Jeder Tag eine neue Herausforderung 

Seit sechs Jahren in Landsberg: Familie Nek aus Afghanistan

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Vier von sieben: Vater Qader, die beiden Schwestern Vida und Lida und Mutter Marcia (von links) im kleinen Garten ihres neuen Wohnhauses.

Landsberg – Fünf Jahre ist es her, dass Angela Merkel ihren berühmten Satz „Wir schaffen das“ aussprach und innerhalb weniger Monate hunderttausende Migranten nach Deutschland kamen. Für viele sind die Stadt Landsberg und der Landkreis in den vergangenen Jahren zu ihrem Zuhause geworden. Aber auch zu ihrer neuen Heimat? Dass es nicht so leicht war, hier Fuß zu fassen, von Ängsten, Anfeindungen, aber auch von Lichtblicken, Erfolgen und großer Hilfsbereitschaft, berichtet die Familie Nek, die schon vor sechs Jahren aus Kabul fliehen musste und in Landsberg ankam.

„Unser Leben war bedroht,“ erzählt die 30-jährige Vida, das älteste der fünf Kinder der Familie. Ihre Heimatstadt, wie auch andere Landesteile Afghanistans, wird beherrscht vom Terror der Taliban und von Korruption. Beinahe täglich gibt es, damals wie heute, Anschläge mit Toten und Verletzten. „Nirgends hat man sich sicher gefühlt“, sagt Vida. „Egal ob in der Schule, in der Moschee oder im Krankenhaus.“ Daher habe es für die Familie nur eine Option gegeben: die Flucht. Und die war traumatisch: von Afghanistan über den Iran, die Türkei und Italien nach Deutschland. In vollgestopften Lastwägen, endlos langen nächtlichen Fußmärschen, ohne Schlaf, ständig mit dem Gefühl im Nacken, erwischt zu werden.

„Es war schlimm“, berichtet Vidas Schwester, die mittlerweile 19-jährige Lida. „Ständig wurden wir angetrieben, mussten sehr schnell laufen, in einer Nacht sogar über fünf Berge, konnten aber fast gar nichts sehen. Die haben uns gesagt, wenn einer verlorengeht, dürfen wir nicht schreien oder sprechen, sondern müssten entweder umkehren oder weitergehen.“ Deswegen hätten sich alle sieben während der Fußmärsche immer an den Händen gehalten. Verloren gehen sollte niemand.

Mit dem Schiff kamen sie nach Italien. Das war klein, eigentlich nur für vier bis fünf Personen geeignet. Aber tatsächlich seien 35 Menschen damit befördert worden. Eine Woche lang Todesängste, gesundheitliche Probleme und nicht wissen, ob man überhaupt ankomme. Aber sie kamen an. Alle sieben. „In Genua schien die Sonne und wir wussten: Die schlimmste Gefahr ist vorbei“, erzählt Lida. Eigentlich habe man zum Onkel nach Köln gewollt. Aber ihnen wurde München zugewiesen. Und von dort aus ging es weiter nach Landsberg, für die nächsten acht Monate in eine Unterkunft an der Münchener Straße.

Hier war es anfangs nicht leicht für die Familie. „Wir konnten die Sprache nicht. Alles war unbekannt. Wir waren traurig“, sagt Lida. Den ganzen Tag über im Container – und eigentlich nichts zu tun. Die Familie fühlte sich verloren. Doch es gab auch erste Lichtblicke. „Eine Gruppe von Frauen hat uns geholfen“, berichtet Vida, „mit uns genäht, gestrickt und gelesen, damit wir ein erstes Sprachgefühl bekommen.“ Im Gegenzug hätten sie den Frauen gezeigt, wie man afghanisch kocht und ihnen von ihrer Religion erzählt. Das sei ein gegenseitiges Geben und Nehmen gewesen. Ein Austausch der Kulturen.

Aber leider gab es auch die andere Seite. Vorurteile und Anfeindungen. „Eine Ärztin, die wir wegen der Herzprobleme unseres Vaters aufgesucht haben, hat uns angewiesen, ihre Praxis zu verlassen, wenn wir nicht Deutsch sprechen,“ sagt Vida. Das sei schlimm gewesen und auch ein Grund für sie, möglichst schnell die deutsche Sprache zu lernen.

