KREISBOTEN-Serie Naturschutzgebiete im Landkreis Landsberg 

Konkurrenzkampf der Bäume: Seeholz und Seewiese zwischen Riederau und Holzhausen

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Robert Bocksberger (links) und Andreas Brem mit ihren beiden Jagdhunden in einer künstlich geschaffenen Lichtung, in der junge Eichen angepflanzt werden.

Dießen – „Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“. Dieses Sprichwort trifft sicherlich oft zu. Nicht jedoch auf der geführten Wanderung durch das Naturschutzgebiet (NSG) Seeholz. Schnell wird klar, dass die Bäume – und zwar vor allem die Eiche – hier eine ganz besondere Bedeutung haben. Aber auch, dass der Wald noch mehr zu bieten hat als Bäume. Nämlich eine immense Vielfalt an Flora und Fauna. Und noch viel mehr gibt es zu lernen – Tiefsinniges, fast schon Philosophisches. Dass auch Bäume sich nicht immer lieb haben. Dass es wahre Konkurrenzkämpfe unter ihnen gibt. Dass Totholz absolut nicht tot ist. Dass Alter und Zeit relativ sind.

Der Staatswalddistrikt „Seeholz“ wird von den Bayerischen Staatsforsten betreut. Begrüßt werde ich auf meiner Exklusivtour für den KREISBOTEN am Waldeingang, einem Weg im Westteil des Gebietes, nicht nur von Andreas Brem, Revierförster bei den Bayerischen Staatsforsten, und Forstbetriebsleiter Robert Bocksberger, sondern auch von deren beiden Jagdhunden Janko und Arthus, die uns, wie leider auch unzählige Mücken, auf unserer Tour begleiten.

Das Naturschutzgebiet Seeholz und Seewiese zwischen Riederau und Holzhausen gilt als eines der wertvollsten Waldnaturschutzgebiete Bayerns. Die bereits 1954 unter Schutz gestellten Wälder wurden 1985 durch die nachträgliche Einbeziehung der Streuwiesen im Süden und Röhrichte mit Flachwasserbereichen im Osten aufgewertet. Es ist zudem ein sogenanntes FFH-Gebiet: Das sind spezielle europäische Schutzgebiete in Natur- und Landschaftsschutz, ausgewiesen nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, die dem Schutz von Pflanzen, Tieren und Lebensraumtypen dienen. Das Gebiet unterteilt sich in drei größere Lebensräume: den Laub- und ­Mischwald, einen Schilfgürtel und eine Feuchtwiese, die Seewiese. Seine Besonderheit verdankt es zum einen der großen Artenvielfalt, zum anderen seiner Lage – direkt am See, daher spricht man auch vom sogenannten Seeuferwald – und schließlich dem hohen Eichenanteil.

Denn in dem ungefähr 1,5 Kilometer langen und 0,7 Kilometer breiten Waldstück sind unzählige alte Eichen zu finden. Bis zu 350 Jahre haben sie zum Teil schon auf dem Buckel. Sie entstammen vermutlich einem ehemaligen ‚Hutewald‘. Solche Wälder dienten früher dem Vieh als Weide. Besonders Eicheln und Bucheckern waren als Nahrung geschätzt. Im Mittelalter wurde das Seeholz als sogenannter Mittelwald genutzt. Das noch wachsende Holz wurde als Brennmaterial verwendet. Mittlerweile hat der Brennstoff Holz jedoch seine Bedeutung verloren. „In den 80er Jahren wurde die letzte Eiche für die Forstwirtschaft aus dem Seeholz geschnitten“, erzählt Andreas Brem, der dieses Naturschutzgebiet betreut.

Mindestens zehn Baumarten leben neben der Eiche im Seeholz: Buche, Hainbuche, Erle, Linde, Birke, Spitzahorn, Bergahorn, Ulme, Traubenkirsche und eine Elsbeere, ein seltener Edellaubbaum. Tatsächlich hätten sich viele Baumarten hier durchsetzten können, so Brem. Normalerweise neige die Natur eher zu Monostrukturen.

Die Eiche im Seeholz sei immer menschlich geprägt, erklärt er. Normalerweise könne sie sich nämlich nicht gegen andere Baumarten wie Buche, Ahorn oder Esche durchsetzen. Daher müssten solche Wälder gezielt unterstützt und gepflegt werden, wenn sie gegen den Druck zunehmend aufkommender Konkurrenz durch andere Bäume überleben wollten. Die Buche etwa sei sehr konkurrenzfähig. Dort, wo andere Bäume Probleme habe, kann sich die Buche halten.

