Bier versus Biene

Sieben Wortakrobaten im Open-Air-Poetry Slam

Ein lauschiger Slam-Abend im schönen Ambiente des Theatergartens. Siegerin Maron Fuchs (3.v r.) mit den anderen Slammern und Moderator Ko Bylanzky (r.) auf der Bühne.
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Ein lauschiger Slam-Abend im schönen Ambiente des Theatergartens. Siegerin Maron Fuchs (3.v r.) mit den anderen Slammern und Moderator Ko Bylanzky (r.) auf der Bühne.
  • VonAndrea Schmelzle
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Landsberg – Es war schon der zweite Open-Air-Slam diesen Monat in Landsberg. Der erste fand auf der Bosse-Wiese statt – da war es nass, kalt und hat geschüttet. „Dieses Mal ist es definitiv der sonnigere Termin“, freut sich Ko Bylanzky, Stammmoderator beim Poetry Slam des Kreisjugendrings Landsberg. Sieben junge Slammer traten letzten Freitag an einem lauen Sommerabend im Theatergarten im Wettstreit der Worte gegeneinander an.  

Ob lustig, nachdenklich, persönlich, politisch oder zynisch – nicht länger als fünf Minuten dürfen die Texte sein, die die sieben Poeten vor dem mit einem Kaltgetränk auf den Stufen des Theatergartens sich gut verteilenden Zuschauern vortragen. Wie immer macht Slam-Moderator Ko Bylanzky vorab den „Reaktionscheck“ in Form des Einübens der verschiedenen Applaus-Kategorien. Auch bei Nicht-Begeisterung dürfe es sehr wohl den „Anstands- oder Mitleidsapplaus“ geben. Jedoch bitte nicht das Befeuern der Interpreten mit Hugo-Bechern oder ähnlichem. Zudem die Bitte, Abstand zu halten. Es ist noch Corona. Freuen dürfe man sich sehr wohl verbal – „aber lasst Euch nicht dazu hinreißen, Eurem Nachbarn in die Arme zu fallen“.

Die Kandidaten, aufgeteilt wie üblich in zwei Gruppen, aus denen jeweils ein Gruppensieger hervorgeht, kommen von Frankfurt bis aus dem Allgäu. Auch zwei Lokalmatadoren sind dabei. Eine davon startet vor einem „wohl noch nicht ganz aufwachten“ Publikum: Sarah Fischer aus Buchloe. Mit einem Text, der motivieren soll. Vermutlich nicht nur das Publikum, nämlich wach zu werden, sondern Dinge zu tun, bevor es dafür zu spät ist, Zweifel über Bord zu schmeißen, vor allem die über sich selbst, an sich zu glauben, denn „wir sind die Kings & Queens der Zukunft“.

Gleich im Anschluss: Maron Fuchs, Slammerin aus Bamberg, Frankenmeisterin und dreifache bayerische Vizemeisterin, die für Landsberg extra die diesjährige Meisterschaft im Frankenland abgesagt hat und mit einem Text über die Liebe überzeugt (sie wird Gruppensiegerin) – obwohl sie „eigentlich nie kapieren werde, wie man Texte über die Liebe schreibt“. Gefühle, zu individuell, zu intim: „Ich kann doch nicht laut sagen, dass ich dich gern küsse, dass ich dich hart vermisse.“

Auch über Liebe, über die gleichgeschlechtliche, spricht zweite Lokalmatadorin Isabella Engelke, die sich manchmal „wie 1950“ fühlt, wenn sie in der Kleinstadt „die Hand ihrer Freundin“ hält. Politisch wird es mit dem Allgäuer Slam-Veteranen J-Man, der von „Menschen mit Glatzen und hässlichen Fratzen“ slammt: „Neoliberalist, Rassist, Populist– alles Schlechte am Ende: ist - ist - ist – bis auch mich, ich bin Kabarettist“. 

Die zweite Gruppe startet mit dem Frankfurter SlamMaster Clemse Lebemann, zuletzt Halbfinalist bei den Deutschsprachigen Meisterschaften, der sich Sorgen über seinen schleichenden Alterungsprozess macht, betont „aber ich sauf‘ noch, als wäre ich 21“und sich an große Hollywood-Momente in seinem Leben erinnert, als ihm etwa das „‚Wegfragmädchen“ an der Bushaltestelle begegnet, in seinem Kopf „Musik von Hans Zimmer ertönt“, er dann jedoch von ihr gesiezt wird. „Fuck!“

Augsburgs bekannteste Slammerin Ezgi Zengin thematisiert Migration, Fremdenhass, Mehrsprachigkeit und die Schwierigkeiten, Namen zu buchstabieren („Meier mit ei, weil‘s einfacher ist“). Neu-Münchner Raphael Breuer (bereits dreimal im Finale der Bayerischen Meisterschaften) textet als letzter Poet des Abends ein Cro-Lied um: „Baby, mach dir viel mehr Sorgen um Geld“, heißt es nun, denn „ich hab‘s nicht in der Hand, ob es bis morgen noch hält“. Der zweite Slam-Durchgang benötigt zwei Klatschanläufe (Bylanzky: „Ich frage mich, wie das klingen würde, wenn Ihr Euch einfach mal entscheiden würdet“), bis feststeht: Clemse Lebemann ist Runden-Finalist.

Als Erster im Finale entschuldigt sich dieser schon vorab für das, was folgt. Nämlich sein beim Publikum für lautes Lachen sorgender „Wortspiel-Text“ mit allen möglichen Biersorten („Henning ging in die Küche und betrachtete den Tee – er war ein Tegernseer“). Als das „Bier ausgeht“, verwendet Clemse eben härteren Alkohol („Er spielte Songs, die waren Asbach Uralt, wie Sherry Sherry Lady).

Maron Fuchs, selbst Imkerin, bittet das Publikum um Mithilfe bei ihrem Text über die Bienen: „Wenn ich meine Faust in die Lust strecke, brauche ich Euer Summ Summ Summ“. Es geht um Monokulturen, Schadstoffe, Klimaerwärmung und den Anteil, den an jeder daran hat („Da wird an Greenpeace gespendet und trotzdem bestellt“). „Die Bienen machen deutlich, was die Menschen kaum sehen.“

Der Applaus entscheidet. Biene gewinnt gegen Bier. Der Preis für Maron Fuchs: Wie immer eine Flasche Sekt aus dem „mittlerem Supermarktregal“. Hauptsache nicht online bestellt. „Summ Summ summ, wir bleiben nicht mehr stumm.“

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