Die Sprache lernen

Über die Asylbehörde wurden die Geschwister in Deutschkurse vermittelt. Und auch schulisch ging es voran. Lida besuchte zunächst ein Jahr lang die Übergangsklasse der Mittelschule Landsberg. Dank einer engagierten Lehrerin gab es hier die Möglichkeit, an verschiedenen interkulturellen Projekten teilzunehmen, so die Sprache besser zu sprechen und Leute kennenzulernen. Langsam wurde die Situation einfacher. 2017 hat Lida nach ihrem Schulabschluss eine Ausbildung bei einem Landsberger Optikergeschäft begonnen. Auch das war anfangs nicht leicht: „Ich dachte, das schaffe ich nie, und wollte schon aufhören,“ sagt sie. Aber eine ‚Oma‘ habe sie immer wieder bestärkt, weiterzumachen. Die ging aus dem Landsberger Mentorenprojekt „Alt hilft Jung“ der AWO hervor. Ehrenamtlich tätige Bürger stehen Jugendlichen, die Lernschwierigkeiten haben, mit ihrer Lebenserfahrung und ihrem Fachwissen unterstützend zur Seite. Die ältere Dame „sei ein Geschenk Gottes“ gewesen, sagt Lida. Ihr Einsatz und ihr stets offenes Ohr seien so wertvoll gewesen. „Sie ist wie eine echte Oma für uns.“

Gerade hat Lida ihre Prüfung als Augenoptikerin erfolgreich abgeschlossen. Darauf ist sie stolz. Bis Ende des Jahres arbeitet sie noch bei dem Landsberger Optiker, was ihr großen Spaß macht. Ihre Schwester Vida hat ­nach einem Integrationskurs an der Berufsschule eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin absolviert. Damals in Afghanistan hat sie als Friseurin und Schneiderin gearbeitet – und wollte nun bewusst etwas anderes lernen. Sie ist zufrieden.

Auch die anderen Geschwister haben Fuß gefasst. Der 18-jährige Jamshid ist derzeit im zweiten Lehrjahr seiner Ausbildung als Metallbauarbeiter. Die 21-jährige Jalda hat geheiratet und vor zwei Jahren einen Bub bekommen. Der 25-jährige Jawad hat in einem Restaurant als Kellner und Koch gearbeitet. Gerade hat er wegen Corona seinen Job verloren, ist aber zuversichtlich, dass er bald eine neue Stelle findet. Eventuell auch als Schweißer. Das war sein Beruf in Afgha­nistan.

Großer Zusammenhalt

Aber für die Eltern, für die sei es schwieriger, sagt Vida. Sie seien nicht wirklich glücklich hier. Der 63-jährige Vater könne aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten. Die 52-jährige Mutter traue sich nicht so recht, sich eine Arbeit zu suchen. Für ältere Menschen sei es nicht mehr so leicht, die Sprache zu erlernen. Es würde wohl jeden traurig machen, all das, was man vorher gemacht habe, nun nicht mehr tun zu können, meint Vida. Für jede Tätigkeit Hilfe zu brauchen, egal, ob Arztbesuch oder Einkauf. Aber die Familie hält zusammen.

„Ohne Mama hätten wir unsere Ausbildung nicht geschafft,“ sagt Lida. „Sie hat uns immer den Rücken freigehalten und sich um Einkauf und Haushalt gekümmert, damit wir lernen und arbeiten konnten.“ Dieses Füreinander-Dasein habe ihnen schon über die schwersten Situationen hinweggeholfen.

Mittlerweile sind die Neks anerkannte Flüchtlinge, wohnen in einem Haus mit kleinem Garten in einem Landsberger Wohngebiet. Gerade erst sind sie aus einer kleineren Wohnung hierher gezogen. Unterstützt wird die Familie vom Staat, bezieht Hartz IV. Aber Lida und Vida, die noch Zuhause leben, bringen ihren Verdienst mit in den gemeinsamen Haushalt ein. Eine Selbstverständlichkeit für sie. Die Schwestern fühlen sich wohl hier, aber es gebe immer wieder Dinge des täglichen Lebens, die man ganz neu lernen müsse,“ sagt Vida. Jeder Tag sei eine neue Herausforderung.