Verjüngung der Eichen

Das NSG Seeholz ist Teil des Internationalen Naturschutznetzwerkes Natura 2000. Im Jahr 2011 hat es die Note „Gut“ bekommen, was seinen Erhaltungszustand angeht. Unabhängige Gutachter der Naturschutzbehörden beurteilen von Zeit zu Zeit den Zustand eines solchen „Natura 2000-Gebietes“ und entscheiden in einem Managementplan, was die dringendsten Maßnahmen sind. Am 10. Februar dieses Jahres wurde, als naturschutzfachliche Maßnahme, erneut eine Starthilfe für junge Eichen ins Leben gerufen: Eine weitere von insgesamt drei künstlichen Lichtungen ist erschaffen worden – eine Art Lichtinsel für junge Eichen. „Wir suchen einen Platz, an dem wir möglichst keine biotopischen Strukturen zerstören müssten“, erklärt Andreas Brem. Man müsse sich das so vorstellen: Eine Eiche hat gefruchtet, die Eicheln fallen herunter. Daraus wachsen kleine Pflänzchen. Nach einem Jahr braucht die junge Eiche dann Licht. Eschen und Buchen werden daher mit Maschinen an den Rand gezogen. „Einer unserer Forstwirte saß auch schon mal auf Knien da und hat den jungen Ahorn ausgerissen“, erzählt Robert Bocksberger. Denn es soll Eichen aller Altersstufen geben. Man müsse ab und zu etwas tun, damit junge Eichen nachkommen können. Hier sieht der Managementplan großen Handlungsbedarf.

Je weiter es gen Norden geht, desto imposanter, größer und mächtiger werden die Eichen. Um die 30 Meter sind sie hier hoch. Auch für alte und mittelalte Eichen sind solche künstlich geschaffenen Lichtungen vorteilhaft. „Sie bekommen wieder mehr Licht und können weiter wachsen“, sagt Robert Bocksberger. Wenn man die Motorsäge höre, müsse man daher wissen: Man wolle nur helfen. Die Eichen hätten langfristig keine Chance. In 100 bis 200 Jahren würden sie verschwinden.

Nachhaltige Maßnahmen

Der Überlebenskampf der Bäume sei eine ganz natürliche Dynamik. „Auch in der Natur haben sich nicht alle lieb“, sagt der Forstbetriebsleiter. Andere Bäume, die sie bedrängen, würden gefällt – aber auch Eichen­äste selbst abgeschlagen. Hier gehe es um Nachhaltigkeit, um Maßnahmen zur Erhaltung eines ausreichenden Eichenanteils.

Problematisch für die Eiche sei jedoch auch der Wildverbiss. Daher habe man die Jagd intensiviert. Mit einem zu hohen Wildbestand bringe man die Eiche nicht hoch, meint Bocksberger. Rehwild sei am problematischsten. Aber es gebe zudem viel Schwarzwild. Die Wildschweine würden sich jedoch auch gerne im Schilfbereich aufhalten und immer weiter in Richtung Riederaus Gärten vorpreschen.

Totholz mit sogenanntem Mulm: Lebensraum für zahlreiche Bewohner

Das Seeholz hat aber noch viel mehr zu bieten als Bäume. Viele Tiere und zahlreiche seltene, niedrige Pflanzen sind hier beheimatet. Über 500 Insektenarten leben mit der Eiche. Und mehr als 85 Vogelarten sind hier nachgewiesen. Nicht zu vergessen: die Totholzbewohner. Das sei überhaupt das Besondere an diesem Wald: der große ­Totholzanteil. Umgestürzte Bäume dürfen liegenbleiben und verrotten. Abgestorbene Äste, morsche Stämme, Höhlen und Spalten bieten vielen Tieren Nahrung und Platz zum Wohnen. Zum Beispiel Fledermäusen, Faltern, Amphibien oder Schnecken. Das zersetzte Holz nennt man Mulm. Darin lebt ein ganz besonderer ­Totholzbewohner – der Eremit, ein sehr seltener, relativ großer Käfer, für den eine lange Biotoptradition wichtig ist. Der vor dem Aussterben bedrohte Eremit sei ein Beweis für die Qualität eines Biotops, erklärt Andreas Brem.

