Ausstellung des Landsberger Malers in der Stadtverwaltung

Im stillen Dialog mit Johann Mutter

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Noch bis zum 25. Mai im Gebäude der Stadtverwaltung in der Katharinenstraße zu sehen: Die Ausstellung über den Landsberger Maler Johann Mutter.

Landsberg – Er ist in Landsberg allgegenwärtig: Da ist die Johann-Mutter-Straße, sein Lechflößer-Fresko am Lechhaus, ein anderes am Pfannenstielhaus, die Fassadenmalerei der Klosterkirche. Johann Mutter fasste die Kreuzigungsfiguren am Bayertor, fotografierte im und nach dem Krieg Dokumente der Zeitgeschichte. Sein Atelier war im Kratzergebäude. Fast gegenüber, in der Stadtverwaltung, ist nun seit Freitag vor einer Woche ein Teil seiner Gemälde zu sehen. Werke, die eine Annäherung an den Künstler suchen. In Stadt- und Landschaftsporträts. Und in sprechenden, zugleich rätselhaften Selbstporträts.

Im ersten Stock hängen vier dieser Porträts. Mutter sitzend, ein Fernrohr in der Hand. Die anderen zeigen das Gesicht in immer gleicher Ansicht. Der Kopf leicht abgewandt, das linke Auge zugekniffen, ebenso der Mund. Vielleicht verbittert, auf jeden Fall misstrauisch prüfend. Gymnasialprofessor Josef Hartlmaier habe darin „ein klobig herbes Gesicht“ gesehen, zitiert Kulturreferent Axel Flörke in seiner Einführung. Mutter lotete Höhen und Tiefen aus, „ein Wanderer zwischen den Welten“. An seinem Talent zweifelte er zwar nur bedingt, in seiner Todesanzeige bestand er jedoch auf der Bezeichnung „Kunststudierender“, nicht Künstler, nicht „fertig“. 

Eines von fünf Selbstbildnissen von Johann Mutter, zu sehen in der Ausstellung in der Stadtverwaltung.

Im Erdgeschoss hängt Mutters fünftes Selbstbildnis, es zeigt ihn beim Einlegen eines Films. Fast im Stile eines ein Max Beckmanns, den Künstler, den Mutter bewunderte. Daneben die Marienfigur des Hauptplatzbrunnens, gemalt 1937 samt Flugzeug des im selben Jahr aktivierten Fliegerhorsts der Luftwaffe in Penzing. Richtung Treppe steht eine Staffelei. Es ist die Mutters samt seines letzten Bildes: der Hauptplatz, pastellfarben, süßlich. Mutter gab seinen Bildern keine Titel. Und er signierte sie erst, wenn er sie für gut befand. Dieses letzte Bild ist nicht signiert, wahrscheinlich also unvollendet. 

Der 1902 geborene Maler arbeitet bis zu seinem 25. Geburtstag in der Landwirtschaft. Spaß macht ihm das nicht. Eine „unbestimmte Sehnsucht“ ergreift ihn: „Ich wollte etwas tun und wusste nicht was“. Bis er Kunst an der Akademie der Bildenden Künste München studiert. 1934 zieht er nach Landsberg, das Jahr, in dem ihn Nürnberg mit dem Albrecht-Dürer-Stipendium auszeichnet. Mutters Werke gefallen den Nationalsozialisten jedoch weniger – aber wenn er nicht malen darf, wie er will, dann lieber gar nicht. Sagt‘s und greift zur Kamera. Mutter fotografiert Kunstwerke, die Katharinenbrücke vor der Sprengung. Und heimlich den Todesmarsch. 1947 organisiert er eine Ausstellung im Rathausfestsaal mit der vormals „entarteten Kunst“: Barlach, Dix, Kokoschka, Klee. Und nach dem Krieg beginnt er auch wieder zu malen. Eines seiner Lieblingsmotive: Landsberg, vom Mutterturm aus gesehen. 

Zum Beispiel als fast kubistische Aneinanderreihung von Flächen. Nahezu expressionistisch mutet das Bildnis der Alten Bergstraße an, giftgrünes Haus und dominierender Mauerschwung. Das Jesuitenviertel in starken Konturen, ein eher plakathaft wirkendes Porträt des Jesuitenviertels. Fast jedes Bild scheint einem anderen Stil verhaftet. Auch die Naturbilder im zweiten Stock zeigen Vielfalt. Der impressionistische „Lech bei Nacht“, getupft in grau-blau, dunkelgrün und lasierendem Weiß. Daneben ein Flussbett in dicken, pastosen Farben. „Kunst ist nicht Natur und Natur ist nicht Kunst“, ist Mutters Credo. Der Künstler vermittle seinen Eindruck der Natur. Und Kunst sei eine „mühevolle Auseinandersetzung mit den Erscheinungen von Welt“. 

Als Mutter 1974 stirbt, hätte die Stadt Landsberg seinen Gesamtnachlass erwerben können. Doch Geld für Kunst ist knapp. Ein scheinbar zeitloses Problem, das auch Museumsleiterin Sonia Fischer bei der Vernissage anspricht. Die Ausstellung finde im Verwaltungsgebäude statt, um den Landsbergern ihren Maler zugänglich zu machen. Aber auch, weil im Stadtmuseum kein Platz ist. Im Erdgeschoss steht Ende März die nächste Sonderausstellung an. Und die oberen Räume warten auf die immer noch zu genehmigende Sanierung. 

Bei der Vernissage am vergangenen Freitagabend sind Besucher anwesend, die Mutter persönlich kannten. „Meine Mutter half bei ihm im Haushalt“, erzählt ein Mann. Der Maler habe ihm damals mittels Eisenspänen das Magnetfeld erklärt. Andere Besucher zeigen ein Album mit Auftragsfotos von Mutter. Aber auch Menschen, die Mutter nicht kennen, sind anwesend. So äußert sich ein etwas seltsamer Besucher lautstark zu den Selbstporträts: „Wer ist denn dieser hässliche Mensch?“ 

Hässlich? Das ist Ansichtssache. Man urteile selbst. Denn vielleicht ist ja der Personalausweis abgelaufen, vielleicht will man ein Gewerbe anmelden. Oder vielleicht geht man einfach mal aus Spaß in die Stadtverwaltung: Und schaut ihn sich ihn an, diesen Johann Mutter, diesen Landsberger Maler. 

Susanne Greiner

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