Anfeindungen gebe es leider nach wie vor. Sogar bis hin zu körperlichen Angriffen. „Erst vor zwei Monaten hat mich eine ältere Frau im Münchener Hauptbahnhof vor allen Leuten beschimpft und dann geschlagen, nur weil ich mich mit meiner Freundin in unserer Sprache unterhalten habe,“ erzählt Lida. „Das macht mich traurig.“

Die schlimmen Fluchterlebnisse werden Teil ihres Lebens bleiben. „Immer wieder denke ich daran und träume davon,“ sagt Lida. Auch den beschwerlichen Beginn hier in Deutschland werde die Familie nicht vergessen. Ebenso nicht, wie es in ihrer Heimat, in Afghanistan, war. Damit meinen sie nicht nur die Gefahr, in der sie lebten, sondern auch die Schönheit des Landes, Freunde und Verwandte, die sie verlassen mussten.

Kleine Glücksmomente

Dennoch: Zurück möchten sie nicht mehr. Jedenfalls nicht, solange das Land vom Krieg beherrscht sei. Landsberg sei zwar noch nicht zu ihrer neuen Heimat geworden. Das werde wohl noch viele Jahre dauern. Aber es gebe immer wieder kleine Momente, in denen sie sich heimisch fühlen und die sie glücklich machen: Die abgeschossene Ausbildung, die Hilfsbereitschaft vieler Menschen, die sie erfahren haben, ihr neues Zuhause, ein Plätzchen am Lech, eine Portion Kässpatz‘n, eine Brezn, oder ein Zwetschendatschi. Aber am glücklichsten mache sie das Gefühl der Sicherheit hier.

Für die Zukunft wünschen sich die Schwestern mehr Toleranz und Verständnis und weniger Vorurteile. Ein besseres Mit- und Nebeneinander unter den Menschen, unabhängig von Hautfarbe oder Religion. Aber sie wünschen sich auch, dass sie nicht mehr so viel kämpfen müssen, dass alles etwas leichter wird. „Wir kämpfen nun seit sechs Jahren“, sagt Lida. Es wäre auch schön, einfach leben zu können. 

Die aktuelle Situation im Landkreis Landsberg 

Als „Flüchtlinge“ oder „Geflüchtete“ werden die Personen verstanden, die im Landkreis über ein humanitäres Aufenthaltsrecht verfügen oder sich im Status des laufenden Asylverfahrens befinden, beziehungsweise deren Abschiebung derzeit ausgesetzt ist (Duldung).

Derzeit leben laut Landrats­amt Landsberg 1.590 Flüchtlinge im Landkreis. Zum Vergleich: Der Landkreis hat etwa 120.000 Einwohner. 1.056 Asylsuchende wurden bereits anerkannt. Bei 440 Asylbewerbern läuft das Verfahren noch. 208 Asylbewerber sind ausreisepflichtig, beziehungsweise haben einen Duldungsstatus. Die im Landkreis anerkannten Flüchtlinge kommen vorrangig aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Nigeria und Somalia. Eingebürgert ist nach Angaben des Landratsamtes jedoch bisher noch niemand.

Für Personen, die über einen humanitären Aufenthaltstitel verfügen, ist in der Regel die Erwerbstätigkeit uneingeschränkt erlaubt. Für Personen, die sich im laufenden Asylverfahren oder in Duldung befinden, kann eine Erwerbstätigkeit unter Beachtung der jeweiligen gesetzlichen Bestimmungen genehmigt werden.

Seit 2013 baut das Landrats­amt seine dezentralen Unterkünfte aus. 2016 unterhielt es 120 Unterkünfte, aktuell stehen 52 Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung. Nach wie vor kommen neue Asylbewerber. Laut Landratsamt waren es heuer bereits 191. Es kämen jedoch vermehrt Familien mit Kindern, nicht mehr so viele alleinstehende Männer, so Wolfgang Müller, Pressesprecher des Landratsamtes Landsberg.

Es fehle derzeit jedoch an Unterkünften. Wer entsprechend geeignete Objekte wie Wohnungen oder auch größere Gebäude, etwa ehemalige Gasthöfe, vermieten möchte, könne sich gerne an das Landratsamt in Landsberg wenden, Telefon: 08191/129-1395.

Andrea Schmelzle 

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