Böhmen am Meer

+
Der Chor aus den vier Ensemblemitgliedern der Shakespeare Company Berlin als personifizierte Zeit: Katharina Kwaschik und Thilo Herrmann (sitzend), Johanna-Julia Spitzer und Nico Selbach (stehend).

Landsberg – Jubelrufe, Standing Ovations, der Applaus wollte nicht enden. „Was für ein Fest, für Sie zu spielen!“, sagte Katharina Kwaschik von der Shakespeare Company Berlin sichtlich berührt. Das Publikum war von Shakespeares „Wintermärchen“ begeistert, auch wenn der erste Teil des Stückes etwas stockte. Doch dann überzeugte die Schauspieltruppe mit viel Witz, Gesang und Tempo und zeigte, was sie bis zur Perfektion beherrscht: Shakespeare mit Tiefe und Humor.

„Etwas Sitzfleisch brauchen Sie heute schon“, warnte Stadttheaterleiter Florian Werner zu Beginn. Und das bewahrheitete sich, zumindest im ersten Drittel, das etwas zäh war. Shakespeares Dialoge sind ohne Zweifel Poesie, aber das zu Beginn statische Spiel strengte auch an. Das „Wintermärchen“ wird als Romanze bezeichnet – aber der erste Teil ist eine Tragödie: Leontes, König von Sizilien, verdächtigt seine Gattin Hermione, Ehebruch mit seinem Freund Polixenes, dem König von Böhmen, begangen zu haben, ja sogar von ihm schwanger zu sein. Er wirft sie ins Gefängnis und befiehlt seinem Diener Camillo, den Ehebrecher zu töten.

Dieser enthüllt Polixenes jedoch den Mordplan und flieht mit ihm nach Böhmen. Unterdessen gebiert Hermione ihre Tochter Perdita, die Leontes jedoch nicht anerkennt und sie in der Wildnis aussetzen lässt. Kurz darauf stirbt sein Sohn – und Hermione bricht scheinbar tot zusammen. Im ersten Teil können Nico Selbach als Leontes und Thilo Herrmann als Polixenes nicht ganz überzeugen. Etwas zu eindimensional wirkt ihr Spiel, die Emotionen scheinen oberflächlich. Katharina Kwaschik als Hermione und Johanna-Julia Spitzer in der „Hosenrolle“ des Camillo hingegen beherrschen auch die tragische Rolle. Schön ist die Idee des Ensembles, die unschuldigen Kinder, Sohn und Tochter des Königs, mit Puppen darzustellen.

Damit und mit vielen rasanten Umzügen schafft es die vierköpfige Truppe, ein Stück mit mehr als 15 Rollen auf die Bühne bringen. Auch die Übertragung des Textes in eine leicht modernisierte Sprache durch den Company-Gründer Christian Leonard sowie die eigens vom Ensemble komponierten Lieder helfen, die anfängliche Starre zu lockern. Und dann scheint das Ensemble zum Leben zu erwachen: Schon die Bootsfahrt, mit der Perdita an die Küsten Böhmens gebracht wird, reißt mit. Vor der Bühne schlingert das Boot durchs Gewitter, mit Pauke und Blech akustisch unterstützt. Das ausgesetzte Mädchen wird vom Schäfer und seinem Sohn Hansdampf gefunden – der Plattdeutsch snackt. Warum auch nicht, bei Shakespeare liegt Böhmen ja am Meer. Mit seiner Naivität erzeugt er Lachsalven im Publikum, insbesondere, wenn er darüber berichtet, was ein Bär so frisst: vielleicht doch den einen oder anderen aus der ersten Reihe.

Das Ensemble spielt ab diesem Zeitpunkt mit dem Publikum: Ein Zuschauer dient als Jackenhalter, alle singen gemeinsam, die Schauspieler treten von hinten durchs Publikum auf die Bühne. Nach der Pause fasst ein Chor als personifizierte „Zeit“ die Ereignisse zusammen: 16 Jahre sind vergangen, Perdita zum hübschen Mädchen herangereift. Natürlich verliebt sich die vermeintliche Schäferstochter unstandesgemäß in Polixenes Sohn Florisel. Als Florisel scheint Herrmann in seinem Element: Er reitet in Slapstickmanier auf einem nicht vorhandenen Pferd, übertreibt maßlos in seinen Liebesschwüren, kurzum: ganz der verliebte Teenager. Ein Schafschurfest naht: Nico Selbach gibt grandios einen Gaukler, es herrscht Volksfeststimmung.

Doch auch Polixenes ist da und entdeckt die Liebschaft seines Sohnes. Dieser Vater-Sohn-Streit ist sehenswert: Thilo Herrmann spielt beide Figuren, sein einziges Attribut ist ein Bart, den er sich für die Rolle des Vaters beim Umdrehen anklebt. Und schon nach wenigen Sätzen scheinen es tatsächlich zwei Figuren zu sein. Florisel flieht mit Perdita nach Sizilien, wo sich schließlich alles zum Guten wendet: Leontes erkennt in Perdita seine Tochter, sie und Florisel feiern Verlobung und sogar Leontes Frau Hermione, zur Säule erstarrt, erwacht wieder zum Leben. Das könnte kitschig wirken, aber Shakespeare weiß das zu verhindern.

Die Ereignisse werden von zwei Erzählern zusammengefasst und karikiert: „In dieser einen Stunde bot sich das Wunder in einem solchen Umfang an, dass selbst dem besten Stegreifdichter das Wort im Munde steckenbleibt.“ Alles ist gut, und mit einem Lied über das Ende des Winters findet auch das „Wintermärchen“ sein glorioses Ende.

Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
VR-Siegerin wie Südstaatenlady
VR-Siegerin wie Südstaatenlady
Gaststätten-Zeiten passé
Gaststätten-Zeiten passé
Sozialer Wohnungsbau gestemmt
Sozialer Wohnungsbau gestemmt

Kommentare