Neu auf der Seebühne

Die Mordbuben sind der schönen Adelheid (Dorit Bohrenfeld) auf den Fersen. Foto: Nagl

Das gab’s in der 16-jährigen Geschichte der Seebühne noch nie: Schlechtes Wetter lässt die Premiere ausfallen. Johann Nepomuk Nestroys Komödie „Der gefühl­volle Kerkermeister oder Adelheid, die verfolgte Unschuld“ war auch am Samstag bei weitem nicht ausverkauft. Doch alle die kamen wurden mit einer witzigen, ideenreichen Inszenierung (Florian Münzer) belohnt, die Sonne in die Herzen und ein Lächeln auf die Lippen zauberte.

Nestroy (1801-1861), der Wiener Sänger, Volksschauspieler und Theaterautor beschrieb seine Komödie einst selbst als „gesprochene und gesungene Parodie eines getanzten Dramas, mit Verwandlungen, Gruppierungen, Äußerungen, Mutmaßungen, Einsperrungen, Entführungen, Malträtierungen, Rettungen, Dingsda und allem Erdenklichen, was Sie sich selbst wünschen, in drei Aufzügen.“ Damit ist eigentlich schon alles gesagt, denn genau das ist es, was man auf der Seebühne zu sehen bekommt: Gestalten mit natürlicher Drastik bevölkern die Szene, mittendrin und vorne dran der „gefühlvolle Kerkermeister“ Seelengutino (Kurt Haban). Er spielt mit dem Tyrannen Berengario (Andreas Geißbauer), einem archaischen Bajuwaren im Tiger­- look, ein drolliges, doppeltes Spiel, liest dessen Mannen die Leviten und verhilft der bedrängten „Witib“ Adelheid (Dorit Bohrenfeldt) zur Flucht aus dem Kerker und letztendlich zu einem zweiten Glück mit dem Sternenkönig (Ruben Streicher) Otto dem Kleinen. Flankiert wird Seelengutino von seinem Sohn Dalkopatscho, der – ganz der Vater – die Gefangenen heimlich auch mal mit einem guten Tröpfchen verwöhnt. Eine vielseitige Hosenrolle, die Marlen Poebing, jung und gewandt, mit viel Witz und Charme interpretiert. Ebenfalls ein Profi auf der Seebühne ist die Schauspielerin und Sopranistin Dorit Bohrenfeldt in der Hauptrolle. Und sobald die beiden Darstellerinnen Couplets und Arien anstimmen, macht sich auf der Seebühne Operettenseligkeit breit. Überhaupt spielt die Musik – wie so oft in Nestroys deftigen Parodien – eine Hauptrolle. Ganz wundervoll sind die musikalischen Arrangements, die Bettina Ostermeier, Leiterin der Schauspielmusik am Staatstheater Nürnberg, den vier Musikerinnen Francesca Rappay (Violine), Jeanette Höfer (Klarinette), Birgit Otter (Akkordeon) und Daniela Reuschlein (Kontrabass) mit auf den Weg gegeben hat. Vielfältige Elemente aus Jazz und Klezmer mischen sich aufs Feinste mit den Kompositionen aus der Feder von Nestroys musikalischem Begleiter Adolf Müller. Die Parodie war stets die große Antriebskraft des Dichters. Mit „Der gefühlvolle Kerkermeister oder Adelheid die verfolgte Unschuld“ parodierte Nestroy ein historisch-pantomimisches Ballett von Louis Henry und wirft damit zugleich einen Blick auf die damalige Zeit, in der es, ebenso wie heute, heftig menschelte. Dem Ensemble der Seebühne und allen Theater- und Musikfreunden wünscht man bis zum 11. August noch viele laue Sommernächte am Ammerseeufer. Die Aufführungen beginnen täglich – außer montags – um 20 Uhr. Infos auf: www.seebuehne-utting.de.

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