Sinkendes Schiff ohne Kapitän

Trat zurück, nachdem klar geworden war, dass eine Insolvenz des EV Landsberg nicht mehr zu vermeiden ist: Der EVL-Vorsitzende Hans-Jürgen Böttcher. Foto: Archiv

Dass der Patient schwer krank war und litt, war bekannt; das endgültige Aus für den EV Landsberg traf das direkte Umfeld offensichtlich unerwarteter als den außenstehenden Beobachter. Oberbürgermeister Ingo Lehmann überraschte der Insolvenzantrag nicht. Der langjährige EVL-Rechtsbeistand Dr. Reinhard Steuer rief schon auf der Mitgliederversammlung am 19. April dazu auf, „sicherheitshalber oder auch pro forma“ gleich mal einen neuen Verein zu gründen und bot seine Mitwirkung an. Dementsprechend dramatisch gestalteten sich die letzten Tage des Traditionsvereins. Hier noch einmal die Chronik der Geschehnisse.

• Samstag, 16. April: In einer Krisensitzung am Nachmittag werden beim EVL die aktuellen Zahlen diskutiert. Bei der Frage „Ober- oder Bayernliga“ verhaken sich Vorsitzender Hans-Jürgen Böttcher und Stellvertreter Josef Keller. Joachim Mörz, ebenfalls Stellvertreter, ist nicht anwesend. Keller plädiert dafür, die Juniorenmannschaft in der 1. Mannschaft in der Bayernliga aufgehen zu lassen. Böttcher besteht weiter auf der Oberliga, weil der Verein sonst nicht zu retten sei. Keller erklärt, in diesem Fall zurücktreten zu wollen und kommuniziert dies anschließend auch. Der HCL-Vorstand, an den inoffiziell bereits herangetreten wurde, trifft sich noch am gleichen Tag zu einer außerordentlichen Vorstandssitzung. Ergebnis: Den EVL-Nachwuchs im Falle einer Insolvenz komplett zu übernehmen, scheint für den Verein nicht machbar, dennoch wolle man alles dafür tun, um den Eishockey-Nachwuchs in Landsberg im Fall der Fälle zu retten. • 16. bis 19. April: Über (Presse-)Mitteilungen wird der aktuelle Finanzbedarf veröffentlicht: 100000 Euro sollen es bis Ende des Monats sein. Laut Böttcher sei vor allem die anstehende Zahlung an das Finanzamt (15000 Euro) drängend, mit Krankenkasse und Berufsgenossenschaft könne man „immer reden, da bekomme ich immer Ratenzahlung, das wird nicht das Problem“, sagt er gegenüber dem KREISBOTEN. Die privaten Gläubiger sind bei dieser Planung erst einmal nicht berücksichtigt. • Dienstag, 19. April, 19.30 Uhr: Auf der Mitgliederversammlung gibt es heftige öffentliche Auseinandersetzungen zwischen Böttcher und Keller. Die finanzielle Situation, die vorgetragen wird, ist bedrohlich; sowohl Versammlungsleiter Dr. Steuer als auch Reinhold Wallner, der die aktuellen Zahlen verliest, raten fast unverhohlen zur Insolvenz. Keller unterschreibt noch auf der Versammlung seinen Rücktritt. Auf Initiative des ehemaligen EVL-Chefs Ronald Kelm-Kläger wird dennoch für den folgenden Tag ein Treffen zur Rettung des Vereins anberaumt, bei dem sich „alle noch einmal an einen Tisch setzen sollen. Das muss doch unter Männern möglich sein“. Joachim Mörz hatte für diesen Tag seinen Rücktritt als Stellvertreter angekündigt, war allerdings erneut nicht anwesend und hatte seinen Schritt auch schriftlich nicht eingereicht. • Mittwoch, 20. April, 17 Uhr: Man setzt sich noch einmal zusammen. Mörz ist auch diesmal nicht anwesend, dafür ein ehemaliger EVL-Betreuer und erneut Verantwortliche aus dem Nachwuchsbereich. Zwei Stunden lang wird heftig über die aktuellen Zahlen diskutiert, die Situation eskaliert, die Insolvenz scheint den Anwesenden unausweichlich. Am Ende einigt man sich trotzdem darauf, in der Bayernliga mit einer Billiglösung weiterzumachen. Im Hintergrund scheinen bereits zu diesem Zeitpunkt gut informierte Personen mit Alternativlösungen beschäftigt zu sein. Nachdem klar ist, dass man für die Bayernliga planen will, sagt Trainer Petr Vorisek für die kommende Saison ab. Auch Torhüter Patrick Ashton steht nicht mehr zur Verfügung. Böttcher: „Ich gehe davon aus, dass auch Benjamin Barz nicht Bayernliga spielen will. Eventuell bekommen wir ihn noch ins Boot, wenn Beslagic bei uns den Trainer macht.