Angst vor dem Alter

Konkrete Zahlen zum Pflegenotstand im Landkreis

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Pflegenotstand herrscht auch im Landkreis.

Landkreis – ‚Pflegenotstand‘ kennt jeder. Was es für einen selbst bedeutet, wird aber gerne verdrängt: ist ja noch so weit weg – denkt man. Nennt man konkrete Zahlen, speziell auf den Landkreis gerechnet, wird die Bedeutung des Pflegenotstands überaus habhaft. Das hat Pajam Rais-Parsi, Koordinator des Seniorenpolitischen Gesamtkonzepts des Landkreises, im Senioren- und Sozialpolitischen Ausschuss vergangene Woche getan. Das Resümee: Es brennt.

Seit 2014 arbeitet der Landkreis an der Umsetzung der gesetzlich vorgeschriebenen Pflegebedarfsplanung. Dabei berufe man sich auf „Annahmen von heute“, betont Parsi. „Die Aussagen sind nicht hundertprozentig sicher.“ Allerdings gibt es zwei sichere Trends: Wir werden mehr. Und wir werden älter.

Die Prognosen für 2030 gehen laut Parsi von einer Zunahme des Altenquotienten – das Verhältnis von Menschen im erwerbsfähigen Alter zu denen im nichterwerbsfähigen Alter – von rund 32 Prozent auf knappe 48 Prozent aus. Das liege vor allem an der alternden Babyboomer-Generation. Mit dieser Zahl steige auch die Anzahl der Pflegebedürftigen. Im Landkreis von heute gut 3.000 Menschen auf 4.140 im Jahr 2030.

Gut die Hälfte der heute Pflegebedürftigen werde von Angehörigen versorgt, betont Parsi. Knapp 30 Prozent sind in ambulanter Pflege, der Rest, knapp 700 Menschen, ist stationär untergebracht. Daraus könne man für 2030 den Bedarf an ambulant Pflegebedürftigen errechnen: gut 3.000 Menschen im Landkreis. Die Zahl für die vollstationär Pflegebedürftigen liegt laut Parsi bei 1.095, „ein Bedarf, den wir nicht decken können.“

Dass man dieses Problem durch die Verstärkung der ambulanten Pflege lösen könne, sieht Parsi nicht. Denn da die Kassenleistungen dafür steigen würden, steige auch die Inanspruchnahme – und die ambulanten Pflegekräfte seien bereits an ihrer Grenze. Für 2030 errechnet Parsi 420 fehlende Vollzeitstellen für die ambulante Pflege.

Kreisrätin Helga Gall war angesichts der Probleme wie Altersarmut und Pflegenotstand „schockiert“. Und fragte, was sofort getan werden könne?

Parsi sieht einerseits Möglichkeiten in gesellschaftliche Lösungen wie beispielsweise Wohngemeinschaften von Rentnern oder auch von Jung und Alt, in denen die Jüngeren zugleich eine Garantie für ihre spätere Pflege erhielten.

Andererseits habe der Landkreis eine „Hinwirkungspflicht“, die Pflegeplätze zu schaffen, so Parsi. Zudem habe Ministerpräsident Markus Söder eine gesetzliche Pflegeplatzgarantie in den Ring geworfen. Allerdings müsse man sich bewusst sein, dass im Pflegebereich inzwischen die Arbeitnehmer entschieden, wo sie arbeiten wollten. Somit sehe er vor allem die Arbeitgeber in der Pflicht. Ebenfalls müsse in der Öffentlichkeit mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, Pflegekräfte seien schlecht bezahlt.„Ein Arbeitnehmer mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung in der Lohnsteuerklasse eins verdient zwischen 2.000 und 2.300 Euro netto“, so Parsi. Pfleger mit weniger Lohn „sind beim falschen Arbeitgeber“.

Allerdings nehme auch die Anzahl der Angehörigen ab, die ihre Verwandten pflegen könnten, berichtet Parsi. Beispielsweise wegen zu großer räumlicher Distanz. Zudem gebe es einen Mangel an Kurzzeitpflegekräften: Wenn Angehörige in den Urlaub möchten oder selbst erkranken, sei es nahezu unmöglich, ohne große Vorplanung einen Kurzzeitpflegeplatz zu bekommen.

Der Landkreis habe bereits gehandelt, berichtete Verwaltungsdirektor Andreas Graf: mit dem Modell „Fix plus X“ des Freistaats: Werden feste Kurzzeitpflegeplätze in stationären Einrichtungen angeboten, kann der Träger eine Pauschale von 100 Euro je nicht belegtem Tag mit maximal 10.000 Euro pro Jahr beantragen. Allerdings sei der Landkreis der Einzige gewesen, der dieses Programm in Anspruch genommen habe. So ein Platz verursache weitaus mehr Kosten als 100 Euro. Allerdings überlege der Landkreis, „auf diese 100 Euro draufzusatteln“.

Kreisvorsitzender des VdK Walter Eichner bat Landrat Thomas Eichinger (CSU), sich für schnelle Maßnahmen zu engagieren. „Wo bauen wir ein Pflegeheim? Wo kann das Personal wohnen?“ Denn Caritas und AWO hätten ja bereits agiert. „Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft.“

Er sehe die gesellschaftliche Verantwortung des Landkreises, antwortete Eichinger. Allerdings müsse man sich auch fragen, wer der Aufgabenträger sei – immerhin habe die Stadt ihr Heim verkauft. Vor allem aber müsse der Fachkräftemangel angegangen werden. So wie jetzt bereits in Krankenhäusern könne die Situation bald auch in Seniorenheimen aussehen: dass Zimmer leer blieben, weil kein Pflegepersonal da sei. Weshalb man einen Ausbau der Pflegefachschule am Klinikum andenke und auf die dort geplanten Wohnungen setze. Denn ab 2020 werde die Pflegeausbildung generalisiert. Ob die dort ausgebildeten Arbeitenden in die Altenpflege oder ins Krankenhaus gingen, sei ihnen freigestellt. Ob allerdings dadurchauch der bedarf der Seniorenheime im Landkreis abgedeckt werden könne, sei äußerst fraglich. Er wünsche sich ein Gesamtkonzept, mit den Gemeinden, der Stadt Landsberg und auch den Trägern der Wohlfahrtsverbände.

Pflegestützpunkt

Seit Herbst läuft unter anderem auch zur Optimierung des Themas Pflege die Bemühung um einen Pflegestützpunkt – eine zentrale Anlaufstelle für Kassen, Pflegebedürftige und Pflegeanbieter. „Die Initiative ist aber noch nicht ausgegoren“, berichtet Graf. Es bedürfe Rahmenverträge, hierfür sei man „in Gesprächen“. Eine Frage sei beispielsweise, bei wem die Beschäftigten angestellt werden: beim Träger, also in diesem Fall dem Landkreis, oder in einem Kooperationsmodell bei den jeweiligen Mitgliedern wie den Kassen. Ebenfalls müsse man neben der „Stationierung“ des Stützpunktes auch dessen konkrete Aufgaben noch klären. „Es ist alles noch im Fluss.“

Susanne Greiner

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