Til Schweiger: "Independent ist keine Leistung"

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Diskutierten über „Independence“ (von links): Sky-Programmchef Marcus Ammon, Filmautor Andreas Arnstedt, Produzent  Til Schweiger und Serienmacher Dennis Albrecht.

Landsberg – Zwei Gruppen von Medienmachern sitzen am frühen Samstagabend auf dem Snowdance-Podium im Stadttheater. Andreas Arnstedt und Dennis Albrecht sind unabhängige Filmemacher, die ihr „Independent“-Dasein kultivieren. Til Schweiger und Marcus Ammon sind Etablierte, die daran zweifeln, dass diese Art von Unabhängigkeit funktionieren kann. Eine Annäherung gibt es bis zum Schluss nicht. Til Schweiger schlägt einen Kompromiss vor: „Seid independent im Establishment!“

Man könnte es auch so definieren: „Indie“-Filmemacher wollen Filme machen. Sie können auch Filme machen. Aber niemand lässt sie Filme machen. Es fehlt einfach an bezahlten Aufträgen, sei es durch öffentlich-rechtliche Anstalten wie die ARD, Free-TV-Sender wie Pro Sieben oder Pay-TV-Sender wie Sky. Das mag sich schrittweise bessern; die ARD will 50 Millionen Euro pro Jahr mehr für Fiktion deutscher Produzenten ausgeben und auch Sky wird für seine Abonnenten den ein oder anderen Film unbekannter Autoren zeigen. Letztlich ist es aber systembedingt: Kaum ein Sender will neuen Machern Sendeplätze anvertrauen und ihnen „die Freiheit zum Scheitern“ geben.

Doch damit finden sie sich nicht ab. Andreas Arnstedt, dessen Werk „Der Kuckuck und der Esel“ einer der siegreichen Wettbewerbsfilme des Snowdance-Festivals ist, produzierte seinen ersten Film selbst, weil die Sender zu viele Bedenken hatten; er bekam 27 Preise dafür. Auch sein zweites Drehbuch sei von allen Sendern abgelehnt worden, also habe er auch diesen Film selbst gemacht. Das alles mit sehr kleinem Budget – „das Teuerste war das Catering“. Förderungen habe er nicht beantragt. „Wenn Du Themen angehst, die politisch nicht korrekt sind, findet Du keine Finanzierung“, sagt Arnstedt.

Mit noch weniger Geld produziert Dennis Albrecht Serien, die auf einem eigenen Internet-Portal abgerufen werden können. Auch das sei aber erst „ein Geheimtipp im Netz“. Auch Albrecht will „nicht auf Förderung warten“, möchte einfach loslegen, am besten mit „null Budget“, denn das garantiere die größte Unabhängigkeit. Leben könne er vom Filme-Machen nicht. Konsequenterweise hat Albrecht einen Hauptberuf – er ist Techniker beim NDR. Ob Filme machen dann also „ein Hobby“ sei? Die Frage von Moderator Ulrich Höcherl (Blickpunkt Film) irritiert Albrecht – „Hobby ist ein hartes Wort. Dann ist jede Kunst ein Hobby.“

Im Laufe der Diskussion wird immer klarer: Die Sender und ihre Redakteure treten den neuen Machern vielleicht zu bestimmend gegenüber. Bei ihnen regiert zu stark der Wunsch, einen ganz bestimmten Film zu erhalten. Maßgebend ist dafür das Streben nach Reichweite. Aber die Reaktion derjenigen, die sich der Independent-Szene zugehörig fühlen, ist genauso in Frage zu stellen. Man bekommt den Eindruck, dass die Newcomer ihr Ausgeschlossen-Sein geradezu pflegen. Sie setzen zu stark auf finanziellen Minimalismus und Selbstausbeutung.

Schweiger stellt klar, dass „independent“ in den USA nur bedeutet, dass der Film nicht von einem „Major“, also von einem der großen Studios, kommt. „Independent heißt aber nicht low budget“. Warum Arnstedt und Albrecht für ihre Filme keine staatliche Filmförderung beantragen, versteht Schweiger nicht. Da sei doch kein Risiko; zurückzahlen müsse man das Geld ja nur bei Erfolg und nicht bei Misserfolg. „Wenn Du nicht einreichst, bist Du selber schuld“.

Auch Marcus Ammon, der Programmchef von Sky, kann sich mit der Indie-Seite erkennbar nicht komplett identifizieren. Er sucht Filme und Serien, die „explizierter, frecher, kontroverser, mehr gegen den Strich gebürstet“ sind, will dadurch auch „lokale Kompetenz“ des Pay-TV-Senders zeigen, geht auch auf die Indie-Macher zu, hat sich alle Filme des Festivals angesehen. Aber bei den Drehbüchern, die Sky zugeschickt bekomme, sei „unglaublich viel Schrott dabei“. Und die Einsender wüssten immer ganz genau, in welche Richtung Sky jetzt gehen müsse.

Höcherls Kontrollfrage an Andreas Arnstedt führt zwar zu einer gewissen Annäherung. „Wenn Du morgen gebeten würdest, einen Tatort zu inszenieren, würdest Du zusagen?“ Arnstedt räumt ein: „Natürlich!“ Allerdings nur, wenn er ihn so drehen dürfe, wie er es wolle. Til Schweiger weist freilich an anderer Stelle darauf hin, dass niemand die Independent-Filmer aus ihrer Diaspora herausholen werde; „es wird Euch keiner einen Tatort anbieten“ – für ihren Aufstieg müssten die Indie-Macher schon selber sorgen.

Auch in seinem Schlusswort betont Till Schweiger im Stadttheater erneut, independent zu sein, sei keine Leistung – „independent ist man automatisch“. Nach seiner Meinung müsse es doch Ziel der unabhängigen Filmemacher sein, nicht dort zu verharren, wo sie jetzt sind, sondern Schritt für Schritt nach oben zu kommen. Sie müssen doch mit ihren Inhalten viele Leute erreichen wollen. „Du kannst den besten Film der Welt machen – wenn keiner ihn vertreibt oder ausstrahlt, bringt das nichts.“ Das Ziel müsse daher heißen: „Independent im Establishment“. Alles andere sei zu wenig und bewirke letztlich nichts.

Werner Lauff

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