Segelkunstflug überm Geratshof:

Wenn der Lech plötzlich oben ist

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Wenn der Lech plötzlich (rechts) oben ist: Als „unbeschreiblich schön“ beschrieb Vinicius seinen ersten, fast zehnminütigen Rückenflug.
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Teamarbeit im Cockpit: Flugschüler Vinicius Zinkernagel (vorne) und Fluglehrer Janik Eggler (hinten).
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Wenn der Lech plötzlich (rechts) oben ist: Als „unbeschreiblich schön“ beschrieb Vinicius seinen ersten, fast zehnminütigen Rückenflug.
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Nach Erreichen der Mindesthöhe geht es erstmal in den Sturzflug über dem Geratshof. Rechts zu sehen: der Truppenübungsplatz Landsberg und der Lech.
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Trockentraining im Hangar: Bevor es in die Luft geht, muss Vinicius Zinkernagel unter Anleitung von Janik Eggler (rechts) lernen, sich kopfüber zu orientieren und zu reagieren.

Geratshof – So manch ein Besucher mag sich vor Kurzem am Segelflugplatz Geratshof beim Blick in den Hangar über das Bild, das sich ihm bot, gewundert haben. Dort hing kopfüber an einem Deckenkran in einem Fallschirmgeschirr über einem Stapel Matratzen ein Mensch und führte, auf Grund der ungewöhnlichen Lage leicht angestrengt, Kommandos eines daneben stehenden Anwesenden aus. Nach dem Absolvieren eines Theorieteils war dies für den 16-jährigen Vinicius Zinkernagel aus Prittriching der Start in den praktischen Teil seiner Segelkunstflugausbildung.

Nach fünf Minuten war die Trockenübung vorbei und sichtlich froh stand Vinicius wieder mit beiden Füßen auf dem Hangarboden. „Jetzt bist Du schon etwas an die ungewohnte Körperlage, die beim ersten Ausbildungsstart auf Dich zukommt, gewöhnt und hast die grundlegenden Steuerbewegungen dafür mental trainiert“, erläutert Segelkunstfluglehrer Janik Eggler seinem jugendlichen Schützling.

Erst Ende vergangenen Jahres hatte Vinicius Zinkernagel seinen Segelflugschein am Geratshof gemacht und möchte nach Erfüllung der erforderlichen Zusatzvoraussetzungen nun seine Qualifikation mit der Segelkunstflugberechtigung erweitern.

Für viele mag die Vorstellung, mit einem Flugzeug, das nicht einmal einen Motor hat, Kunstflug zu machen, ungewöhnlich sein. Er ist jedoch sogar eine feste Wettbewerbsdisziplin im Segelflugsport, bei der sich Piloten in nationalen und inter­na­tionalen Wettbewerben regelmäßig vergleichen. Ähnlich, wie beim Eiskunstlauf, geht es dabei darum, eine bestimmte Kür möglichst fehlerfrei und harmonisch vorzuführen, während ein Punktrichterteam das Ganze vom Boden aus bewertet.

„Segelkunstflug hat eine ganz besondere Magie, da er, anders als Motorkunstflug, vollkommen lautlos stattfindet und die Figuren, auf Grund der großen Spannweite der Segelflugzeuge, sehr majestätisch und harmonisch wirken“, erzählt Eggler und ergänzt: „Sicherheit ist oberstes Gebot auch beim Segelkunstflug – wer es nur macht, um andere mit riskanten, halsbrecherischen Figuren zu beeindrucken, ist dabei fehl am Platz.“ Schon oft hatte Vinicius Zinkernagel fasziniert Piloten bei ihren Küren beobachtet, selbst war er dabei aber noch nie mit im Cockpit gesessen – was sich an diesem Tag ändern sollte.

In den Sitz gepresst

Bevor es losgehen konnte, galt es zunächst die besonderen Startvorbereitungen für den anstehenden Kunstflug zu er­le­digen. Dazu gehört die Aktivierung des speziellen Kunstflug-Luftraumes östlich des Geratshofes sowie das Einholen der Genehmigung des Fluges durch die Deutsche Flugsicherung. Darüber hinaus der eingehende Check, dass im Cockpit alles gut befestigt ist und der G-Messer, ein Instrument, das die auf Flugzeug und Besatzung wirkenden Kräfte im Kunstflug dokumentiert, aktiviert ist.

