Spießereltern gesucht!

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Mutter im Blümchenkleid, Tochter in Pink: Das Maxim Gorki Theater begeisterte mit „Und dann kam Mirna“ von Sibylle Berg.

Landsberg – Sibylle Berg wird ein experimentelles Puppentheater erschaffen. Mit täglichen Aufführungen, die alle das Gleiche zeigen werden: die finstere Zukunft der Menschheit. So sagt es ihre Webseite. Optimismus ist nicht unbedingt die Eigenschaft, die bei der schweizerdeutschen Autorin und Dramatikerin hervorsticht. Vielmehr Zynismus, sezierende Beobachtungsgabe und eine klare Sprache. Auch Ihr Theaterstück „Und dann kam Mirna“ ist kein Schenkelklopfer, zeigt es doch die Unbedeutsamkeit des Menschen. Aber das mit einer großen Portion klugen Humors. Das Publikum im ausverkauften Stadttheater war begeistert.

Vier Frauen betreten eine leere Bühne. Mit viel zu großen Männerpullis. Und Hornbrillen. Noch stampfen sie, tanzen, begehren auf. Die vier wütenden Frauen kennt man aus Bergs Vorgängerstück „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“, das, ebenfalls in der Inszenierung des Maxim Gorki Theaters, 2015 in Landsberg zu sehen war. Doch etwas ist anders: „Irgendwann ist man nicht mehr jung“. So mit Ende 30. Die jugendlichen Träume sind vorbei, das Leben nicht glamourös, sondern nur normal. Und irgendwie alles so sinnlos. Dagegen hilft nur eins. Ein Kind. Natürlich werden sie keine dieser Gluckenmütter werden. Sie machen alles anders. Sie werden Freunde bleiben. Sie werden politisch aktiv. Sie werden zusammen mit ihren Kindern nach Island trampen. Jawohl! Die vier stampfen über die Bühne. Voller Lebenswut.

So nebenbei werden sie schwanger. Durch eine Samenspende oder weil die Ohren eines Mannes „wie Raumschiffe durchs Zimmer schwebten“. Und jetzt warten sie auf die Glücksgefühle, die der Empfängnis folgen. Vergeblich. Schnell werden sie auf ihr Kind reduziert – aus selbstbewusstem Stampfen wird ein Über-die-Bühne-gezogen-Werden, mit dem Bauch voran. Sie müssen „Abschied nehmen von Humor und Aggressivität. Und halte dich aus dem öffentlichen Leben raus! Denn Reproduktion ist immer noch die effektivste Frauenentsorgungsmaschine.“ Das Publikum applaudiert.

Und dann kommt Mirna, am 9. November, wie Hitlerputsch und Mauerfall. Die Männerpullis werden ausgezogen, darunter Blümchenkleider. Aber „warum ist man jetzt nicht vollkommen zufrieden, den Mund mit einem Babyfuß gestopft, warum nicht sanft und verdammt nochmal glücklich?“ Es will nicht funktionieren. Die Tochter ein Fremdkörper. Das zeigt sich auch in deren Auftreten: Drei Teenager stürmen auf die Bühne (eine Darstellerin war krank): pinkfarbene Trainingsjacken, kurze Jeans, Kniestrümpfe und renitent hüpfende Pferdeschwänze: „Sie trägt Glitzer und Schuhe mit Absatz, ist niedlich und wird Genomwissenschaftlerin.“ Auch die Tochter ist nicht glücklich: Die will zwei Eltern „falls eins davon kaputtgeht“, Spießereltern, „jemand der mir sagt, was ich tun soll, der alles im Griff hat, der Liebeskummer nicht mit mir bespricht, ich bin nicht deine Freundin, ich bin von dir abhängig!“, stampft sie wütend in den Boden.

Egal, die Tochter soll ein Leben haben. Deren Zukunft ist ja auch nicht rosig: „Entweder arbeitslos oder das Büro wird in die Luft gesprengt.“ Überhaupt sind da keine Werte mehr, die man schützen müsste. Doch was soll man denn dann mit dem Leben machen? Ab in die Uckermark! Mit Freundinnen und Kindern aufs Land, ins kleine Holzhaus mit Veranda und Kohleofen. Entschleunigung, Ruhe, Glück im Kleinen. Das Haus ist schon gekauft, der Umzug steht bevor. Packen muss die genervte Tochter, die kurzerhand die Habseligkeiten der Mutter über den Bühnenrand entsorgt. Überhaupt, sie will da gar nicht hin, aufs Land. Was für ihre Mutter Glück verspricht, ist für sie nur „Intoleranz, Langeweile und der Selbstmord homosexueller Jugendlicher.“ Die Welt, das weiß sie, kann man nur durch Taten verändern. Und so wird das kleine Holzhaus Opfer der von Mirna gelegten Flammen.

Bergs Theaterstück trifft einen Nerv. Nicht umsonst gewann es in der Regie von Sebastian Nübling den Publikumspreis der Mülheimer Theatertage 2016, im selben Jahr erhielt Berg den renommierten Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis und das Maxim-Gorki-Theater wurde zum Theater des Jahres gekürt. Nach der Aufführung im Stadttheater weiß man, warum: Alle sieben (die achte sicher auch) Schauspielerinnen sind grandios, die Inszenierung durchdacht. Das gleichzeitige Sprechen im Frauen- wie im Mädchenchor gelingt, die Choreographien sind lebendig, Handlung wird durch Bewegung unterstützt. Die Schauspielerinnen haben eine Präsenz, die mit Leichtigkeit die leere Bühne füllt. Bergs prägnante Worte bleiben hängen. Und zwicken ab und zu, wenn man sich in seinem Leben gerade gemütlich eingerichtet hat.

Susanne Greiner

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