“ • Freitag, 22. April: Die Zahlungsaufforderung der Berufsgenossenschaft (BG) über mehr als 103000 Euro trifft per Post ein. Eingeplant waren lediglich 25000 bis 30000 Euro. Die hohe Summe erklärt sich daraus, dass man mit der BG bezüglich der offenen Forderungen aus den vergangenen Jahren einen Vergleich geschlossen hatte, der fast 70000 Euro Nachlass ergeben hätte. Die Raten für diesen Vergleich hatte man nun allerdings zuletzt nicht mehr bedient. Daher stellte die BG jetzt die komplette Summe fällig – der Genickschuss für den Verein. Hans-Jürgen Böttcher erklärt per Fax seinen Rücktritt und ist danach so gut wie nicht mehr erreichbar. • Samstag, 23. April, gegen Mittag: Josef Keller findet das Rücktritts-Fax in seinem Posteingangsfach in der EVL-Geschäfts­- stelle. Auf Nachfrage erklärt ihm Böttcher, er wolle „den Weg frei machen für andere, die jetzt eventuell den Verein noch retten können.“ Noch am selben Nachmittag treffen sich Verbliebenen ohne Böttcher zu einer weiteren Krisensitzung, die Handys stehen von da an in den nächsten Tagen nicht mehr still. Jedem ist klar, was Josef Keller dann auch gegenüber dem KREISBOTEN sagt: „Mit dem EVL geht es nicht mehr weiter. Es muss Insolvenz beantragt werden. Wenn Herr Böttcher das nicht macht, muss ich mich darum kümmern.“ Keller möchte eine „Komplettlösung“. „Ich habe dem HCL schon vor Tagen die Etatplanung für den Nachwuchs zukommen lassen, warte aber von da noch auf eine Antwort.“ Der HCL-Vorsitzende Markus Haschka dementiert das klar: „Bei uns ist bis zu diesem Zeitpunkt definitiv nichts eingegangen.“ Keller meldet sich danach beim HCL nicht mehr. • Dienstag, 26. April, 20 Uhr: Abgeordnete des HC Landsberg treffen sich mit den Vorsitzenden der Fanclubs, Nachwuchsdelegierten des EVL, Stadionwirt Walter Ott und Karl-Heinz Zotzmann. Es besteht bis dahin Einigkeit darüber, dass der HCL den Nachwuchs des EVL sowohl logistisch als auch finanziell nicht komplett auffangen kann. Klar wird allerdings auch, dass für eine Neugründung offenbar niemand zur Verfügung steht. Die Variante eines „Vereins im Verein HCL“, ohne Stimmrecht für den Hauptverein und mit vollständiger finanzieller Eigenverantwortung wird ins Spiel gebracht und soll binnen einer Woche rechtlich geprüft werden. Vom Angebot des TSV Landsberg, den Eishockey-Nachwuchs des EVL zu übernehmen, weiß in diesem Moment noch niemand. • Mittwoch, 27. April: Nach vorausgegangenen Beratungen zwischen Dr. Steuer und Böttcher soll von seiten des EVL der Insolvenzantrag eingereicht werden. Keller wartet mit seiner Unterschrift allerdings noch, bis er sich mit seinem Anwalt beraten hat. Mit dem Zusatz, bereits am 19. April als Vorstand zurückgetreten zu sein, unterschreibt er nach eigenen Angaben das Papier. • Freitag, 29. April: Zwischen HCL-Spitze und Stadt finden Gespräche statt. OB Lehmann signalisiert, dass er eine Rettung des Nachwuchses durch den HCL favorisiere und sagt für diesen Fall Unterstützung zu. • Samstag, 30. April: Der TSV Landsberg bekräftigt durch seinen Vorsitzenden Hanns Haedenkamp gegenüber dem HCL, dass ihm an der Übernahme des EVL-Nachwuchses gelegen wäre. Die Finanzierung könne für das erste Jahr zunächst aus dem Verein erfolgen, danach über die Vermarktungsrechte der Eishalle. Ehemalige Verantwortliche aus dem EVL-Nachwuchs haben sich da aber längst auf den HCL festgelegt. • Montag, 2. Mai, 20 Uhr: Elternabend im Sportzentrum. Die Väter und Mütter der jungen Ex-EVL-Akteure sollen sich festlegen, wohin der Nachwuchs nun wechseln soll – siehe Seite 1 dieser Ausgabe.

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