Nachdem Vinicius im vorderen und Janik Eggler im hinteren Cockpit Platz genommen haben, ziehen Helfer die Sicherheitsgurte der beiden so fest an, dass sie sichtlich in die Sitze gepresst werden. „Das fühlt sich jetzt noch unangenehm an“, kommentiert Eggler, „spätestens wenn wir oben loslegen, wirst Du merken, dass es genau richtig ist, möglichst eng mit dem Flugzeug verbunden zu sein“.

Erst der Sturzflug

Dann geht‘s los, die Schlepp­winde katapultiert die ASK 21, das Trainingsflugzeug für den Kunstflug, zunächst auf eine Höhe von 400 Metern über dem Geratshof, von dort schrauben sich die beiden in einem Aufwind auf 1.500 Meter über Grund hinauf – Ausgangshöhe für den Kunstflug. Dort angekommen, sieht man das Flugzeug im Sturzflug auf knapp 200 Kilometer pro Stunde beschleunigen, wieder in die Horizontale gehen und dann mit einer halben Rolle in den Rückenflug drehen – schon von außen ein ungewohnter Anblick.

Noch viel ungewohnter ist es für Vinicius im Cockpit: Plötzlich ist der Lech oben und der Himmel unten, das Blut drückt in den Kopf und Kurven steuern funktioniert jetzt genau entgegengesetzt wie im Normalflug. Dazu noch die Erkenntnis, dass man nur von den Gurten gehalten und durch eine dünne Plexi­glashaube vom Außen getrennt 1.500 Meter über dem Boden mit dem Kopf nach unten hängt.

„Ziel dieses ersten Fluges ist, dass sich Vinicius mit dem Rückenflug vertraut macht und lernt, sich sicher zu orientieren“, erläutert Eggler vor dem Flug und ergänzt: „Das klingt banal, ist es aber auf Grund der ungewohnten Perspektive und der wirkenden Kräfte nicht – das Gehirn muss dabei lernen, komplett umzudenken.“

Oben im Rückenflug stellt Egg­ler nach kurzer Zeit Vinicius die Frage, wo denn nun der Flugplatz sei und tatsächlich muss der erst ein paar Mal den Kopf drehen, um ihn aus der ungewöhnlichen Fluglage zu entdecken.

Fast zehn Minuten vergehen so kopfüberhängend für die beiden mit verschiedenen Manövern wie Kurven, Sink- und Steigflügen, die der Kunstflugaspirant am Ende schon selbst steuert. Im Anschluss lernt Vinicius noch eine der bekanntesten Flugfiguren, den Looping, kennen. Nach dem dritten in Folge gibt er dann im Cockpit das Signal, dass es fürs Erste reicht. „Das war für mich sehr wichtig zu sehen, dass er verantwortungsvoll seine Grenzen bekanntgibt“, bestätigt Eggler, „beim Kunstflug geht es immer um Sicherheit und nicht darum, den starken Mann heraushängen zu lassen.“

Mit glänzenden Augen steigt Vinicius nach der Landung aus dem Cockpit:„Das war unbeschreiblich schön – die Aussicht im Rückenflug auf die Erde ist unglaublich“. Und etwas geplättet fügt er hinzu: „Die Kräfte, mit denen man konfrontiert wird, haben mich echt beeindruckt, es war definitiv gut, die Gurte so fest anzuziehen – und vorher schon mal kopfüber im Hangar gehangen zu haben, hat es mir im Rückenflug oben auf jeden Fall leichter gemacht.“

Mittlerweile hat Vinicius Zin­ker­nagel weitere Ausbildungsflüge absolviert und mit Leo Krebs (19) aus Landsberg wird in Kürze ein weiterer Jungaspirant mit der Segelkunstflugausbildung starten.

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