100 Jahre "Stehaufmännchen"

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Nicht jammern, sondern aktiv bleiben und zufrieden sein – so wird man 100 Jahre alt, weiß die noch im österreichischen Kaiserreich geborene Brunhilde Helenbrant aus Kaufering.

Kaufering – Einen „Roman und mehrere Fortsetzungsbände“ könnte Brunhilde Helenbrant schreiben. Denn die ab dem morgigen Donnerstag 100-jährige Dame aus Kaufering hat nicht nur viel erlebt, sondern erinnert sich dank eines hervorragenden Gedächtnisses auch an „Alles“ aus ihrem Leben, in dem es brenzlige Situationen und Rückschläge gab, aber auch viel Glück und Zufriedenheit. Denn mit Optimismus und einem geistig und körperlich aktiven Lebensstil, könne man eben auch ihr hohes Alter erreichen.

Folgender Satz bringt es mit seiner ganzen Tragweite am besten auf den Punkt: „Ich wurde am 24. März 1916 unter Kaiser Franz-Joseph von Österreich geboren.“ Das ist eine lange Zeit, in der viel passiert ist in der Welt und im Leben von Brunhilde Helenbrant. Im böhmischen Leitmeritz wuchs das „kleine und dürre“ Mädchen auf. In ihrer musikalischen Familie mit drei Geschwistern, erzählt sie, habe immer irgendwer ein Instrument gespielt und gesungen. Ihre Mutter habe sie stets mit ins Theater und zu Konzerten genommen und die Leidenschaft hält bis heute an. Auch wenn das Klavierspielen mittlerweile nicht mehr klappt.

Als 18-jährige Hauswirtschaftsschülerin habe sie ihren Mann kennen gelernt, den ihr Vater quasi aufgelesen habe, da ein Mitspieler beim Herrenkartenabend zuhause gefehlt habe. Dort musizierte sie im Nebenzimmer, als ihr späterer Gatte sich eine umherliegende Violine schnappte und einstimmte. Mit der Hochzeit musste das Paar aber bis 1937 warten, denn vor ihrem 22. Lebensjahr durfte sie sich von Gesetzes wegen nicht mit dem Offizier vermählen lassen. In ihrem Heimatort habe stets ein friedliches Zusammenleben geherrscht, keinerlei Hass zwischen den Volksgruppen sei zu spüren gewesen, erinnert sich Helenbrant. Das sei erst mit Hitlers Propaganda losgegangen.

Gleich zu Beginn des Kriegs sei ihr Mann eingezogen worden. Zunächst als Polizist in Polen, dann als Dolmetscher in Brünn und als Frontsoldat. Im Jahr 1942 kam ihr Sohn zur Welt, 1945 die Tochter. Zu einem Zeitpunkt, wo schon vier Monate lang unklar war, wo ihr Mann in den Kriegswirren abgeblieben war. Aufgrund der Schwächung nach der Entbindung sei ihr der Todesmarsch bei der Vertreibung erspart geblieben, ist Brunhilde Helenbrant überzeugt. Sie hätte sich mit ihren Kindern in Viehwaggons und zu Fuß aufgemacht, schlussendlich landeten die drei in einem Flüchtlingslager bei Pasing, wo ihr aus der Gefangenschaft zurückgekehrter Vater sie fand. Ihr Mann war nach US-Gefangenschaft zuerst in die alte Heimat zurückgekehrt, um seine Frau und Kinder zu suchen.

Nach dem Wiedersehen und kurzer Zeit in Aichach landete die neu vereinte Familie in Landsberg, wo ihr Gatte zuerst als Landpolizist, dann als Lebensmittelüberwacher seine Arbeit aufnahm. Eine sehr aktive Zeit sei das gewesen, erinnert sich die Jubilarin. Mit vielen Radlausflügen und Rundreisen auf dem Moped und im Auto, das sich die Familie 1956 als eine der ersten in Landsberg anschaffte. Überhaupt seien Radeln, Schwimmen und Reisen geliebte Hobbies gewesen, an denen Brunhilde Helenbrant auch nach dem Tod ihres Mannes, der 1982 neben ihr „einfach nicht mehr aufwachte“, festhielt.

Das sei schlimm gewesen, doch getreu dem Lied von Udo Jürgens habe sie ihr Leben „mit 66 Jahren eben nochmal anfangen lassen“. Der Herrgott habe ihr einen neuen Lebenspartner geschenkt, einen „Gentleman der alten Schule“, der dieselben Vorlieben teilte und 15 Jahre lang bis zu seinem Tod an ihrer Seite stand. 1992 sei sie in die Nähe des Kauferingers gezogen, dieselbe Wohnung bezogen die Beiden nicht. „Die allerbeste Idee“ sei das gewesen, denn so hätten die Beiden ihre Macken beibehalten können. Zum Geburtstag erwartet Frau Helenbrant ihre Familie und Freunde. Sie habe stets einen großen Bekanntenkreis gehabt, denn als „Tante Hilde“ habe sie immer auf Kinder aufgepasst, Näharbeiten erledigt und geholfen, wo es gegangen sei. Doch ihr Freundeskreis dünne nun leider aus.

Wert legt Brunhilde Helenbrant neben dem wöchentlichen Friseurtermin und dem allmorgentlichen Studium der Radionachrichten auch darauf, zum sonntäglichen Familienessen bei ihrer Tochter zu Fuß zu gehen. Fast blind sei das nicht immer einfach, doch sie wisse sich zu orientieren und wolle fit bleiben. Zuletzt gab es einen Schreckmoment, als sie sich bei einem Sturz verletzte, doch glücklicherweise sei nichts gebrochen. Im Laufe ihres Lebens habe sie auch mehrfach den Krebs „gepackt“; sie sei eben ein Stehaufmännchen. Ihr Alter schreibt Brunhilde Helenbrant neben dem Streben, aktiv zu bleiben und dem Verzicht auf Rauchen und Trinken, ihrem Optimismus zu. Sie interessiere sich für alles, jammere nie und sei stets rundum zufrieden.

Rasso Schorer

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