"Leben ist flach ohne Enthusiasmus"

Snowdance: Diskussionsrunde zur Doku "The Evil Within"

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Auf  den Dokumentarfilm „The Evil Within“ von Eduardo Rufeisen folgte bei der Sonntagsmatinee des Snowdance-Festivals eine Diskussion über das „Böse im Menschen“. Mit dabei waren der Psychologe Volker Gold, Moderator und Festival-Macher Tom Bohn sowie Journalist und Jurist Werner Lauff (von links).

Landsberg – Es ist ein Film, der beim Snowdance-Festival aus dem Rahmen fällt. Fünf Wissenschaftler, darunter drei Psychologen, stellen in Interviewform die Ergebnisse ihrer Forschungen zur Verfolgung und Vernichtung von Juden im Dritten Reich vor. Sie schildern, welche Faktoren den Völkermord und seine Tolerierung ermöglichten. Bei einer Sonntagsmatinee wurde die 93 Minuten lange Dokumentation im Stadttheater gezeigt. Im anschließenden Podium bestand weitgehend Einigkeit über Notwendigkeit und Nutzen des Wettbewerbsbeitrags: Einige der geschilderten Entwicklungen seien heute wieder spürbar.

Gibt es das Böse im Menschen? wollte Moderator Tom Bohn vom Psychologen Volker Gold wissen, der auch die Ausstellung des Historischen Vereins über die Schicksalsjahre der Juden in Landsberg zusammengestellt hat. Eine „mörderische Tendenz in einem selbst“ sehe Gold nicht; da müsse man eher „auf die Ärmelschoner der Bürokraten“ schauen. „Das Leben in Institutionen reduziert den Menschen in seinen Möglichkeiten und lässt nicht immer Gutes dabei herauskommen.“

Der Journalist und Jurist Werner Lauff knüpfte daran an. Es sei nicht ein einziger Faktor, der zu menschlichen Katastrophen führe. Es müssten viele Einflüsse zusammentreffen, persönliche, gesellschaftliche, wirtschaftliche und staatliche, „aber ich wünsche mir keinen einzigen von ihnen“. Ein aktueller Faktor sei der zunehmende „Hass, Neid und Drang nach einfacher Weltsicht“. Immer mehr Menschen nähmen sich Taten und Worte heraus, die früher jenseits der Hemmschwelle gelegen hätten. Populistische Staaten wie Ungarn, Italien und die USA verstärkten diese Tendenz noch.

Grenzverschiebungen

Auch Volker Gold sprach von „Grenzverschiebungen“. Viele Aussagen würden heute „durchgelassen“; es gebe „keine Bremse“. Hat das mit den sozialen Medien zu tun, wollte Tom Bohn von Werner Lauff wissen. Der antwortete, die seien zwar in vieler Hinsicht hilfreich. Aber: „Wenn man will, kann man dort wie in einer Filterblase nur Menschen zuhören, die die gleiche Meinung wie man selbst haben. Man kann Unwahrheiten und Fälschungen verbreiten. Geringe Reaktionszeiten zwingen zu schnellen Festlegungen. Es gibt nur noch Schlussfolgerungen, keine Herleitungen mehr. Man kann Positionen anonym vertreten. Und je zugespitzter die Meinung, je drastischer die Aussage, desto mehr gehört man dazu.“

Gold forderte Klarnamenzwang im Internet; man dürfe sich nicht länger hinter Pseudonymen und Avataren verstecken. „Wer öffentlich etwas sagt, soll mit seinem Namen dazu stehen.“ Auf fruchtbaren Boden fielen solche Äußerungen wegen des „Sinnvakuums“ - die Menschen „wissen nicht mehr, wofür sie sich begeistern sollen. Das Leben ist flach ohne Enthusiasmus.“ Erforderlich seien „mehr Inhalte in der Demokratie“.

Zu den Grenz- und Wertverschiebungen gehörten auch, so Lauff und Gold, die gleichgültige Reaktion auf die um ihr Leben kämpfenden Flüchtlinge im Mittelmeer. Gold wörtlich: „Wenn ich bösartig wäre, könnte ich sagen: Das ist ein Euthanasie-Programm. So werden unerwünschte Leute schnell beseitigt.“ Es gebe aber auch ganz andere Themen, bei denen man sagen müsse „Leute wacht auf und tut was dagegen“, etwa die Zerstörung der Umwelt oder eine unangemessene Tierhaltung.

Mehr Engagement

Moderator Tom Bohn forderte von den Bürgern mehr Engagement. Jeder sollte bei sich selbst anfangen, seine Ziele definieren und sich dafür einsetzen. „Man sollte mal wieder in eine demokratische Partei gehen, dort Mitglied werden und mitwirken. „Und vor allen Dingen nicht einschlafen“, ergänzte Volker Gold.

Das sahen die rund 40 Besucher im Stadttheater genauso. „Wir dürfen die aufkommende Haltung nicht hinnehmen. Wir müssen No-Gos definieren“, formulierte eine Teilnehmerin. Snowdance-Schirmherrin Ulrike Folkerts und Schauspielerin Beate Maes griffen die Hinweise von Volker Gold zu umwelt- und tierschutzgerechtem Konsum auf; schon der Verzicht auf Käufe von in Plastik eingeschweißten Lebensmitteln sei ein kleiner Beitrag zum Umdenken.

Am Ende waren sich fast alle im Saal einig: Dieser „Independent“-Film ist wichtig; er gehört ins deutsche Fernsehen und in die Schulen. Er kann auch, wie an diesem Sonntagmorgen, Nachdenken und Entschlüsse bewirken.

bjb

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