Sein sorgsam gehegter Schatz

Heutzutage wundern sich viele Menschen über den Sinn und Zweck der Prachtentfaltung in der katholischen Kirche. Anlässlich der jüngsten Sonderausstellung „Der Paramen- tenschatz von Heilig-Kreuz in Landsberg“ klärte die Kunsthistorikerin Dr. Heide Weißhaar- Kiem ein sehr interessiertes Publikum in der Sakristei der Heilig-Kreuz-Kirche auf.

Bedenkt man, dass es in der Vergangenheit ein Privileg war, des Lesens und Schreibens mächtig zu sein, so kann man vielleicht ermessen, welche Rolle die Kirche mit ihrer Bildersprache im Leben der Menschen spielte. Die Ausschmückung von Kirchen diente keineswegs kunsthistorischem Selbstzweck. Alles Dargestellte hatte Bedeutung, erklärte den Menschen Welt und Glauben. Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Kirchen unserer Städte und Dörfer zu dem, was wir heute ein Gesamtkunstwerk nennen. Diese Gebäude spiegeln bis in unsere Zeit die Auffassung von der Welt in den jeweiligen Epochen. Je nachdem, wie die Gesellschaft durch die Jahrhunderte voranschritt und sich durch Kriege, Revolutionen und Seuchen wandelte, strebte die Kirche danach diese Entwicklungen entweder zu beeinflussen, mit zu gestalten oder auch rückgängig zu machen. Wie Dr. Weißhaar-Kiem in ihrem Vortrag umfassend ausführte, steht die Heilig-Kreuz-Kirche beispielhaft für diese Wandlungen. Zur Einleitung gab sie einen kurzen Überblick über die Historie der prächtigen Barockkirche. Als Bollwerk gegen die Reformation gründeten 1575 die erst 35 Jahre vorher als Orden anerkannten Jesuiten ein Noviziatshaus in Landsberg. Dadurch erfüllte sich der Wille des bayerischen Herzogs Albrecht V, die Gelüste der Stadt Landsberg nach Reichs- und damit Religionsfreiheit zu unterbinden. Noch vor dem 30-jährigen Krieg begann der Bau des imposanten Gotteshauses. In der Ausstattung der Kirche lässt sich die unermüdliche Förderung der jesuitischen Gründung durch die vom Herzog mit dem Pflegamt der Stadt betrauten Grafen Helfenstein ablesen. Neben kostbaren Altarbildern stifteten sie auch textile Ausstattungsgegenstände. „Textilien waren immer ganz wichtig“, führt Dr. Weißhaar-Kiem in den Kern der Ausstellung ein. Ob es sich um die Gestaltung der Altäre mit so genannten Antependien oder die glanzvolle Bekleidung der Geistlichen handelte, alles diente der Würde der Liturgie. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts sollte sich das ändern. Mit der Säkularisation 1806 erlosch das Interesse an den aufwendig gestalteten Messgewändern. Mit viel Glück Mit der Auflösung der Klöster ging eine umfangreiche und historisch einzigartige Umsiedelung von Klosterschätzen in staatlichen oder privaten Besitz einher. Ein großer Teil der Bücher der Münchener Staatsbibliothek stammt aus Klosterbibliotheken. Die Paramente hatten weniger Glück. Sie wurden in die „Zeche nach München zum Ausbrennen“, gebracht, so Dr. Weißhaar-Kiem. Edelmetalle auf diese Weise zu gewinnen, schien lohnenswert. Glücklicherweise blieb dieses Schicksal dem Paramentenschatz von Heilig-Kreuz erspart. Die Referentin vermutet, die mehr als 500 liturgischen Textilien, darunter neun vollständige Ornate, „überlebten“ Dank des Desinteresses der Malteser, den Nachfolgern der Jesuiten im späten 18. Jahrhundert. Drei Ornate zeigte die Ausstellung in der Sakristei. Zu einem Ornat gehört die Bekleidung des Bischofs, der Priester, der Diakone, sowie die Verkleidung der Altäre und aller liturgisch notwendigen Gerätschaften – in Farbe und Gestaltung gleich gehalten. Sie unterliegen dem von Papst Pius V, 1570 festgelegten, heute noch gültigen Farbenkanon. Kaum zu glauben, dass die Farben der Gewebe, Schwarz, Rot, Rosa, Violett aber auch Grün, einzig mit Hilfe der Purpurschnecke gefärbt werden konnten. In der Sakristei sind auf unterschiedlichen, den Objekten angepassten Bügeln und den zur Verfügung stehenden Flächen verschie- dene Gewänder und Tücher ausgebreitet. Ausführlich erklärt Dr. Weißhaar-Kiem die lateinischen Fachbegriffe für die Textilien. Farbenpracht und Vielfalt der Stickereien geben vielgestaltig das beeindruckende handwerkliche Können der barocken Meister wieder. Die Herstellung eines jeden einzelnen Gewandes, Zubehörteiles und Antepen- diums erforderte unendliche Mühe, Geduld und außerdem große Liebe zum Detail. Aus der berühmten Seidenweberstadt Lyon, im damals noch fernen Frankreich stammen die meisten der kostbaren, mit großflächigen Blumenmustern verzierten Stoffe. Seide, Gold und Silber sind die vorherrschenden Materialien, die Edelmetalle in reinster Form verarbeitet. Nicht nur deshalb bedürfen diese Kleinodien einer ausgefeilten Pflege „Der ,Lehnersche Ornat‘ hat bereits den Dreißigjährigen Krieg gesehen“ verdeutlicht die Kunst- historikerin das würdige Alter der Ausstellungsstücke. Eine der reich mit Silber bestickten Kaseln, der Messgewänder, hat durch eine fachmännische Restaurierung wieder ihre ursprüngliche Pracht zu- rück gewonnen. Bei einer Nähaktion des katholischen Frauenbundes erhielten vor 25 Jahren sämtliche Messgewänder, Kaseln, Pluviale und Dalmatiken genannt, Schutzhüllen aus feiner Baumwolle. Diese sehr einfache Methode verhindere das Aneinanderscheuern der in Schränken hängenden Preziosen. Die Gewänder und Antependien, die das zahlreiche und ehrfürchtige Publikum bestaunte, sind nur ein Bruchteil des vorhandenen Bestandes. Vieles sei in einem so gefährdeten Zustand, dass es den Strapazen einer, wenn auch nur kurzen Ausstellung nicht ohne Schaden standhielte. Die Präsentation von historischen Geweben ist ohnehin eine heikle Sache. Neben Feuchtigkeit, Licht, Staub und Schadinsekten bedrohen leider auch der Besucher zu einem wesentlichen Teil die fragilen Textilfasern, sucht er doch gerne neben dem optischen auch das haptische Erlebnis. Ein Lob der Anerkennung muss daher an die Verantwortlichen der Heilig-Kreuz-Kirche ausgesprochen werden, die den Zugang zum Bestand in einem beschützten Rahmen einer breiteren Öffentlichkeit ermöglichten. Leider blieb nach der kompetenten Führung zu wenig Zeit, durch nähere Betrachtung der Gewänder das Gehörte mit dem Gesehenen in Einklang zu bringen.

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Lisa will Bierkönigin sein
Lisa will Bierkönigin sein
Eine Leiche muss her!
Eine Leiche muss her!
Ein Weißbier mit Obama
Ein Weißbier mit Obama

Kommentare