Wie zwei Königskinder

Selbsthilfegruppe SEPRO und Evangelische Kirchengemeinde Landsberg in terminlichem Zwist

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Keine SEPRO-Treffen mehr im evangelischen Gemeindehaus. Die Selbsthilfegruppe um Jürgen Karres hat sich inzwischen aufgelöst.

Landsberg – Kirchen bieten Schutz. Für Flüchtlinge, denen die Abschiebung droht, für Regimekritiker oder auch für Menschen, die in psychischen Krisen stecken. Die Selbsthilfegruppe SEPRO in Landsberg bietet Menschen mit seelischen Problemen die Möglichkeit, sich auszutauschen und Halt zu finden. Seit 2008 hat sie ihren ‚Schutzraum‘ im Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde Landsberg. Coronabedingt mussten die Treffen aussetzen, Ende Juni wollte man wieder starten. Aber SEPRO und die Evangelische Kirchengemeinde Landsberg konnten einander nicht finden.

Während der strengen Kontaktbeschränkungen lief die Beratung via E-Mail, Skype und Telefon: „eine Art Notbetrieb“, beschreibt es SEPRO-Leiter Jürgen Karres. Auf Dauer sei eine Gruppe mit psychisch belasteten Menschen aber nur über persönliche Treffen sinnvoll. Weshalb man Ende Juni auf eine Wiederaufnahme der Treffen im Gemeindehaus gehofft hatte. Ein Hygienekonzept wurde aufgestellt und dem Gesundheitsamt vorgelegt. Karres zitiert die Antwort des Gesundheitsamtsmitarbeiters Thorsten Jungmann: „Das Hygienekonzept ist von Seiten des Gesundheitsamtes Landsberg in Ordnung.“

Das sah die Kirche anders: Bei der Kirchenvorstandssitzung am 16. Juni habe man der Anfrage der SEPRO nach möglichen Treffen „explizit höchste Wichtigkeit“ beigemessen, informiert Pfarrer Siegfried Martin. Allerdings habe es kein gruppenspezifisches Hygienekonzept der SEPRO gegeben, das beschlussreif gewesen wäre. Genau das verlangt die Evangelisch Lutherische Kirche in Bayern, weiterhin ein Hygienekonzept seitens der Kirchengemeinde für jeden einzelnen Raum, das bis zu dieser Sitzung noch nicht erarbeitet worden sei, so Martin. Deshalb habe man SEPRO eine Absage erteilt, aber in Aussicht gestellt, dass Treffen kleiner Gruppen nach dem 7. Juli – der nächsten Kirchenvorstandssitzung –wohl möglich seien.

Welches Konzept hakt?

Jürgen Karres zitiert die Absage der Kirche gegenüber der SEPRO aber anders: Eine Nutzung des Raumes sei „vor allem“ wegen des fehlenden Hygienekonzeptes der Kirche nicht möglich. Zudem habe die Kirche Treffen erst „nach den Sommerferien“ eingeräumt.

Das Kirchen-Hygiene-Konzept habe man wegen Personalmangels nicht früher erstellen können, sagt Martin. In der Sitzung am 16. Juni wurde erst ein Hygiene­schutzteam gegründet, das das Konzept bis 7. Juli ausarbeiten sollte. In der Absage an SEPRO am 17. Juni habe man deshalb auch auf die Möglichkeit von Treffen ab Mitte Juli hingewiesen. Inzwischen liegt dieses kirchliche Hygienekonzept vor. Der Kirchenvorstand hätte es am 7. Juli auch beschlossen, wäre nicht Pfarrerin Jutta Krimm krank gewesen. Man bedauere die Absage an SEPRO, da es zu den „zentralsten Aufgaben einer Kirchengemeinde zählt, Menschen in psychischen Krisen und Notsituationen zu begleiten.“

Abgesagt wurde der Gruppe laut Martin aber ja auch wegen des fehlenden „beschlussreifen“ gruppenspezifischen Hygienekonzeptes. Dem KREISBOTEN liegt Karres‘ Hygienekonzept aber vor. Was war daran trotz O.K. des Gesundheitsamtes nicht beschlussreif?

Es sei sinnvoll, erst ein Rahmenhygieneschutzkonzept für das gesamte Gemeindehaus zu erstellen, das sich „dann in den gruppenspezifischen Hygiene­schutzkonzepten umsetzt“, erläutert Martin. Karres habe dem Kirchenvorstand am 12. Juni sein Konzept als „vorläufigen Entwurf“ zugeschickt, bei dem es aber noch „kleinere Veränderungen“ geben solle. Die Tagesordnung zur Vorstandssitzung am 16. Juni sei aber bereits am 8. Juni – wie gefordert fristgerecht – an alle Vorstandsmitglieder samt Unterlagen versandt worden. Weshalb man das SEPRO-­Konzept in der Sitzung gar nicht verhandeln habe können.

Das schließlich von Karres am 17. Juni an das Hygieneteam des Vorstandes geschickte Konzept gehe nicht auf die von kirchlicher Seite geforderte „Datenerhebung der Teilnehmer“ ein. In Karres‘ dem KREISBOTEN zugesandten Konzept, von ihm auf 15. Juni datiert, steht allerdings gleich an erster Stelle: Eine Teilnahme an der Gruppe ist nur nach vorheriger Anmeldung möglich.“ Diese müsse bis zum Vortag per E-Mail, SMS oder telefonisch erfolgen.

Er habe jetzt wochenlang um die Wiedereröffnung der Gruppe gekämpft, sagt Karres. Selbst eine Intervention des Selbsthilfe­zentrums München, die eine Sondergenehmigung für die SEPRO anvisierte, sei „verpufft“. Am 29. Juni informierte er deshalb die Kirchengemeinde über die Selbstauf­lösung der Gruppe: „Nach mehr als drei Monaten im Corona-Modus geht uns die Luft aus.“ Die Idee der Gruppe bleibe aber bestehen. „Vielleicht ist ja in Nach-Corona-Zeiten eine Wiederauferstehung in ähnlicher Form möglich“.

Dem scheint von Seiten Pfarrer Siegfried Martins nicht viel entgegenzustehen: Es sei zwar bedauerlich, dass sich die Gruppe „so kurz vor dem gemeinsamen Ziel, ab Mitte Juli erste Gruppenaktivitäten wieder zu starten“, aufgelöst habe. Auch, dass die Mitteilung zur Auflösung seitens Karres ohne Begründung erfolgte und man nicht das Gespräch mit ihm gesucht habe. „Aber von unserer Seite ist das Gemeindehaus für die SEPRO-Gruppe offen.“
Susanne Greiner

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