Für Achtsamkeit und Fairness

Landsberger Manifest: zu Macht und Missbrauch in der Medienbranche

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Bei der Abschlussrunde: Schauspielerin Beate Maes, Produzent Peter Engelmann, Autor Christian Lex

Landsberg – Das Snowdance Festival hat wieder ein „Landsberger Manifest“. Diesmal wurde es unter Federführung des Journalisten Werner Lauff vom Produzenten Peter Engelmann, dem Autor Christian Lex, sowie den Schauspielern Roberto Guerra, Beate Maes, Valerie Niehaus und Götz Otto erarbeitet. Das zentrale Thema war „Machtausübung und Machtmissbrauch in Film und Fernsehen“. Dazu zählte auch der Themenbereich „MeToo“.

Ziel des Manifests ist es, die Fachöffentlichkeit „für Defizite an Respekt, Achtsamkeit und Fairness in der Branche“ zu sensibilisieren – besonders im Hinblick auf Autoren, Regisseure, Produzenten und Schauspieler, die im System nicht fest etabliert sind. Die Podiumsteilnehmer und weiteren Gäste analysierten zunächst die eigentlich zentrale Rolle der TV- und Filmproduzenten. Wer glaube, Produzenten investierten zuvor mit anderen Filmen verdientes Geld und könnten frei darüber entscheiden, welchem Stoff sie sich widmen, der täusche sich. In Wirklichkeit seien sie nur „von den Fernsehsendern abhängige Herstellungsleiter“. Sie müssen die Rechte meist vollständig an die Sender abtreten: „Sie können ihre Firma nicht wertvoll machen und auf das nächste Level heben.“

Durch die Sender würden Projekte mit Originalität aufgrund „Bedenkenträgertum“ allzu oft nivelliert. Viele Redakteure in den Sendern hätten Angst, mutige und ungewöhnliche Stoffe zu realisieren. Außerdem stoße man immer wieder auf die gleichen Entscheider. Beispielsweise gebe es eine Filmeinkaufs- und Beschaffungsgesellschaft der ARD, von der über 70 Prozent des ARD-Programms bereitgestellt werden. Alle wesentlichen Programmentscheidungen würden dort von einer einzigen Person getroffen. Das sei ein „unfassbares Ungleichgewicht“.

Ein weiteres Problem: Auch bei Filmproduktionen gehe es nicht ohne Förderung, und zwar bereits ab Drehbucherstellung. Die öffentlichen Förderer verlangten aber meist einen Fernsehsender, der die Ausstrahlung von Anfang an zusagt. „Alle öffentlichen Fördergelder sind an Fernsehausstrahlungen gekoppelt. Damit werden Film und Fernsehen faktisch verknüpft. Und damit gibt es auch bei Filmproduktionen einen überschaubaren Personenkreis, der über Karriere und Erfolg entscheidet“, heißt es im Manifest.

Die Quote muss weg

Bei den Forderungen waren sich die meisten Beteiligten einig. „Filmförderung ist sehr begrüßenswert. Die automatische Kopplung einer Produktion an einen TV-Sender ist aber höchst problematisch.“ Außerdem solle man erwägen, „dass Gatekeeper, zum Beispiel bei der Filmförderung, im Sinne der sozialen Gerechtigkeit nur eine begrenzte Zeit Entscheidungen über Produktionen treffen dürfen“.

Kritik gab es auch an den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Sie hätten, anders als Privatsender, nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Aufgabe, Inhalte und Qualität abseits des Üblichen zu schaffen. Der Blick auf die Quote sei dort unberechtigt. „Für die öffentlich-rechtlichen Anstalten gilt: Die Quote muss weg“.

Produzenten sollen nach den Wünschen der Teilnehmer künftig die Möglichkeit haben, Eigenkapital aufzubauen. Nach Erstausstrahlungen sollten Rechte an die Produzenten zurückfallen. Es wäre dann eine Zweitverwertung auf dem internationalen Markt möglich. Die Foren bei Snowdance 2019 seien „Foren deutlicher Sprache“ gewesen, konstatiert das Manifest. Viele der eingereichten Filme seien unter schwierigsten finanziellen Bedingungen entstanden. Das System sei ein closed shop, der Newcomer ungerne einlasse. Daran etwas zu ändern und die nachhaltige Unterstützung innovativer Ideen, nicht etablierter Talente und ungewöhnlicher Sichtweisen zu fordern, müsse Bestandteil eines solchen Festivals sein und bleiben. Ein vielfältiges Angebot deutschsprachiger Filme sei, ähnlich wie ein vielfältiges Angebot von Presse und Rundfunk, „für die Meinungsbildung und den Diskurs in einer pluralen Gesellschaft schlechthin konstitutiv“.

Sexueller Missbrauch

Die Teilnehmer des Festivals diskutierten auch darüber, was die MeToo-Bewegung gegen sexuelle Missbräuche bislang erreicht hat. Dazu gab es ein spezielles Podium mit Beate Maes und Valerie Niehaus. Beide berichteten, dass sie für sich persönlich eine Strategie gefunden hätten, so das Manifest, „schon auf mentaler Ebene eine Haltung zu formulieren und am Set Signale auszustrahlen, die non-verbal Grenzen setzen“. Bei Beate Maes gab es dazu einen konkreten Anlass. Sie erklärte auf dem Podium, dass sie eine sexuelle Belästigung durch Dieter Wedel abgewehrt hat und daraufhin unter Schikanen am Filmset leiden musste.

Bei Dreharbeiten, bei denen „Persönlich sein“ gefordert ist, sei die Verwechslung mit Privatheit nach wie vor eine reale Gefahr, zumal die finanzielle Abhängigkeit von punktuellen Engagements bei Film und Fernsehen besonders hoch und die Möglichkeit, jemanden unter einem scheinbar künstlerischen Vorwand abzulehnen, jederzeit gegeben sei. Deswegen sei es auch übereinstimmende Meinung gewesen, dass alle am Set den Mut haben müssen, sich einzumischen: „Nichts geschehen lassen. Nicht wegsehen. Passivität aufgeben, Hingucken, Schnauze auf“, formuliert das Manifest.

In der Abschlussdiskussion plädierten die Teilnehmer nachdrücklich an die Filmemacher, sich gegenüber der Machtausübung durchzusetzen. Kreativität vermittele keine Sonderrechte. „Sie sollten Grenzen definieren und Zivilcourage zeigen!“ Festival-Direktor Tom Bohn schlug abschließend noch einmal den Bogen zur Diskussion nach dem Dokumentarfilm „The Evil Within“ sechs Tage zuvor (der KREISBOTE berichtete). Gerade in einer Zeit, in der die politische Diskussion mit Hass und Unwahrheiten geführt werde, komme es darauf an, dass sich die gesamte Branche davon abgrenzt – „Das geht nur kollegial und fair.“

bjb

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