Was wollt ihr denn?

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Auf der Mauer, auf der Lauer (von links): Der Narr (Volker Roos), Sir Andrew (Klaus Herzog), Sir Toby (Fabio Menéndez) und die Zofe Mary (Gabriella Weber).

Landsberg – „Identität ist sowieso etwas hoffnungslos instabiles“ konstatiert der Narr, über dem Geschehen auf seiner Mauer sitzend. Und beschreibt damit nicht nur die Verwechslungsgeschichte um die gestrandeten Zwillinge Viola und Sebastian, sondern auch die komisch-tragische Suche der anderen Figuren nach ihrem Selbst. Und über allem schwebt der Vollmond.

„Twelfth Night“, die zwölfte Nacht, so der Originaltitel, ist die letzte der Rauhnächte, eine Nacht der Maskenspiele und der Beginn des Karnevals. Regisseurin Karin Neuhäuser greift dieses Motiv des Identitätswechsels auf und treibt es auf die Spitze. Gräfin Olivia (Simone Thoma) gibt zunächst den Hamlet, der einen Glitzerschädel streichelt bevor die Liebe zu dem vemeintlichen Jungen Cesario (der verkleideten Viola) sie zu einer Barbiepuppe im Marilyn-Monroe-Look werden lässt.

Ihr Verehrer Sir Andrew (Klaus Herzog) ist eine eher tragische Andy-Warhol-Figur, Herzog Orsino (Albert Bork) ein etwas aus den Fugen geratener Elvis. Und Olivias Onkel Sir Toby (Fabio Menéndez) könnte seine Trinkgelage auch an Bord der „Black Pearl“ veranstalten, Kammerfrau Mary (herrlich albern: Gabriella Weber) bei „Gossip“ singen. Sie alle treffen vor einer blaugrünen Hafenmauer aufeinander, Gleise führen ins Publikum, eine Badewanne trägt die Inschrift „In Vino Veritas“, unter einer Leuchtschrift „Illyrien“ klimpert ein Pianist (Matthias Flake) melancholische Melodien. Und jeder glaubt zu wissen, was er will: Orsino, Malvolio und Andrew wollen Olivia, Olivia will Cesario/Viola, Viola will Orsino, Antonio will Sebastian und der will schließlich auch Olivia. Am Ende löst sich das Gefühls-Kuddelmuddel, jedes Töpfchen bekommt sein Deckelchen, auch wenn es teilweise ein anderes ist als anfangs gewollt.

Dass das Ganze nicht komplett aus den Fugen gerät, ist dem Narren (großartig: Volker Roos) zu verdanken, einer alten Diva à la Lilo Wanders, der gelassen auf seiner Mauer thront, wunderbar den ein oder anderen Chanson zum Besten gibt und den berühmten Roten Faden knüpft – oder ist er eine der Nornen mit dem Schicksalsfaden? Am Ende erlischt ein Teil der Neonschrift, von Illyrien bleibt „rien“ – Nichts.

Wie in vielen der späteren Komödien Shakespeares („Was ihr wollt“ entstand wahrscheinlich um 1601 zwischen „Hamlet“ und „Troilus und Cressida“) sind auch hier bei aller Komik tragische Elemente zu finden. Schon ergreifend, wenn Sir Andrew zwischendurch knapp anmerkt „Mich fand auch schon mal jemand gut“. Auch das Scheitern des ehrgeizigen Malvolio (Steffen Reuber) ist für eine Komödie eher grenzwertig, ebenso die Enttäuschung des Kapitäns Antonio (Rupert J. Seidl) über seinen vermeintlich untreuen Freund.

Neuhäuser und ihren Schauspielern gelingt die Gratwanderung zwischen Tragik und Komik mit einer komisch-melancholischen Revue – ohne Shakespeare untreu zu werden. Eine Meisterleistung.

Patricia Eckstein

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