Für den Vogelbeobachter sind die sechs Spechtarten interessant, die in diesem „Urwald“ leben: Schwarzspecht, Grünspecht, Grauspecht, Buntspecht und die seltenen Arten Mittelspecht und Kleinspecht. Das Vorkommen des Mittelspechtes ist eine echte Rarität. Er hält sich gerne in Eichenwäldern auf und sucht seine Nahrung in Baumkronen mit grobrindigen Ästen und Stämmen. Der Kleinspecht mit seinem weichen Schnabel mag Bäume mit weicher Borke wie Eiche, Esche oder Erle.

„Die Bäume machen hier das Besondere aus“, meint Brem. Ansonsten sei die Vegetation nicht extraordinär. Dennoch sieht man viele Blumen wie den Storchschnabel, den violetten Stendelwurz, den Aaronstab mit seiner roten Beere, den Nelkenwurz mit der lila Blüte, den Waldmeister oder die Frühlings-Knotenblume Märzenbecher, die ein bisschen aussieht wie das Schneeglöckchen. Im Frühjahr zeichnet sie ganze Flächen strahlend weiß.

„Wir überlassen den Wald seiner natürlichen Dynamik“, sagt Robert Bocksberger. Der müsse man sich stets bewusst sein. Das Ökosystem sei viel dynamischer als man es einschätze. Die Vorstellung, dass alles so bleibe, wie es ist, sei falsch. Ein intakter Wald lebe auch von der Symbiose: Jeder nutzt den anderen. Alles sei dabei wichtig, auch der Waldboden mit seinen Pilzen. Durch die sich bildende Humusschicht könnten die Bäume bei Trockenheit mindestens eine Woche länger leben. Den Blick aufs Ganze zu haben, sei daher von großer Bedeutung.

„Das, was ich hier am meisten tue, ist nichts“, sagt Brem. Das klingt zunächst komisch. Aber er kann es erklären: Es gehe um eine Art aktives Zuschauen. Um reinen Naturschutz, nicht um die wirtschaftliche Holznutzung. „Das bereichert meinen Beruf ungemein“, meint er. Eingreifen müsse man schon manchmal, etwa im Rahmen der Verkehrssicherung. „Wenn kranke Bäume auf die Bahnstrecke fallen, sind wir dafür verantwortlich, sie zu beseitigen.“

Fünfhundert Meter ginge es eigentlich noch weiter in Richtung Norden. Aber wir drehen um, denn hier wird das Gebiet schwer zugänglich. Es führt zum Schilfgürtel und zu den Seewiesen. Diese sumpfige Zone ist vor allem durch Stillgewässer mit Armleuchteralgen geprägt. Im Frühjahr blühen hier seltene Orchideenarten.

Naturschutz wahren

Das Seeholz gilt als das südlichste Eichenvorkommen in Bayern. Weiter in Richtung Alpen wird es der Eiche zu kalt. Das sei interessant, auch im Hinblick auf den Klimawandel, meint Bocksberger. „Hat die Eiche eine Zukunft, wenn wir in 100 Jahren eine Erwärmung von zwei bis vier Grad haben?“ Für das Ökosystem Wald sei eine solche Erwärmung sehr viel. „Oder bekommen wir eher eine italienische Vegetation?“ Diese Fragen stellt er in den Raum – oder besser in den Wald. Durch diesen führt übrigens der Ammersee-Amper-Radweg, östlich des Bahngleises. Zudem gibt es einen Rundwanderweg. Für Wanderer und Radler gilt stets das Gebot: Wege dürfen nicht verlassen werden. Jeder solle zudem den Grundsatz einhalten: ‚Leave no trace‘, sagt Andreas Brem. Alles, was mitgebracht werde, müsse auch wieder mit nach Hause genommen werden. Die meisten Waldbesucher seien vernünftig und würden sich daran halten. Auf der Ostseite herrsche aber sogar Betretungsverbot – das werde auch streng überwacht. Besonders dramatisch sei der Schilfgürtel. Denn wenn dort die Leute mit ihren Booten hineinfahren, gehe das Schilf ganz schnell kaputt.

Man müsse sich immer im Klaren sein: Es sei ein Naturschutzgebiet und kein Erholungswald. Am Ende des Tages sei es der Naturschutz, der gewahrt werden müsse. 

Andrea Schmelzle

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