zellers Versuch, eine Ausbildungsstelle zu bekommen: „Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Ihre Bewer­bung nicht in die engere Auswahl genommen haben.“ Es ist nur eine von vielen. Denn trotz zehn Jahren UN-Behindertenrechtskonvention: Besonders im regulären Ausbildungs- und Arbeitsleben klappt es mit der Inklusion oft nicht. Auch nicht bei dem 20-Jährigen aus Schwifting, der körperlich stark beeinträchtigt ist. Aber Sebastian will nicht aufgeben: „Ich hoffe, dass mir irgendjemand eine Chance gibt.“

Sebastian ist 20 Jahre alt, freundlich, hat einen großen Bekanntenkreis, ist bestens inte­griert. Sebastian hat aber auch Achondroplasie, genetisch bedingter Kleinwuchs, samt einer Kyphose, einer Wirbelsäulenverkrümmung im Lendenwirbelbereich. Körperliche Einschränkungen, die langes Stehen, Sitzen oder Gehen nahezu unmöglich machen.Trotzdem sucht er eine Ausbildungsstelle: „Es wäre schön, wenn mir jemand eine Chance geben könnte.“

Die Suche dauert inzwischen eineinhalb Jahre. Die Berufsschule hat ihn mit Tipps unterstützt, auch die Arbeitsagentur hat beraten. Letztere würde die Ausbildung auch nahezu komplett finanzieren und hat Sebastian auch Ausbildungen in speziellen Einrichtungen empfohlen. Zum Beispiel bei Regens Wagner, als Gärtner, Einzelhandelskaufmann, Koch, Maler – alles Berufe, die Sebastian aber wegen seiner Krankheit nicht ausüben kann.

Aber noch etwas anderes hält Sebastian davon ab, in diesen Einrichtungen arbeiten zu wollen: „Ich fühl‘ mich da extrem unwohl. Es ist ein bedrückendes Gefühl, wenn ich nur mit Menschen mit Behinderung zusammen bin. Es wird einem eben ganz deutlich klargemacht, dass man nicht normal ist.“

Deshalb hat sich Sebastian für ‚normale‘ Ausbildungsplätze beworben: im Büro, am Empfang, zum Beispiel bei den Gemeinden, der Bundeswehr, der Stadt, dem Landkreis. Aber auch als Elektroniker, Verwaltungsfachangestellter, Werkzeugmechaniker. „Ich kann gut feinmotorische Arbeiten machen“, begründet der 20-Jährige diesen Berufswunsch. Als Kind und Jugendlicher habe er immer sämtliche Geräte im Haus auseinandergenommen, um zu schauen, wie sie funktionieren. Und dann wieder ohne Probleme zusammengeschraubt.

„Wir waren lange Zeit am Suchen, was überhaupt geht“, berichtet seine Mutter Daniela. Eine Ausbildung, bei der Sebastian ab und zu seine Wirbelsäule entlasten und dafür eine kurze Pause machen kann. Dann darf die Berufsschule nicht zu weit weg sein – langes Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist für Sebastian schwierig. Zwar bekam er bereits einmal die Chance, eine Ausbildung zum Bürokaufmann bei einer hiesigen Firma anzufangen. Das Ausbildungsverhältnis wurde aber schon in der Probezeit wieder beendet. Sebastian sei für die Arbeit nicht geeignet.

Eine Chance ist vielleicht ein Lehrgangsprogramm für berufliche Ausbildung in Weilheim, die die Gesellschaft für Bildung, Integration und Beruf aus Augsburg anbietet. Dort hat Sebastian demnächst einen Termin. „Wenn das klappt, würde ich das ausprobieren“, sagt der 20-Jährige. Auch wenn es schwierig sein dürfte, jeden Tag von Schwifting nach Weilheim zu kommen. Aber eventuell kann seine Mutter ihn zumindest nach Geltendorf fahren. Oder Sebastian fährt selbst – wenn er bis dahin seinen Führerschein schafft. Bei dem übrigens die Praxis nicht das Problem ist. Nur vor der Theorie hat er Angst.

Sebastian hat, wie jeder andere Mensch auch, seinen Traumjob: Cutter wäre klasse. Oder Programmierer. Dagegen sprechen allerdings seine Schulnoten. Gerade mal so hat er den Mittelschulabschluss geschafft. Konzentration ist sein Problem – eines, das er mit vielen Schülern teilt.

Aber auch Fehlzeiten haben dafür gesorgt, dass er in der Schule nicht wirklich gut war. Wobei er nicht auf einer Förder­schule war, sondern erst auf der Walddorfschule – bei der ein Wiederholen einer Klasse wegen schlechter Noten ja nicht geschieht – und danach auf der Mittelschule in Kaufering.

„In der Schule hatte ich nie Probleme“, erzählt er über den Umgang mit den anderen. Einen Schulbegleiter brauchte er nicht, nur einmal, als er einen Fixateur am Bein hatte. Auch jetzt noch hat er aus der Mittel­schule einen festen Freundeskreis. „Wobei die inzwischen alle arbeiten oder eine Ausbildung angefangen haben.“ Denn auch Schüler mit einem schlechteren Notendurchschnitt finden Ausbildungsplätze, oft im handwerklichen Bereich – für Sebastian ist das allerdings keine Option, weil er unter anderem nicht schwer heben kann. „Er fällt da durchs Raster“, sagt seine Mutter.

Sie nennt Sebastian „eine Frohnatur“. Er sei Psychisch stabil, gut eingebunden, auch in die Familie. Auf die Frage an seinen siebenjährigen Bruder Henry, wie er Sebastians Einschränkung erklärt, sagt der: „Ich erklär‘ meinen Bruder gar nicht. Er ist kleinwüchsig, aber das ist für mich ganz normal.“ Und wie beschreibt sich der 20-Jährige selbst? „Jeder Mensch hat eine Macke. Bei mir sieht man sie eben.“ Aber ansonsten sei er doch wie jeder andere. „Eben nur ein bisschen anders.“

Susanne Greiner

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